Mathematik abgehoben

Angst vor der Verständlichkeit

nickelvon Jörg-Peter Schmidt

Lehrer und Professoren unterrichten Mathematik oft zu abgehoben, meint Professor Dr. Gregor Nickel (Foto).

Abgehobener Matheunterricht

Mathe: Dem einen fällt das Rechnen leicht,  andere wiederum durchleiden einen Albtraum. Mancher Schüler erreicht keine gute Note, weil er einfach zu wenig gelernt hat. Aber oft liegt es auch daran, dass  Lehrerinnen oder Lehrer bzw.  Professorinnen oder Professoren  zu abgehoben  unterrichten. Dies war das Fazit, das in einer Informationsveranstaltung des Mathematik-Zentrums Prof. Dr. Gregor Nickel (Universität Siegen) und die etwa 40 Zuhörer in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar nach einem regen Diskussionsaustausch zogen.

Die gemeinsame  Forderung Nickels und des Publikums lautete: Mathematik sollte – soweit möglich ­ ­– grundsätzlich auf verständliche Weise vermittelt werden: Beispielsweise bereits im Kindergarten, wenn die Punkte auf den Marienkäfern „gezählt“ werden, später in der Schule oder im Betrieb am Arbeitsplatz oder der Universität. Man war sich einig, dass  auch die Kommunikation der Mathematiker untereinander oft zu abgehoben erfolge. Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher (Gießen) bringe es auf den Punkt, wenn er von der „Angst der Mathematiker vor der Verständlichkeit“ spricht.

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Prof. Dr. Gregor Nickel während seines Vortrags. Aufmerksam verfoglen die Zuhörer (rechts Friedel Fiedler vom Mathematik-Zentrum) seinen Ausführungen. (Fotos: Jörg-P. Schmidt)

Nickel verdeutlichte in seinem Vortrag, dass es einen großen Kontrast gebe: Nicht nachvollziehbar sei für die meisten Menschen der größte Teil der Mathematik, die aber in vielen Bereichen das öffentliche Leben wesentlich präge. Der Referent brachte hierzu einige Beispiele: „Der Betrieb einer technischen Großanlage erfolgt bei keinem der leitenden Ingenieure auf der Basis eines echten Verstehens der relevanten Mathematik; auch spielt unverstandene Mathematik etwa bei parlamentarischen Wahlverfahren, in der Rentenfinanzierung, bei Steuersystemen und auch in der Wirtschaftspolitik eine Rolle.“ Dies beginne zwar bereits bei den alten Hochkulturen – man denke nur an die Cheops-Pyramide (ca. 2580 v. Chr.) und die Babylonischen Rechentafeln (ca. 3000 v. Chr.) – verschärfe sich aber dramatisch in der Moderne.

Allgemeine mathematische Grundbildung

Gregor Nickel, der Mathematik forscht und lehrt, kam zum folgenden Schluss: Da man als Staatsbürger, aber vielfach bereits im täglichen Leben ständig mit rechnerischen Vorgängen konfrontiert werde, müsse man gewappnet sein, um davon nicht erschlagen zu werden, notwendig sei eine allgemeine, mathematische Grundbildung. Dies umfasse neben einer aktiv beherrschten Elementarmathematik auch die Fähigkeit, über die gesellschaftliche Rolle der Mathematik zu reflektieren und mit den mathematischen Experten zu kommunizieren. Traurige Tatsache sei jedoch, dass viele Kinder und Jugendliche, Studenten Angst vor der Mathematik haben, weil sie vielerorts zu verschachtelt vermittelt werde. Es gebe aber Schulen und Universitäten, an denen dies anders ist, so dass die unsichtbare Mauer zum Verstehen von Lehrstoff abgebaut wird. Solche positiven Beispiele müssten noch viel häufiger werden. Friedel Fiedler, Vorsitzender des Mathematik-Zentrums Wetzlar, bedankte sich für den spannenden Vortrag, für den es langen Applaus gab.

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