Jörg Lau

Täglich hohle Phrasen

von Michael Schlag

Wie leichtfertig gehen wir mit Sprache um. Wie gedankenlos übernehmen wir vorgegebene Worte, sagen und schreiben sie einfach weiter. Man sollte viel öfter mal innehalten und kurz überlegen: wer, was und welche Geschichte steckt eigentlich dahinter, welche Interessen transportiert so ein Wort? Das Buch „Worte, die die Welt bedeuten“ von Jörg Lau hilft ganz ausgezeichnet dabei. Es geht um die Phrasen der Außenpolitik, die wir täglich zu hören und zu lesen bekommen.

Vernebeln statt klären

Jörg Lau ist Redakteur für Außenpolitik bei der ZEIT, und wie es scheint, hatte er irgendwann das Gefühl, er müsste mal etwas klarstellen. „Globaler Süden“, „Systemischer Rivale“, „Multipolare Weltordnung“, „Internationale Gemeinschaft“ – was bedeutet das denn immer und wer hat ein Interesse, solche Begriffe in die Welt zu setzen? Oft genug bedeuten sie gar nichts, vernebeln mehr als sie klären, rufen Hirngespinste oder Wunschdenken auf. Insgesamt listet Jörg Lau 80 Worte auf, erklärt gründlich, was sie wirklich bedeuten. Alphabetisch geordnet, sehr gut und kompakt geschrieben, alle Texte mit großem Gewinn zu lesen. Meist braucht Lau dazu nicht mehr als zwei Seiten.

Abnutzen – Ausbluten

Drei Beispiele aus dem aktuellen außenpolitischen Geschehen: „Abnutzungskrieg“, damit beginnt die Liste, der Krieg Russlands gegen die Ukraine wird manchmal so bezeichnet. Ein über hundert Jahre altes Zitat aus dem Ersten Weltkrieg macht klar, welch grauenhafte Haltung dahintersteht: „Dem deutschen Generalstabschef Erich von Falkenhayn kam es 1916 beim Angriff auf Verdun nicht darauf an, die Stadt einzunehmen. Es ging ihm darum, die Franzosen bei deren Verteidigung ‚auszubluten‘“. „Ausbluten“ – das hört sich anders an als Abnutzen. Dabei ist das Wort auf den Ukrainekrieg heute überhaupt nicht anzuwenden. Wenn es ein Abnutzungskrieg wäre, dann hätte sich die Ukraine niemals so lange gegen die militärische Übermacht Russlands zur Wehr setzen können.

Jörg Lau Foto © Sebastian Bolesch
Besonnene Hybris

„Besonnenheit“ – auch so ein Wort. Es sollte die Politik des früheren Kanzlers Olaf Scholz beschreiben, also selbstbeherrschte Gelassenheit, leidenschaftslose Urteilskraft und andere starke Charaktereigenschaften mehr. Vor lauter Besonnenheit bekam die Ukraine aber aus Deutschland nicht die Hilfe, die das Land in Not gebraucht hätte. Sondern die Hilfe kam aus Frankreich, Großbritannien und USA. Waren die alle unbesonnen, fällten Entscheidungen zu schnell und ohne ausreichendes Nachdenken? Jörg Lau nennt die Besonnenheit der deutschen Politik schlicht „deutsche Hybris.“

Bewaffnete Entspannung

Noch ein Beispiel: „Entspannungspolitik“, ein besonders starkes Kapitel. Wo kommt das Wort her? „Im ersten Kalten Krieg kamen die USA und die Sowjetunion nach der nur knapp vermiedenen Katastrophe in der Kuba-Krise 1962 zum Schluss, dass ihre Rivalität (die global ungehindert fortgesetzt wurde) durch Entspannung begrenzt werden musste.“ Egon Bahr und Willy Brandt, die großen deutschen Entspannungspolitiker, waren allerdings tatsächlich bis an die Zähne bewaffnet. Deutschland gab zu der Zeit über vier Prozent des Bruttosozialprodukts für das Militär aus. Die Bundeswehr erreichte 1972 mit fast einer halben Million Soldaten den höchsten Personalstand ihrer Geschichte. Will sagen: „Die Entspannungspolitik war mit historisch hohen Verteidigungsausgaben unterlegt.“

Zweistaatenlösung und Staatsraison

Das Buch endet mit „Zweistaatenlösung“. Seit Jahrzenten der Konsens, „wie der über 100-jährige Konflikt im Nahen Osten gelöst werden sollte“. Hat das Wort heute noch irgendeinen Wert? Die aggressive israelische Siedlungspolitik habe seither jegliche Idee palästinensischer Autonomie ad absurdum geführt, schreibt Lau. Aber „die deutsche Außenpolitik trug das Wort Zweistaatenlösung weiter wie eine Monstranz vor sich her“. Dazu gehört, nochmal zurück geblättert, „Staatsraison“. Eingeführt 2008 von Angela Merkel in ihrer Rede vor der Knesset zum 60. Bestehen des Staates Israel; die Sicherheit Israels sei Teil der deutschen Staatsraison. Und heute? Die Rede von der Staatsraison sei aus der hehren Absicht entstanden Deutschlands Verpflichtung gegenüber Israels Sicherheit der Debatte zu entziehen, schreibt Jörg Lau. Erreicht habe sie etwas Anderes: „Deutschland ist Israel gegen über politikunfähig geworden.“

Es gibt noch viel mehr Kapitel: „Ein-China-Politik“, „Stellvertreterkrieg“, „Westbindung“ – das Buch ist eine ausgezeichnete Lektüre für jeden politisch Interessierten. Schon die nächsten Nachrichten hört man etwas anders. Und es sollte immer griffbereit auf dem Schreibtisch von jedem politischen Redakteur stehen.

Leseprobe:

https://www.book2look.com/book/9783426562420

Jörg Lau: Worte, die die Welt beherrschen – Was die Phrasen der Aussenpolitik wirklich bedeuten, Verlag Droemer, 2025 ISBN 978-3-426-56242-0, 191 Seiten, 18,- Euro, E-Book 15,99 Euro

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