Irmgard Keun

Keine Illusionen: Die Hölle regiert“

Von Klaus Nissen

Wer in Moskau aktuell ein falsches Wort sagt, riskiert Gefängnis. Wie würden wir uns verhalten, wenn wir dort lebten? Hätten wir genug Mut, den Krieg gegen die Ukraine anzuprangern? Irmgard Keun wäre skeptisch. Die 1905 geborene Autorin hat nach 1933 zugehört und aufgeschrieben, wie sich ganz normale Leute in einem diktatorischen Regime verhalten. Das gab es damals in Deutschland. Keun machte daraus den zumeist in Frankfurt spielenden Roman „Nach Mitternacht“. Gebannt lauschten am 6. Mai 2022 die Gäste im Alten Hallenbad in Friedberg den von Susanne Grawe gesprochenen Episoden. „Ein Schauder läuft uns über den Rücken“, notierte einst Klaus Mann nach der Lektüre des Buches. Den Gästen in Friedberg ging es wohl ähnlich.

Die Menschen arrangieren sich mit der Diktatur

Einmal wird im Buch die 19-jährige Hauptfigur Susanne Moder in Köln von der Gestapo vorgeladen. Sie soll über Göring und Himmler gelästert haben. Und während sie auf ihre Vernehmung wartet, kommen lauter Leute, die etwas anzuzeigen haben. Im rheinischen Singsang zitierte Susanne Grawe Nachbarn, die ihre Nachbarn verpfeifen, Kollegen, die sich gegenseitig denunzieren und Leute, die Verwandte anschwärzen. Susanne:„Bei mir war längst klar, dass die Tante Adelheid mir die ganze Scheiße eingebrockt hat.“ Die national gesinnte Tante war eifersüchtig, weil ihr geliebter Sohn Franz die Cousine Susanne verehrt.

Der Historiker Thomas Sieben hat sich intensiv mit dem Leben der Schriftstellerin Irmgard Keun (1905 – 1982) beschäftigt. Fotos: Nissen

Später wohnt Susanne genau wie ihre Erfinderin Irmgard Keun in Frankfurt, berichtete der Historiker Thomas Sieben bei der Lesung im Alten Hallenbad. Susanne sucht Arbeit und verkehrt unter linksliberalen Intellektuellen, die verzweifelt überlegen, wie sie im NS-Regime überleben können. Susannes schriftstellernder Halbbruder Algin beginnt, ein patriotisches Buch zu schreiben. Andere wenden sich historischen Themen zu. Algins Journalisten-Freund Heini lästert: „Ein Schriftsteller, der Angst hat, ist kein Schriftsteller.“ Der einstige Star-Journalist Heini lebt in einer Absteige im Bahnhofsviertel. Und erschießt sich kurz vor Mitternacht auf einer Party in der schicken Wohnung des anpassungsfähigen Algin.

Turbulente Beziehung zu Joseph Roth

Im Roman wie in der Wirklichkeit entfliehen Susanne und ihre Autorin Irmgard Keun der beklemmenden Situation 1936 nach Holland. In Ostende freundet sich Keun mit dem verfolgten Starjournalisten Joseph Roth an. Thomas Sieben zitierte bei der Lesung Briefe von Keun. Darin beschreibt sie, wie sie neben Roth im Café sitzt, viel zu viel Alkohol trinkt und fieberhaft schreibt. Beide gehen eine turbulente Beziehung ein, die nach zwei Jahren auch ihrer Aussichtslosigkeit scheitert. Thomas Sieben zitierte einen schon 1933 von Joseph Roth verfassten Brief an seinen Gönner Stefan Zweig: „Ich gebe keinen Heller mehr auf unser Leben. Machen Sie sich keine Illusionen: Die Hölle regiert“.

Joseph Roth geht 1939 an seinem Alkoholismus und seiner Verzweiflung zugrunde. Irmgard Keun dagegen reist zu ihrem Verlobten in die USA, kehrt noch während der NS-Zeit nach Deutschland zurück und überlebt unter dem Radar der Nazis bei Verwandten. Nach dem Weltkrieg stockt ihre literarische Karriere. Laut Thomas Sieben wegen ihres Alkoholismus und ihrer damals als „unmodern“ empfundenen Bücher. Auch weil der nach dem Krieg tonangebende Literaturkritiker Friedrich Sieburg ein alter Nazi gewesen sei.

Susanne Grawe las im Alten Hallenbad in Friedberg Passagen aus „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun.

Doch einen ganz starken Auftritt hat Irmgard Keun noch 1981, ein Jahr vor ihrem Tode. Susanne Grawe und Thomas Sieben ließen die Café-Szene aus der Romanverfilmung über die Stirnwand des Alten Hallenbads laufen. Da muss die junge Desirée Nosbusch als Susanne mit ihrer Freundin Gerti wie alle anderen Gäste aufstehen und den Arm recken, als eine Rede des „Führers“ aus dem Lautsprecher quakt. Nur eine alte Dame in der Ecke bleibt sitzen und streckt verächtlich ihre Zunge heraus. Das ist die echte Irmgard Keun.

Die nächste Veranstaltung im Alten Hallenbad wird musikalisch: Am Freitag, 13. Mai 2022 tritt ab 19.30 Uhr Edgar Knecht mit seinem Jazz-Trio an der Haagstraße 29 auf.

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