Klaus Mann

Chronist der Flucht

von Bruno Rieb

Es sind so viele Menschen auf der Flucht wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Wie ergeht es ihnen? Klaus Mann hat in seinem Roman „Der Vulkan“ das Schicksal der Deutschen beschrieben, die seit 1933 vor dem Terror der Nazis flohen. Das zuerst 1939 erschienene Buch ist jetzt in einer preiswerten Ausgabe vom Anaconda-Verlag wiederveröffentlicht worden. Die Lektüre lohnt sich gerade in diesen Corona-Zeiten, denn das Buch zeigt, dass Epidemien nichts sind gegen das Leid, das Menschen den Menschen gebracht haben: Krieg, Völkermord, Folter, Verfolgung, Vertreibung.

Flüchtlinge strömen aus dem gemarterten Land

Als in Deutschland der Terror der Nazis gegen alle wuchs und wuchs, deren Meinung oder Nase den selbsternannten Herrenmenschen nicht passte, da mussten immer mehr Deutsche ins Ausland fliehen. „Ein Strom von Flüchtlingen ergießt sich aus dem gemarterten Land: wohin mit ihnen? Wer nimmt sie auf? … Manche Züge voll mit Menschen, die sich schon in Sicherheit wähnten, mussten an den Grenzen wieder umkehren: Das Nachbarland wollte die Unseligen nicht. Sie bringen Unglück, und sie fressen uns arm – dies war das Empfinden der guten Nachbarn. ‚Weg mit euch!‘, riefen sie und verscheuchten die Emigranten wie böse Geister. ‚Sucht euch ein andres Asyl! Nicht bei uns! Ihr verpestet die Luft, die ihr atmet!‘ Wie viel Tränen flossen da, an der Grenzstation. Wie viel Schreie – Männer-, Frauen- und Kinderschreie, ein Konzert von schrillen Dissonanzen, eine Sinfonie der Qual!“

So beschreibt Klaus Mann die Situation damals in seinem Buch und sie kommt einem vor wie heute. Sein Roman ist ein Panorama auf die Geflohenen, die Kommunisten, Sozialdemokraten, Demokraten, Anarchisten und Juden und gerade auch der Ausgestoßenen und Kaputten, der Homosexuellen und Drogensüchtigen, zu denen er selbst zählt. Er verwebt ihre Schicksale. Sie sind ein gärendes Gemisch in den Orten der Zuflucht, Paris vor allem, auch die Schweiz, und schließlich die USA.

Das neue Barbarentum

Klaus Mann mit seiner Schwester Erika 1927. (Bildquelle: Wikipedia)

Der Roman trägt autobiografische Züge. Seine Schwester Erika ist in dem Roman die erfolgreiche Kabarettistin Marion. Ihr legt er die prophetischen Worte in den Mund, aus denen auch der Titel des Buches stammt: „‘Prag wird fallen‘. Marion machte eine abschließende kleine Handbewegung, als wäre dies nun erledigt. ‚Auch die Spanische Republik wird untergehen – ein paar Dutzend Millionäre wünschen es. Tschechische Flüchtlinge, spanische Flüchtlinge; auch französische und Schweizer Flüchtlinge könnte es noch geben -: Woher sollen wir denn all die Affidavits nehmen? – Die Chinesen sterben, anstatt zu fliehen. Millionen sterben. In Wien wütet der Selbstmord wie eine Epidemie. Das neue Barbarentum, die Faschisten, die Hunnen – nicht einmal kämpfen müssen sie! Ohne Kampf lässt man sie siegen! Sie begegnen keinem Widerstand, keinem Gegner! … Man lässt das Scheußliche rasen, zerstören, sich austoben – als wäre es eine Naturkatastrophe! Als lebten wir auf einem Vulkan, der Feuer speit! Es gibt keine Hilfe. Jeder wartet, ob es ihn trifft…“

