Jüdisches Landleben

„Sie waren hier“ – eine Dauerausstellung

Von Corinna WillführLB-Synagoge-4

Die neue Dauerausstellung „Sie waren hier – Jüdisches Landleben in Südhessen“ im Freilichtmuseum Hessenpark bietet auf rund 140 Quadratmetern Besuchern in der wieder errichteten Synagoge aus Groß-Umstadt, die Möglichkeit, mehr über Glauben, Kultur, Erwerbsleben, Emanzipation, Integration und Verfolgung der Juden in Südhessen – und darüber hinaus – zu erfahren.

Hessenpark zeigt jüdisches Landleben

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Geschichte zum Scrollen: Aus dem Leben der Familie Oppenheimer. (Fotos: Willführ)

Es ist still. Um das Gebäude 1 mit dem lila Punkt auf dem Lageplan des Freilichtmuseums Hessenpark, das zur Baugruppe Südhessen gehört. Auch in seinem Innern. Draußen ist mal ein Vogelruf zu hören, drinnen das gleichmäßige Surren einer Klimaanlage. Der Bau aus Bruchsteinen mit einem fast quadratischen Grundriss ist ein Nachbau der Synagoge, die im Mai 1874 in der südhessischen Kommune Groß-Umstadt als Gotteshaus für die jüdische Gemeinde von dem damaligen Landesrabbiner eingeweiht worden war. Seit Ende Mai ermöglicht eine neue Dauerausstellung des Hessenparks dort einen Einblick in vier jüdische Familienbiographien aus Groß-Umstadt, Oberursel, Michelstadt und Fränkisch-Crumbach sowie in einem zweiten Schwerpunkt auf die Geschichte der Synagogen in Groß-Umstadt, Dieburg, Michelstadt und Zwingenberg.

Synagoge als Schuppen genutzt
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Die wieder aufgebaute Synagoge aus Groß-Umstadt im Freilichtmuseum Hessenpark.

Während in der Pogromnacht vom 9. November 1938 viele Synagogen in Flammen aufgingen, zerstörten die nationalsozialistischen Horden in Groß-Umstadt „nur“ den Innenraum der Groß-Umstädter Synagoge, ließen die Mauern aber stehen. Auf dass er fortan als Schuppen genutzt wurde – vom damaligen Bürgermeister der Gemeinde. In den Besitz des Hessenparks kam das marode Gebäude im Jahr 1979 – fünf Jahre nach Eröffnung des Freilichtmuseums. Viele Jahre fristete es dort ein Schattendasein bis es nach aufwändiger Sanierung im Juni 2012 erstmals den Besuchern zugänglich gemacht wurde.
Seit Ende Mai 2016 beherbergt es nun die Dauerausstellung „Sie waren hier – Jüdisches Leben in Südhessen“, entstanden in einer Kooperation mit dem Jüdischen Museum, dem Fritz-Bauer-Institut, beide in Frankfurt, dem Land Hessen und dem Runden Tisch Jüdisches Leben in Groß-Umstadt.

Sie mussten ihre Heimat verlassen
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Blick von der Empore in den Hauptraum der Ausstellung

Claudio Gomma, Brasilien, Feodora Oppenheimer aus Frankreich, Ruth-Luise David aus England. Drei Namen von Menschen, die mit der Ausstellung eine Verbindung haben, die Dokumente, Informationen, Materialien zur Verfügung gestellt haben – zur Erinnerung an ihre Familiengeschichte. Eine Geschichte, die ihre Vorfahren aufgrund ihres jüdischen Glaubens zwang, ihre Heimat zu verlassen. Eine Geschichte, die für viele ihrer Familienmitglieder den Tod in einem Konzentrationslager der Nationalsozialisten bedeutete.
Rechts vom Eingang eine kurze Einführung mit knappen Texten, einigen Fotos, die das jüdische Leben vor, während und nach dem Holocaust dokumentieren. Links in einem weiteren kleinen Raum Fotografien aus der Lebensgeschichte vierer jüdischer Familien aus Südhessen. Per Knopfdruck zu Scrollen in digitalen Bilderbüchern.
Im Hauptraum: Kalt, grau und stählern anmutend „sechs Vitrinen“ – mitnichten aus Glas -, die „zentrale Themen jüdischen Lebens“ dokumentieren. „Glaube“, „Kultur“, „Erwerbsleben“ oder „Emanzipation“ und „Verfolgung“ steht in schwarzen Lettern auf den Containern. Man muss Schubladen aufziehen, um zu erfahren, wie das jüdische Neujahrsfest Rosh-ha Schana gefeiert wurde, um Fotos ansehen zu können, die beispielsweise in 1931 dokumentierten, dass die jüdischen Schwestern Inge und Ruth Mayer Brautjungfern bei ihrer christlichen Nachbarin waren.

Synagogen vor und nach der Pogromnacht
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„Wie Ehrfurcht gebietend ist diese Stätte“ – Auszug aus der Inschrift in Hebräisch über dem Eingang der Synagoge.

An einer von drei Audiostationen ist die Stimme von Kätchen Brachert zu hören. Sie war vor den Judenpogromen der Nationalsozialisten Hausmädchen in einer jüdischen Familie, erzählt wie streng getrennt die Lebensmittel in einem koscheren Haushalt nach „Milch-Ding“ und „Fleisch-Ding“ waren. Ihre Erzählung verbindet sich allerdings nicht direkt mit den Dokumenten aus einer der Schubladen. Oder ist es nur fehlende Aufmerksamkeit, weil, wenn man ihrer Stimme zuhört, gleichzeitig der Blick auf eine Karte gelenkt wird. Eine Karte, auf der es blinkt, mal an vielen Stellen, dann an immer wenigeren. Ein Länderumriss, auf die Wand projiziert, der die Synagogen vor und nach der Reichspogromnacht aufzeigt – allein ohne jede Orientierung zum Beispiel zu einer Stadt wie Frankfurt oder auch zu Groß-Umstadt, denn schließlich ist es diese Synagoge, in der das „Jüdische Landleben in Südhessen“ im Hessenpark dokumentiert wird.

Das Schicksal der jüdischen Gotteshäuser

Auch auf der Empore, im jüdischen Gottesdienst den Frauen vorbehalten, setzt sich das Konzept, der „Spurensuche beim Öffnen von Schubladen“ fort. „Begonnen mit der Erbauung der Synagogen wird gezeigt, was im Verlauf der Geschichte mit den Gebäuden passiert ist. Gab es Um- oder sogar Neubauten? Was geschah in der Nacht der Novemberpogrome mit Ihnen? Wurden sie zerstört? Und wenn nicht, wie wurden sie weiter genutzt?“
Fragen, die auch im Begleitprogramm für Schulklassen der Jahrgangsstufen 3 bis 13 zum Thema „Judentum im ländlichen Hessen“ beantwortet werden. „Nach einer Führung durch die Dauerausstellung gehen die Schüler in kleinen Gruppen lehrplanorientierten Fragestellungen zum Thema nach. Mit Hands-on-Elementen und Arbeitsmaterialien ermitteln und präsentieren sie ihre Ergebnisse und zeigen anhand der Erfahrungen der Vergangenheit Chancen und Bedrohungen eines interreligiösen und interkulturellen Zusammenlebens auf.“

Beratung und Buchung für dieses Angebot unter buchung@hesssenpark.de oder telefonisch unter 06081/588-333.
Öffnungszeiten der Dauerausstellung: bis Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr.

hessenpark.de

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