Kriegskinder

Erbe des Zweiten Weltkriegsbu-ludwig1

Von Corinna Willführ

Auf große Resonanz ist die dreiteilige Vortragsreihe „Seelische Gesundheit“ des Dekanats Hochtaunus und der Evangelischen Kirche in der Taunusgemeinde Wehrheim gestoßen. Ihr Thema „Das Erbe des Zweiten Weltkriegs – Wie die Vergangenheit in Familien weiterwirkt“. In Planung eine Gesprächsgruppe für Kriegskinder und Kriegsenkel zum Erfahrungsaustausch.

„Wir tragen hundert Jahre Geschichte in uns“

bu-gallisch
Michael Gallisch, Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Beratungszentrum Mitte der Diakonie Dietzenbach, erklärte, wie wichtig es für Kriegskinder ist „Trotzdem Ja zum Leben zu sagen“. (Fotos: Willführ)

Ein Mann ist mit seinem Enkel auf einer Radtour durch den Frankfurter Stadtwald unterwegs. Unvermittelt ist über ihnen dröhnender Flugzeuglärm zu hören. Der Großvater erzittert. Nur mit Mühe kann er den Buben zurück nach Hause bringen. Er selbst verfällt über Tage in eine Starre, die ihn selbst einfache Dinge des Alltags nicht erledigen lässt. Ärzte diagnostizieren eine Depression, finden aber keine Erklärung für deren plötzliches Auftreten. In Gesprächen mit dem Psychotherapeuten Michael Gallisch erinnert der Senior einen Fliegerangriff, den er als Kind im Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Gallisch ist Leiter der Ehe-, Familien und Lebensberatung im Beratungszentrum Mitte der Diakonie Dietzenbach und hat sich auf die Arbeit mit Kriegskindern spezialisiert. „Trotzdem ‚Ja‘ zum Leben sagen“, war sein Vortrag überschrieben, den er in der Reihe „Wehrheimer Gespräche über seelische Gesundheit“, einer Veranstaltung der Evangelischen Kirchengemeinde Wehrheim und der Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle im Diakonischen Werk Hochtaunus hielt. Das Anliegen der dreiteiligen Reihe, die mit einer Einführung in das Thema durch Anja Mahne vom Diakonischen Werk Hochtaunus eröffnet worden war: „Das Erbe des Zweiten Weltkrieges – Wie die Vergangenheit in Familien weiterwirkt“ zu thematisieren.

