Klimakonferenz

Gute Absichten für Übermorgen

Von Dietrich Jörn Weder

Greta Thunberg hat die Klimakonferenz in Glasgow schon zur Halbzeit als Fehlschlag bezeichnet. Und das ist sie auch am Ende, wenn man gemeint hat, es würde dort die gewaltige Entscheidungslücke zur Begrenzung der Erderwärmung auf anderthalb Grad Celsius geschlossen. Denn das hätte geheißen, dass alle Konferenzteilnehmer eine Halbierung ihrer temperaturtreibenden Emissionen bis 2030 hätten zusagen müssen.

Das ist selbst für unser strebsames Land viel verlangt, gar nicht zu reden von China und Indien, die das Klima zuerst einmal noch Jahr für Jahr mehr belasten wollen, ehe sie damit 2060 beziehungsweise 2070 ganz Schluss machen, wie sie versprechen.

Dass Xi Jinping nicht nach Glasgow gereist ist, nimmt nicht wunder. Die Volksrepublik China hat in den letzten zehn Jahren mehr Kohle verbrannt als die ganze übrige Welt, und sie baut immer noch ein neues Kohlekraftwerk nach dem anderen. Mit diesem schweren Reisgepäck hätte der Oberchinese in Schottland keine gute Figur gemacht, sondern eher am Pranger gestanden.

Modi und der Monsun

Indien emittiert pro Kopf und im Ganzen sehr viel weniger Treibhausgase als China. Aber das und der Hinweis auf die historischen Klimasünden der Industriestaaten sind keine ausreichende Entschuldigung dafür, bis auf weiteres nichts zur Entlastung des Klimas zu tun, ehe man bestenfalls in einem halben Jahrhundert keine Treibhausgase mehr aufsteigen lässt. Indien kann es nicht riskieren, dass der Klimawandel schon vorher die Regen bringenden Monsunwinde durcheinanderbringt und Millionen zu hungern beginnen. Wäre der in Glasgow anwesende indische Regierungschef Modi nicht besser auch zu Hause geblieben, wenn er so lange warten will?

Bidens Klima-Deal mit Xi Jinping

Joe Biden, der US-Präsident, dem man Einsicht und guten Willen unterstellen kann, hat in Glasgow zwar nicht gefehlt, ist aber im Kongress von der Stimme eines demokratischen Kohlehändlers aus Virginia abhängig. Donald Trump, der republikanische Wahlverlierer, sitzt ihm mit zusammen vielen anderen Klimaleugnern und Kohlefreunden der USA schon wieder im Nacken. Und dennoch: Die zwischen den beiden größten Emittenten, USA und China, in Glasgow vereinbarte Zusammenarbeit im Klimaschutz könnte sich als eine Errungenschaft dieser Konferenz herausstellen, wenn beide Seiten zum Erstaunen der Welt Ernst damit machen.

Kahlschlag mit und ohne Bolsonaro

Über einhundert Ländern, in denen 85 Prozent aller Wälder liegen, haben sich in Glasgow verpflichtet, bis 2030 alle Nettoabholzungen zu beenden. Großartig! Da haben die Kahlschläger und brandrodenden Waldvernichter noch einmal acht Jahre freie Bahn. Und danach? Die zum Gewohnheitsrecht gewordene allgemeine Ausplünderung der Natur lässt sich in Ländern wie Indonesien, Kongo oder Brasilien mit Anordnungen von Oben allein nicht mehr stoppen. Ein abgewählter Bolsonaro bringt allein keine Wende.

Kein Kohlenstoff aus Auspuffrohren und hohen Schornsteinen

Veganer, die mit dem Zug nach Glasgow und anderswohin reisen, machen für das Weltklima keinen fühlbaren Unterschied. Wohl aber, wenn alle Kraftfahrzeuge kohlenstoff-frei angetrieben werden und das möglichst schon vor 2040. Das wäre ein großer Stich. Und ebenso CCS, die Abtrennung und unterirdische Lagerung des Kohlendioxyds aus den Rauchgasen der Kraftwerke. Ohne sie geht es nicht, schon gar nicht in China und Indien. Die deutschen Öko-Hasenfüße hätten das vormachen sollen und daran verdienen können.

Welt-Klima-Inventur von allen für alle

Klimakonferenzen wie COP-26 in Glasgow machen immer wieder vor aller Welt deutlich, wer worin noch im Hintertreffen liegt und wer also noch nachliefern muss. Sie zeigen auf einer für alle sichtbaren Riesenleinwand, wie die Staatengemeinschaft um die Lösung einer alle angehenden Aufgabe ringt und vorerst nicht damit fertig wird. Dafür sind sie gut! Die Klimabelastung aus den vielen tausend Flügen nach Glasgow machen sie wett, wenn sich alle Teilnehmer für das wenige dort Beschlossene zu Hause beim Wort nehmen lassen.

Warten auf Ahrtal-Ereignisse?

Im Übrigen fürchte ich, es müssen erst alle großen Emittenten ihr Ahrtal in der entsprechenden Größenordnung erleben, damit sie in einem Jahr, auf der COP-27, die immer noch gewaltige Lücke zur Begrenzung der Erderwärmung auf anderthalb Grad deutlich verkleinern. Und dazu, ihre nationalen Klimaschutzversprechen schon bis Ende 2022 nachzuschärfen, sind sie in Schottland schließlich aufgefordert worden. Dass man, um im Klimaschutz weiterzukommen, aus der Kohle aussteigen muss, wurde dort auch erstmals für alle Welt festgehalten. Appelle auf geduldigem Papier, die darauf warten gehört und befolgt zu werden!

Glasgow ist zu unserem Glück nicht das Ende der Geschichte. Die offenkundigen und ernsthaften Bemühungen vieler zur Rettung des Klimas sind ein Samen, der hoffentlich noch rechtzeitig aufgehen wird. Gretas lassen sich damit nicht vertrösten.

Dr. rer. pol. Dietrich Jörn Weder war Jahrzehnte lang leitender Umweltredakteur und Fernsehkommentator des Hessischen Rundfunks. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als freier Autor für Print- und Audiomedien. Er betreibt den Blog Wachposten Frankfurt, auf dem er Kommentare zu aktuellen Themen veröffentlicht. wachposten

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