LZG-Lesungen

Mit Büchern den Winter bezwingen

von Jörg-Peter Schmidt

Das Literarische Zentrum Gießen (LZG) stellte im Café „Türmchen“ in Gießen sein Programm von Januar bis März 2022 vor, das sich durch hochinteressante, spannende und informative Lesungen sowie Gespräche zu aktuellen, brisanten Themen auszeichnet.

Auftakt ist bereits am Donnerstag, 13. Januar, um 19.30 Uhr im (Kultur im Zentrum, Kongresshalle Gießen). Zu Gast ist dann in der von Tessa Schäfer (LZG) moderierten Präsenzveranstaltung der Freie Journalist und Schriftsteller Dmitrij Kapitelman, der aus seinem neuen Roman mit dem Titel „Eine Formalie in Kiew“ liest.

Hierin geht es um ein  Schicksal, dass es sicherlich in der Realität öfter gibt als man annimmt: Dima lebt bereits seit 25 Jahren in Deutschland und kann mittlerweile besser sächseln als die Beamtin, bei der er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Aber der Bürokratie ist keine Formalie zu klein, wenn es um Einwanderer wie ihn geht: Frau Kunze verlangt eine Apostille aus Kiew, die auch nur dort zu bekommen ist. So reist Dima in seine Geburtsstadt, mit der ihn nichts mehr verbindet außer Kindheitserinnerungen an seine liebenden, unfehlbaren Eltern. 

Autobiographisch geprägte Geschichte

Dmitrij Kapitelman. (Fotoquelle: Christian Werner)

Zum Autor: Dmitrij Kapitelman (*1986 in Kiew) kam im Alter von acht Jahren als »Kontingentflüchtling« mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig, absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und arbeitet heute als freier Journalist. 2016 erschien sein Debütroman „Das Lächeln meines Vaters“, für den er mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis ausgezeichnet wurde.  Der Eintritt zur Lesung beträgt 8 Euro (ermäßigt  6 Euro), LZG-Mitglieder zahlen 4 Euro.

Hanna Brahm und Anika Binsch vorgestellt

Wie vom Literarischen Zentrum der Vorsitzende  Prof. Dr. Sascha Feuchert  und Geschäftsführerin Janine Clemens berichteten, gilt für alle Veranstaltungen  zur Vorbeugung  gegen Corona das 2-G-Plus- Modell.  Lediglich  geboosterte Gäste  sind von der Testpflicht ausgenommen.  Die beiden LGZ-Vorstandsmitglieder hatten die erfreuliche Aufgabe im „Türmchen“, Anika Binsch und Hannah Brahm vorzustellen, die mit jeweils einer halben Stelle für zwei Jahre Janine Clemens vertreten, die ihre Elternzeit wahrnimmt.

Prof. Sascha Feuchert und Geschäftsführerin  Janine Clemens (2. von links) stellten  Anika Binsch (rechts) und Hannah Brahm vor. (Fotos: Jörg-Peter Schmidt)

Hannah Brahm  ist Grundschullehrerin und ihre Kollegin  Anika Binsch hat bereits wissenschaftliche Erfahrung durch ihre Tätigkeit im Rahmen der  Holocaustforschung  an der Justus-Liebig-Universität Gießen gesammelt. Das Wirken  von  Hannah Brahm  und  Anika  Binsch wird von der Stadt Gießen finanziell unterstützt.  Sascha Feuchert  würdigte ausdrücklich das bisherige erfolgreiche Engagement von Janine Clemens für  das  LGZ, die ihre Vertreterinnen  einarbeiten wird.

Wiedersehen mit Klaus Weise

Am Donnerstag, 3. Februar 2022 ist der Herman-Levi-Saal im Gießener Rathaus  Veranstaltungsort einer von Hans-Jürgen Linke (LGZ) moderierten Lesung aus einem Debütroman, den Klaus Weise  geschrieben hat. Titel:  „Sommerleithe – Wortbegehung einer  Kindheit  diesseits und jenseits der Zonengrenze“. Aus der kindlichen Perspektive erzählt der autobiographisch gefärbte Erinnerungsroman von den kleinen und großen Wirrungen dieser Zeit: vom Kalten Krieg, von Kommunismus und Kapitalismus, der 68er-Bewegung und vom Alltag in den Wohlstandsjahren der jungen Bundesrepublik.  Den Theater- und  Filmregisseur sowie Schriftsteller Klaus Weise  kennt man auch in Gießen. Dort gastierte  er 1979 im Stadttheater mit seiner Inszenierung von Oscar Wildes „Bunbury“.

Sasha Marianna Salzmann liest
Sasha Marianna Salzmann (Fotoquelle: Heike Steinweg)

Ein Roman, der  2021 für den Deutschen Buchpreis nominiert war, wird am Freitag, 25. Februar 2022  im Hermann-Levi-Saal im Gießener Rathaus vorgestellt (Moderation: Sandra Binnert, LGZ). Sasha Marianna Salzmann steht dann zum Gespräch zur Verfügung und rezitiert aus ihrem neuen Buch „Im Menschen muss alles herrlich sein“.  Die Theaterautorin, Dramaturgin und Schriftstellerin, die 1985 in Wolgograd geboren wurde,  fragt sich in ihrem aktuellen Roman:    

Wie soll man »herrlich« sein in einem Land, in dem Korruption und Unterdrückung herrschen? Wie soll man diese Erfahrungen überwinden, wenn nicht darüber gesprochen wird? Nina fragt sich in der Erzählung, was ihre Mutter Tatjana und deren Freundin Lena wohl sehen, wenn sie mit ihren Sowjetaugen auf ihre jetzige ostdeutsche Heimatstadt Jena blicken, nachdem sie in den 1990er Jahren die Ukraine verlassen hatten. Anders als Nina stellen sich Lenas Tochter Edi keine Fragen über ihre Herkunft – bis Lenas 50. Geburtstag die vier Frauen zusammenführt, deren Lebenswege unauflöslich über Zeiten und Räume hinweg miteinander verbunden sind.