Verdrängung als Schutz für die Seele

Im Evangelischen Gemeindehaus Wehrheim ist es ganz still, als Michael Gallisch in einer kurzen Videosequenz die Gesprächsaufzeichnung mit einer seiner ‚Patientinnen‘ zeigt. Die Seniorin kann sich nicht an das erinnern, was sie wenige Beratungsstunden zuvor erzählt hat. Dass sie drei Jahre alt war, als ihr Vater erschossen und ihre Mutter von mehreren Soldaten der Russischen Armee vergewaltigt wurde. Beides hat sie miterlebt. Doch erst als ihre Mutter, „die damals danach ganz anders war“, dement wurde, kehrte das traumatische Erlebnis ins Bewusstsein der Frau zurück. Um zugleich wieder in dieses verdrängt zu werden, abgespalten aus dem gegenwärtigen Leben, das auch 70 Jahre nach Kriegsende sonst nicht zu bewerkstelligen wäre. Der Fachbegriff lautet Dissoziation.
„Der Körper erinnert sich teilweise besser als die Seele“, erläutert Gallisch. „Und das Gedächtnis nach einem traumatischen Erlebnis funktioniert anders.“ Während eine undramatische Erinnerung in der Reihenfolge und mit Sinneseindrücken wiedergegeben werden könne, „fällt das Gedächtnis bei traumatischen Erfahrungen auseinander.“ In der Therapie gelte es, „diese Puzzleteile wieder zusammenzusetzen.“
Noch während des Vortrags melden sich immer wieder Zuhörer zu Wort, berichten von den Erfahrungen ihrer Familien, die aus Ostpreußen vertrieben wurden. „Wegen der Last der Schuld (der Deutschen am Zweiten Weltkrieg und dem Mord an sechs Millionen Juden Anm. der Redaktion)“, so der Psychotherapeut, sei es in den Nachkriegsjahren schwierig gewesen „eigenes Leid zu thematisieren.“ Wie den Verlust von Heimat oder Hab und Gut, die Schmähung, ein Flüchtling zu sein.
„Es war funktional, Nichts zu spüren“, erklärt Gallisch. Nicht zuletzt, weil die Kinder- und Jugendgeneration unter dem Regime der Nationalsozialisten darauf getrimmt war, „Härte statt Empathie“ zu empfinden, sollte doch die deutsche Jugend unter Hitler, „eine gewalttägige, herrische und grausame werden.“
Mehr als 50 Ratsuchende haben sich in den vergangenen Jahren an den Experten in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung gewandt, um ihre Traumata als „Kriegskinder“ aufzuarbeiten. Während Gallisch, heute nur noch Einzelgespräche führt, hat sich die Diplom-Pädagogin Stefanie Ludwig aus Offenbach gemeinsam mit dem evangelischen Theologen Alexander Kaestner auf die Gruppenarbeit mit Kriegskindern spezialisiert. In ihre Arbeit beziehen beide die Erfahrungen und Folgen des Ersten Weltkriegs ein. Denn die heutige Eltern- oder Großelterngeneration, die den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebte, wurde von Eltern und/oder Großeltern erzogen, die den Ersten Weltkrieg als Kinder erlebt hatten. „Wir tragen hundert Jahre Erinnerung in uns“, sagt Stephanie Ludwig.

Das eigene Leben mit liebevollen Augen betrachten

Ziel ihrer Gruppenarbeit mit Kriegskindern ist es, „sie durch ein angeleitetes Erinnern zu einem neuen Verständnis und zu einer Bewertung des eigenen Lebensweges zu führen“, so die Diplom-Pädagogin. In der Rückschau, „das eigene Leben mit liebevollen Augen zu betrachten“. Zu den Methoden, mit denen sie und Alexander Kaestner arbeiten, gehören nicht nur Gespräche, sondern auch Phantasiereisen und Meditation, Inszenierungen und Traumerzählungen, das Betrachten von Fotos das gemeinsame Spielen oder Musikhören. Denn über „andere Methoden treten andere Dinge zutage als einzig über Sprache.“

bu-ludwig
Wo die Sprache erst einmal versagt, können Fotos Erinnerungen hervorrufen: Die Diplom-Pädagogin Stephanie Ludwig inmitten von Aufnahmen von Kriegskindern aus dem Zweiten Weltkrieg.

So ist es gerade die Sprachlosigkeit von Eltern oder Großeltern, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, der bis heute ihre Kinder oder Enkel beschäftigt, ratlos und nicht zuletzt auch hilflos im Umgang mit ihnen macht. „All meine Versuche, mit meinem Vater oder meiner Mutter ins Gespräch über ihre Vergangenheit zu kommen“, berichtet ein Teilnehmer, „sind gescheitert. Ich weiß nicht weiter.“ Ein weiterer hat für sich beschlossen, „dass ihr Schweigen dem Schutz ihrer Seele dient, für sie überlebensnotwendig ist.“ Wohingegen eine Besucherin der Reihe berichtete: „Wenn meine Kinder nicht so hartnäckig gewesen wären, mich zu fragen: Warum tunkst Du auch noch das kleinste Stück hartes Brot in die Milch: Ich hätte das nicht selbst hinterfragt. Ich habe es eben einfach so gemacht.“ Als Kriegskind, das Mangel und Not erlebt hatte.

Interessierte an einer Gruppe von Kriegskindern/Kriegsenkeln in Wehrheim im nächsten Jahr können sich unter s.i.ludwig@web.de oder 0163/3421256 an die Diplom-Pädagogin Stephanie Ludwig wenden. Das Angebot richtet sich an alle Interessierten, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit und soll nicht an einem kirchlich verorteten Veranstaltungsraum stattfinden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.