Die Hoffnung der Geflüchteten war Spanien. Dort verteidigte die demokratische Regierung die Republik gegen den Putsch der Faschisten unter General Franko. Deutschland und Italien unterstützten die Putschisten militärisch. Antifaschisten aus aller Welt eilten den republikanischen Truppen zu Hilfe. 1938 reisten Klaus und Erika Mann nach Spanien, um über den Krieg zu berichten. Die Republik wurde besiegt. Klaus Mann lässt in seinem Roman einen spanischen Soldaten zu seinem deutschen Freund sagen: „‘Unser Feind hat die Hilfe von zwei großen, mächtigen Ländern! Uns hilft niemand. Wir haben nichts mehr zu fressen und fast keine Munition. Warum hilft uns keiner?‘ Er schien fassungslos über die Feigheit und Dummheit der Welt. Er starrte seinen deutschen Freund fassungslos an ‚Will man denn, dass wir zugrunde gehen? Warum lassen uns alle im Stich?!‘“

Etwas Schönes, Wichtiges und Bedeutendes
Klaus Mann 1933. (Bildquelle: Wikipedia)

Klaus Mann spiegelt sich selbst in dem Buch als der homosexuelle und drogensüchtige Martin Korella. Der kann – wie er selbst – dank seiner reichen Eltern im Exil ein Leben im Luxus führen. Martin stirbt „im letzten Stadium des Morphinismus“ an einer Lungenentzündung. Die Eltern kommen nach Berlin. Klaus Mann lässt Martins Vater posthum über seinen Sohn sagen: „‘Der Junge wusste eben überhaupt nicht, was das bedeutet: Geld! (…)‚Diese ganze sogenannte Emigration war doch nur ein ungeheurer Luxus, und ich musste ihn zahlen! Der Junge hatte ja immer schon die fixe Idee, dass er nur in Paris leben könne – wie oft musste ich ihm diese verrückte Bitte abschlagen: ihn nach Paris übersiedeln zu lassen! Nun, dann kam Hitler, und unser Martin hatte endlich seinen Vorwand, zu behaupten, es sei in Deutschland nicht mehr auszuhalten! Andere haben es auch ausgehalten! (…) Aber unser Martin tat sich ja immer so viel auf seine Sensibilität zugute – diese elegante Empfindsamkeit auf meine Kosten!‘“

Im wirkliche Leben hielten es der erfolgreiche Schriftsteller Thomas Mann und seine Frau Katja nicht mehr lange in Deutschland aus. Sie flüchteten in die Schweiz und später in die USA. Vom Buch ihres Sohnes waren sie ganz angetan. „Ich meine wirklich, dass Dir da etwas Schönes, Wichtiges und Bedeutendes gelungen ist, ein Zeitdokument von bleibendem Wert“, lobte Katja. Papa Thomas lobte, das Buch habe ihn „so gehalten, amüsiert und bewegt, dass ich in einigen Tagen, manchmal bis spät über Mieleins Lämplein hinaus, Wort für Wort durchgelesen habe“. Klaus sei „lange nicht für voll genommen worden“, man habe ein „Söhnchen“ in ihm gesehen, „einen Windbeutel“, er habe das nicht ändern können, gesteht Thomas seinem Zögling und fährt anerkennend fort: „Aber es ist nun wohl nicht mehr zu bestreiten, dass Du mehr kannst, als die Meisten.“ Angetan ist Thomas Mann davon, wie Klaus seine Schwester Erika in dem Roman beschreibt. Er spricht von einer „wirklich geliebten und bewunderten, ernsten und starken und kämpferischen Figur, die dem ganzen Rückgrat gibt, die im Zentrum steht und zu der der ganze schwache Schwarm sozusagen hilfesuchend hinstrebt“. „Der Vulkan“ sei ein Buch „dessen die deutsche Emigration sich auch unter dem Gesichtspunkt der Würde, der Kraft und des Kampfes nicht zu schämen hat, sondern zu dem sie sich, wenn sie nicht neidisch ist, froh und dankbar bekennen kann“.

Klaus Mann wurde nur 42 Jahre alt. Er starb am 21. Mai 1949 in Cannes an einer Überdosis Schlaftabletten.

Klaus Mann: Der Vulkan, Hardcover mit Schutzumschlag, 656 Seiten, 12,2 x 18,7 cm, 6,95 Euro, ISBN: 978-3-7306-0849-4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.