Gedenken an Katja Behrens

Am Sonntag, 6. März 2022 (11 Uhr, Altes Schloss in Gießen) gedenkt das LZG in Kooperation mit „Gefangenes Wort“ e. V. und dem Kulturamt der Stadt Gießen der Schriftstellerin Katja Behrens, die am 6. März 2021 gestorben ist.

In einer Gedenkveranstaltung wird an  Katja Behrens erinnert. (Fotoquelle:  Anna Lischper)

Sie war mehrmals Gast des Literarischen Zentrums, beispielsweise mit „Der kleine Mausche aus Dessau – Moses Mendelssohns Reise nach Berlin im Jahre 1743“  oder mit ihrem Jugendbuch „Adam und das Volk der Bäume“ an der Liebigschule 2014. Bereits 2008 war die damalige Vize-Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland und Writers-in-Prison-Beauftragte Gastreferentin im Seminar »Literaturpolitik, Literaturevent und Literaturereignis« von Prof. Feuchert an der JLU und gab – u.a. mit dem Satz »Wer lesen will, muss dafür kämpfen, dass andere schreiben dürfen« – den Anstoß für die Entstehung von »Gefangenes Wort«. Der Verein setzt sich für die weltfreie Presse- bzw. Meinungsfreiheit ein.

Leserin bei der Gedenkveranstaltung ist Antje Tiné, die musikalische Umrahmung erfolgt durch Gwendolyn Schneider-Rothhaar und Daria Goldwerk).

Beitrag zum Frauentag

Das LGZ trägt am 8. März 2022 um 19 Uhr im Hermann-Levi-Saal des Gießener Rathauses auch zu den Veranstaltungen im Rahmen  des Internationalen Frauentags bei. Dies erfolgt  in Kooperation mit dem Büro der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der Justus-Liebig-Universität Gießen und dem Kulturamt der Stadt Gießen. Moderatorin ist Nadyne Stritzke (Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der JLU).

Nicole Seifert. (Fotoquelle: Sabrina Adeline Nagel).

In „Frauen Literatur“ analysiert Nicole Seifert frauenfeindliche Strukturen im Literaturbetrieb, nachdem sie sich drei Jahre lang ausschließlich mit Literatur von Frauen – Klassisches  und  Zeitgenössisches, Bekanntes wie Unbekanntes – beschäftigt hat. Dabei merkt sie schnell: Die vielbeschworene »Qualität« ist nicht das Problem, vielmehr verpassen wir das Beste, wenn wir nicht endlich vorherrschende Strukturen überdenken und in unseren Bücherregalen eine Frauenquote einführen.

Roman beschäftigt sich mit Rassismus

Es gibt noch eine zweite Lesung, bei der ein für den Deutschen Buchpreis 2021 nominierter Roman vorgestellt wird. Am Montag, 21. März 2022 (19 Uhr, Stadtbibliothek Gießen) ist Dilek Güngör zu Gast. Dieser Beitrag zum Internationalen Tag gegen Rassismus  findet in Zusammenarbeit mit dem Büro für Integration und der Stadtbibliothek Gießens statt. Moderation: Vera Stelter und Ekatherina Doulia (Büro für Integration der Universitätsstadt Gießen).

„Vater und ich“ heißt das Buch, aus dem Dilek Güngör liest.  Die Handlung: Als Ipeks Mutter mit Freundinnen übers Wochenende wegfährt und sie ihren Vater besucht, weiß sie, dass er am Bahnhof im Auto warten und sie nicht am Zug empfangen wird. Missverständnisse und Unausgesprochenes haben dazu geführt, dass die Nähe, die beide einmal verbunden hat, mit jedem Jahr ein wenig mehr abhandengekommen ist – und mit der Nähe schließlich auch die gemeinsame Sprache.

So versucht Ipek mit kleinen Gesten der Unbeholfenheit, Handgriffen in der Küche und stummem Beieinandersitzen die verzweifelte Sprachlosigkeit zu durchbrechen. 
Dilek Güngör beschreibt die immer offensichtlicher werdende Entfremdung zwischen einer Tochter und ihrem Vater, der als »Gastarbeiter« in den 1970er Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam.

Wie man sich anmelden kann

Mit dieser Lesung endet der „Bücherwinter, auf den man sich freuen darf“, wie  Janine Clemens die Reihe bis zum März  positiv beschrieb: Grade in der kalten Jahreszeit wärmt man sich gern an  interessanter und fesselnder Literatur auf.

Anmeldungen für die Veranstaltungen  sind ab sofort  möglich:

1. Per E-Mail unter anmeldung@lz-giessen.de
2. Über das Kartenreservierungs-Tool auf lz-giessen.de
3. Persönlich über das LZG-Büro (Mo, Di und Do zu den Öffnungszeiten)
4. Persönlich über die Tourist-Info Gießen (Schulstraße 4, 35390 Gießen).

Titelbild: In die Romane, aus denen die Autorinnen und Autoren lesen werden, konnte man nach dem Pressegespräch im „Türmchen“ bereits Einblick nehmen. 


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