Logistikzentren

Bodenversiegelung wird riskant

Von Klaus Nissen

Es war ein schlechtes Jahr für Logistiker in der Wetterau: Gleich drei Großansiedlungen sind 2022 durch Gerichtsverfahren aufgehalten worden. Im Gewerbegebiet „Limes“ bei Hammersbach, beim Rewe-Lager nahe Berstadt und bei der Amazon-Halle in Grund-Schwalheim geht nichts voran. Auch 2023 dürfte sich daran wenig ändern. Das kostet die Investoren Millionen. Und sorgt für frohe Feiertage bei Naturschützern und Landwirten.

Keine Logistik in Hammersbach

Auf dem Acker östlich der Autobahn-Raststätte Langenbergheim wächst kein Weizen mehr. Der Boden wurde Anfang 2022 abgeschabt. Statt seiner schüttete man Schotter auf, goss Beton darüber und baute eine 384 Meter lange und 16 Meter hohe Lagerhalle in den neuen Westteil des interkommunalen Gewerbegebiets „Limes“. Der „ZWIGL“ genannte Zweckverband der Kommunen Hammersbach, Limeshain und Büdingen hat den Bau seit 2016 planerisch vorangetrieben.

Die blau umrandete Fläche im Gewerbegebiet Limes bei Hammersbach ist inzwischen mit einer Logistikhalle bebaut. Doch ihr droht nun der Abriss.

Die Dietz AG aus Bensheim investierte rund 50 Millionen Euro in die Gewerbehalle. Sie wurde schon vor Baubeginn an den saarländischen Elektro-Großhändler Hager vermietet. Der will in den nächsten Tagen eigentlich die fast fertige Halle beziehen, um von aus dort mit etwa 200 Arbeitskräften seine Kabel und Schalter an Kunden auszuliefern.

Doch daraus wird nichts. Denn Ende November setzte der Verwaltungsgerichtshof in Kassel den Bebauungsplan vorläufig außer Vollzug. Bewirkt hat das die Eilklage des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Er hatte zuvor vergeblich versucht, seine Bedenken gegen die Bodenversiegelung und die Beeinträchtigung des Wasserhaushalts, der Tiere- und Pflanzen geltend zu machen.

Formfehler im Bebauungsplan

Nun gaben die Verwaltungsrichter den Naturschützern recht. Denn es liege auf der Hand, dass der Bau einer 73 174 Quadratmeter umfassenden Logistikhalle die Belange des Bodenschutzes beeinträchtige. Außerdem habe es Formfehler beim Aufstellen des Bebauungsplanes durch den Zweckverband anno 2016 gegeben.

Werner Neumann aus Altenstadt leitete früher das Frankfurter Umweltamt. Nun koordiniert er als Landesvorstandsmitglied des BUND Hessen den Widerstand gegen Logistikzentren. Foto: Nissen

Ohne gültigen Bebauungsplan „ist die Halle nicht nutzbar – sie steht so rum“, sagt der zufrieden wirkende BUND-Klageführer Werner Neumann aus Altenstadt. Beim Bauamt des Main-Kinzig-Kreises werde er nun einen formellen Bau- und Nutzungsstopp beantragen. Auch die Gemeinde Hammersbach wehrt sich gegen das Projekt, denn die neue schwarz-grüne Koalition will statt des Logistikbetriebs lieber lokale Firmen am Limes ansiedeln.

Verwaltungsgericht entscheidet 2023

Schadenersatzforderungen durch den Bauherrn müsse sie nicht fürchten, meinte der Anwalt der Gemeinde in einer Sitzung. Denn die Dietz AG habe ja schon 2021 gewusst, dass ihr Bauprojekt umstritten sei. Der Zweckverbands-Vorsitzende und Hammersbacher Bürgermeister Michael Göllner (SPD) habe die Karre sehenden Auges in den Dreck gefahren, ätzt Kim Sen-Gupta von der Bürgerinitiative Schatzboden. „Nun steht Göllner auf seinem zumindest grob fahrlässig angerichteten Scherbenhaufen.“ Der wiederum verweist darauf, dass der Baustopp oder gar ein Rückbau der Halle noch nicht durch sind. Und dass der Kasseler Richterspruch auch die von allen gewollte Bebauung von 2,5 Hektar am Rasthof mit den Niederlassungen kleiner hiesiger Betriebe blockiere.

