Hochwasser

Nasse Füße, geflutete Keller

von Corinna Willführ, Michael Breuer, Ursula Wöll, Jörg-Peter Schmidt, Klaus Nissen, Bruno Rieb

Die Innenstadt von Büdingen hat am Freitag, 29. 1. 2021 „Land unter“, in der Gemeinde Kefenrod im Wetteraukreis ist kaum mehr eine Straße passierbar. Über Nacht haben Dauerregen und das Tauwasser aus den Höhen des Vogelsbergs Bäche in sehr gefährliche Wassermassen anschwellen lassen. Auf dem Vogelsberg regneten zuvor 30 Liter Wasser pro Quadratmeter ab. Zusammen mit dem schmelzenden Schnee rollte eine wahre Flut auf die Orte der östlichen Wetterau zu. Auch in Mittelhessen drohen Überschwemmungen. An einigen Nebengewässern der Lahn wurde die erste Hochwassermeldestufe überschritten, teilte das Regierungspräsidium Gießen mittags mit.

Wohnungen in Büdingen unter Wasser

Bis in den Freitagabend hinein evakuierten Feurwehrleute und Aktivbe der DLRG und des Technischen Hilfswerks Bewohner der Büdinger Altstadt. In manchen Gassen stand das Wasser hüfthoch. In Schlauchbooten paddelten die Helfer mit ihnen ins Trockene. Das Kursana-Pflegeheim mit 110 Bewohnern musste ebenfalls evakuiert werden, weil dort der Strom ausfiel. Die bettlägerigen Bewohner wurden ins höher gelegene Mathildenhospital umquartiert. Mehrfach gerieten Schaltkästen in Brand, weil die Feuerwehr den Strom in der Altstadt wegen der vielen Wasserpumpen nicht ausschalten konnte.

Am Freitagabend ging das Hochwasser in Büdingen um etwa 20 Zentimeter zurück. In Ortenberg-Bleichenbach zog sich der gleichnamige Bach in sein Bett zurück. Nach Angaben der Bürgermeisterin Ulrike Pfeiffer-Pantring hatte er zuvor aber den Kindergarten im Stadtteil überflutet. Der Pegel des Baches war binnen weniger Stunden von 20 Zentimetern auf 1,90 Meter gestiegen.Am Usa- Pegel in Friedberg wird das Hochwasser nach der Prognose der Meteorologen schnell, an der Wetter in Bruchenbrücken erst mit Verzögerung und langsamer zurückgehen. An der mittleren und unteren Nidda wird nur mit moderatem Hochwasser im Bereich Meldestufe 1 gerechnet. Aktuelle Hochwasserberichte und Pegelstände gibt es auf der Webseite www.hochwasser-hessen.de

Bernd Schröder von der Initiative Eichelsachen meldete schon vormittags in einem Video auf Youtube „1,20 Meter Wasserstand“. Schröder ist Autor des Buches „Im Eichelbachtal“ und direkter Anlieger an dem sonst eher ruhig fließenden Gewässers. „Den höchsten Wasserstand in diesem Jahrhundert hatten wir am 23. Dezember 1967 mit 1,30 Meter“, sagt er. An das größte Hochwasserereignis in der heutigen Stadt Schotten erinnert im Mahnsockel am Pfarrhaus von Eschenrod: „Die große Flut“ vom 3. Juni 1823. Die allerdings war Folge „dass am 2.6. gegen 6 Uhr abends vom Oberwald zwey Gewitter zusammen (kamen) und wollten nicht weichen.“ Der Wolkenbruch, der sich anschließend ergoß, füllte die Bäche so, dass „an dem Bache 2 Häuser und 21 Personen in der Fluth umkamen.“

Die Nidder wurde über Nacht doppelt so breit

Landbote-Autorin Corinna Willführ aus Ortenberg berichtet: Der asphaltierte Weg zwischen Ortenberg Stadtmitte und zur Neumühle im Ortsteil Selters entlang der Nidder – insbesondere von Menschen mit Hunden gerne genutzt – war verwaist. Der Grund: Über Nacht war der meist ruhig dahin fließende Bach, ein Zubringer zur Nidda, zu einem doppelt so breiten Fluss geworden. Mit beängstigender Strömung, in der Dutzende von abgestorbenen Baumstämmen, Gehölz und Laub in einem Sog aus dem Vogelsberg gen Westen trieben. Um 11 Uhr meldete denn auch das Hessische Landesamt für Naturschutz und Geologie auf seiner Homepage die Meldestufe 2.

In die andere Richtung in die höher gelegenen Teile der Strecke gen Eckardsborn und Lißberg könnte es doch besser sein. Auf dem Weg über die steinerne Brücke an der Kalbsvilla kommt mir eine alteingesessene Ortenbergerin mit ihrer Promenadenmischung entgegen. „Ne, da geht heute nix mehr“, sagt sie. „Nicht in die eine und nicht in die andere Richtung“, sagt sie mit Blick auf den überfluteten Parkplatz am Ortseingang an der Abfahrt nach Wippenbach.

Der Regen hat nachgelassen. Doch das Blaulicht, mit dem die Feuerwehrfahrzeuge, die vom Stützpunkt der Wetteraustadt in die Stadtteile aufbrechen, ist ein ums andere Mal zu hören. Wer an die Freiwilligen Feuerwehren denkt, sitzt mitunter der irrigen Annahme auf, sie seien nur Helfer bei Bränden. Mitnichten: An diesem Tag sind sie im Hochwasserschutz aktiv, pumpen Keller leer, helfen Bedürftigen.

Überall steigende Pegel

Landbote-Autor Michael Breuer aus Hüttenberg hat den Schwingbach neben der L3360 fotografiert, der Hochwasser führt. Im Vergleich dazu ein Foto das „braven“ Schwingbach mit normalen Dimensionen.

Der Schwingbach bei Hüttenberg in normalen Zeiten und mit Hochwasser. (Fotos: Michael Breuer)

Landbote-Autorin Ursula Wöll nimmt das Hochwasser eher gelassen: die Lahn war gestern noch in ihrem Bett, auch sonst sichte ich kein Hochwasser weit und breit. Als ich Kind war, waren hier die Wiesen immer überschwemmt, zugefroren, und wir sind darauf Schlittschuh gelaufen. Mit solchen, die man anschrauben musste. Das Grundwasser jauchzt vor Freude.

Landbote-Autor Bruno Rieb hat sich angeschaut, wie die frisch restaurierte Brücke über die Wetter bei Gambach den anschwellenden Fluten trotzt. Es soll die älteste Wetterbrücke sein. Wegen ihrer handwerklichen Qualität sei sie auch siedlungsgeschichtlich bedeutsam, heißt es in der Denkmaltopographie für den Wetteraukreis. Bei der Restaurierung Ende vergangenen Jahres wurden die beiden Brückenbögen durch Rohre verstärkt. Dadurch ist allerdings der Durchlauf deutlich reduziert worden. Freitagnachmittag war noch etwas Platz.

Noch höhere Wasserstände zu erwarten

Laut Modellrechnungen des am Regierungspräsidium (RP) Gießen angesiedelten Hochwasserlagezentrums Lahn (HWLZ-Lahn) werden weitere Meldestufenüberschreitungen auch an der Lahn eintreten, berichtet der RP in einer Pressemitteilung, „Nach bisherigen Erkenntnissen ist davon auszugehen, dass an den Oberläufen der Nebengewässer der maximale Wasserstand voraussichtlich am Freitag, 29. Januar 2021 zur Mittagszeit erreicht und hierbei zumeist die Meldestufe I überschritten wird“, erwartet Ines Walter im HWLZ-Lahn. Dieses befindet sich in einem mehrstöckigen Gebäude an der Marburger Straße Ecke Rodtberg in Gießen. Von hier beobachtet die RP-Mitarbeiterin mit ihrem Kollegen Hartmut Köster, wie sich die Lage an der Lahn und ihren Nebengewässern zwischen Limburg, Biedenkopf und Schotten entwickelt. 

Meldestufe I bedeutet, das Gewässer tritt teilweise über die Ufer. „Wir erwarten höchste Wasserstände an den Lahnpegeln am Samstag, 30. Januar  in der ersten Tageshälfte“, berichtet die RP-Mitarbeiterin. Ein Erreichen oder Überschreiten der Meldestufe II kann an einzelnen Pegeln an der Lahn und deren Nebengewässer momentan nicht ausgeschlossen werden.

Das HWLZ-Lahn überwacht, wie sich das Abflussgeschehen entwickelt. Für ihre Prognosen verfügen die RP-Experten über die aktuellsten Daten, von den jeweiligen Pegelständen bis zu den Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes. Diese sind für die nächsten 24 Stunden mit einer hohen Genauigkeit präzise. Aktuelle Hochwasserlageberichte, örtlicher Wasserstände und Vorhersagen können auf der Internetseite des Hochwasserlagezentrums Lahn unter hwlz.de und im Hochwasserportal des Landes Hessen hochwasser-hessen.de verfolgt werden.   Soweit der Pressebericht des RP.

In Gießen gibt es Überschwemmungen unter anderem im Bereich des Schwanenteichs. Auch das Umland ist betroffen.

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