Wie geht das Ganze weiter? Am 19. Januar entscheidet laut Kim Sen-Gupta das Frankfurter Verwaltungsgericht über die Zukunft des Logistikprojekts. Die Argumente der Gegner müssen dort gehört und gewichtet werden. Womöglich wird 2023 oder später die nagelneue Halle wieder abgerissen. Selbst im suspendierten Bebauungsplan wird sie nicht schöngeredet. Er nennt sie ein „landschaftsuntypisches Funktionalgebäude“

Auf dem Rewe-Acker wächst das Gras

Schon seit Jahren sollten sich die Kräne drehen auf dem 26 Hektar großen Gelände zwischen der Bundesstraße 455 und der A45 bei Berstadt. Für 2023 hatte der Lebensmittelkonzern Rewe die Eröffnung des Logistikzentrums angepeilt. Mehrere hundert Angestellte sollten in täglich 1100 Lkw-Fuhren hunderte Supermärkte mit den Waren aus den Hochregalen der neuen, bis zu 35 Meter hohen Halle beliefern.

Nichts los auf dem Areal für das geplante Logistikzentrum von Rewe bei Wölfersheim. Foto: Nissen

Doch auch dieses Projekt stockt. Die Initiative „Bürger für Boden“ beklagt die Versiegelung eines der fruchtbarsten Ackergelände in ganz Deutschland. Der BUND focht per Eilverfahren die „Zielabweichung“ an, mit der der Regionalverband die Felder zum Gewerbegebiet machte. Ende November entschied der Europäische Gerichtshof, dass Umweltverbände eine Klagebefugnis haben. 2023 wird das Leipziger Bundesverwaltungsgericht in dritter Instanz über den Wölfersheimer Konflikt entscheiden. Werner Neumann vom BUND ist zuversichtlich, dass dann alle Genehmigungen für den Bau der neun Hektar großen Rewe-Halle hinfällig werden.

Die Bauherren von der Rewe Markt GmbH in Rosbach haben die vorliegende, aber unsichere Baugenehmigung bisher nicht genutzt. Eine Konzernsprecherin sagte im November: „Wir warten lieber, bis wir Rechtssicherheit haben.“ Keine Auskunft gibt es auf die Frage, wie sich die jahrelange Verzögerung des Logistikzentrums auf die Belieferung der Supermärkte auswirkt. Sichtbare Engpässe haben die Rewe-Kunden bisher nicht erlebt.

Nichts los in der Amazon-Halle

Seit dem 12. Mai 2021 rührt sich nichts auf der Baustelle an der Kreuzung der B455 mit der Landstraße von Bisses nach Unter-Widdersheim am Ortsrand von Grund-Schwalheim. Das vier Hektar große Areal ist eingezäunt. Die 8500 Quadratmeter große Logistikhalle des Online-Versenders Amazon ist zur Straße hin einsehbar – hier fehlt die komplette Längswand. Links davon stehen nur die beiden Treppentürme für das Parkhaus der Belegschaft. Gut 120 Menschen sollten schon längst im Dreischichtbetrieb die Sprinter der Auslieferungsfahrer beladen.

So soll das Amazon Verteilzentrum in Grund-Schwalheim einmal aussehen. Doch das Projekt stockt. Bisher steht der Rohbau der großen Halle. Foto: Nissen

Doch auch hier stoppte eine Verwaltungsklage des BUND das Millionenprojekt. Die Baugenehmigung des Wetteraukreises sei fehlerhaft, meinen die Umweltschützer. Denn für den Großbau direkt neben dem Naturschutzgebiet in den Horloffauen brauche man eine komplette Umweltverträglichkeitsprüfung.

Werner Neumann vom BUND geht davon aus, dass diese Prüfung nachgeholt wird. Doch das Kreisbauamt meinte schon im Mai, es gebe erstmal keinen Handlungsbedarf. „Der bestehende Baustopp wird durch den Wetteraukreis geprüft“, hieß es damals. Neue Nachfrage im Dezember: „ Es gibt hierzu seitens des Wetteraukreises keinen neuen Sachstand.“

Man hat es offenbar nicht eilig, das Amazon-Verteilzentrum fertigzustellen. Nachfrage bei Steffen Adler, dem Pressesprecher des US-Unternehmens. Er antwortet: „Leider gibt es noch immer keine Updates zum Projekt.“ Vielleicht schwindet ja wegen des eingetrübten Konsumklimas das Interesse an einer Wetterau-Niederlassung. Die Amazon-Aktie sackte laut wallstreet-online.de in den letzten drei Monaten um 28,4 Prozent ab.

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