Antifaschismus

Abschied vom Hitler-Mädchen

Von Bruno Riebvaupel

Ein Buch der Wandlung. Ursula Vaupel erzählt von ihrer Jugend als Hitler-Mädchen und blickt zurück, als sei sie vor sich selbst erschrocken. Tagebucheinträge des einstigen Nachbarjungen und Juden Paul Kester ergänzen die Beschreibung der Katharsis einer Irregeleiteten, die – obwohl selbst Körperbehindert – dem Rassenwahn der Nazis anhing.

Kein vollständiger Mensch

Ursula Vaupel ist 13 Jahre alt, überzeugte Nationalsozialistin und will die Führerinnen-Ausbildung im Bund Deutscher Mädchen absolvieren. Trotz aller NS-Treue und Begabung wird sie abgelehnt. „Es ist da etwas Grundsätzliches, es ist, dass ich einfach mit einem nicht vollständigen Körper auch kein vollwertiger Mensch bin. Ja, ich bin minderwertig und gehöre zu der Sorte Mensch, die als ‚erbkrank‘ angesehen werden könnte. Andererseits weiß ich doch, dass ich nicht erbkrank bin, dass keiner meiner Vorfahren mit nur einer Hand geboren wurde. ‚Unfall im Mutterleib‘ haben die Ärzte damals nach meiner Geburt gesagt“, schreibt Vaupel. Ihr fehlte bei der Geburt ein Unterarm.

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Ursula Vaupel, geborene Walldorf, mit ihren Eltern 1941.

Obwohl im Bund Deutscher Mädchen so herabgesetzt, bleibt ihr Glauben an Hitler unerschütterlich.  Sie wächst in einer nazitreuen Familie auf. Die Mutter ist fanatischer Hitler-Fan, der Vater Funktionär im Reichsarbeitsdienst, der Bruder tritt in die SS ein und fällt im Krieg. Warum wurde ihr Vater Nazi? Vaupel erklärt es so: „Leider gehörte er zu den Männern, die den Nationalsozialismus auch deswegen schätzten, weil er ihnen ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den Ausgestoßenen, den ‚rassisch Minderwertigen‘, verlieh. Mit diesem Gefühl von der eigenen Bedeutung und von Macht konnten sie ihren sozialen Abstieg kompensieren, der in den zwanziger Jahren vor allem den wirtschaftlichen Verwerfungen geschuldet war.“

Die Familie zieht nach Litzmannstadt/Lodz, wo der Vater Oberfeldmeister beim Reichsarbeitsdienst ist. Bei Kriegsende flieht die Familie. Anschaulich erzähl Vaupel Not, Gefahr und Leiden der Flucht. Die 16-Jährige sieht erschüttert das Regime stürzen, bleibt aber ihrem Glauben an Hitler treu. Ihre Mutter kann die Niederlage nicht fassen, glaubt lange nicht daran, gleitet in Wahnvorstellungen ab, hängt trotzig ein Hitler-Bild an die Wand.

Das Hitler-Mädchen wandelt sich
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Ursula Vaupel im Januar 1943.

Erst allmählich wandelt sich Ursula Vaupel. Ein Paris-Aufenthalt 1946 zeigt ihr eine andere Welt. „Für meine geistige Entwicklung und für meine Loslösung vom Nationalstolz ist die Zeit in Paris bedeutsam. Nicht nur, dass ich einfach begeistert bin vom Flair der (damals noch nicht von deutschen Touristen überschwemmten) Stadt, von der mir so locker und leicht erscheinenden Lebensart der Pariser, da gibt es auch Begegnungen und Einsichten, die ich in meiner Heimat eben so nicht erfahren kann“, schreibt sie. Sie lernt Monsieur Desmoulin kennen, der in der Résistance kämpfte und zwei Jahre in einem Konzentrationslager verbrachte, der Vater ihrer französischen Freundin, die sie bei einem internationaler Lager in Deutschland kennengelernt hat. Vaupel macht sich klar, „dass er, ausgerechnet er, seiner Tochter den Aufenthalt in unserem internationalen Lager in Deutschland ermöglicht hat und dass er, der gewiss mit Deutschen die schlimmsten Erfahrungen gemacht haben muss, letztlich meinen für mich so wunderschönen Aufenthalt in Paris finanziert.“

Ursula Vaupel wird Lehrerin, zieht nach Eschwege, schließt sich der SPD an, wechselt 1986 zu den Grünen. Sie will „durch Aufklärung und mehr noch durch konkrete Hilfe für verfolgte und diskriminierte Menschen eine Art Sühne leisten, Sühne für meine gefährliche Verblendung und  meine durch nichts gerechtfertigt Verachtung der Juden damals im ‚Dritten Reich’“.

Der Nachbarjunge und Jude

Sie hat Paul Kester ausfindig gemacht, der früher Kleinstrass hieß, einen Nachbarjungen und Juden aus Wiesbaden. Sie hatte erfahren, dass er Tagebuch geführt hatte, und bat ihn, seine Tagebuchaufzeichnungen für ihr Buch verwenden zu dürfen. Der willigte ein. „Liebe Ursula! Ich schreibe an Sie mit nur Ihren Vornamen, das ist teils American informality, teils aber sehe ich so oft das kleine blonde Mädchen mit den großen blauen Augen und immer freundlichen Lächeln vor mir, die mir öfters im Treppenhaus begegnet. Sie und ihr Bruder wohnen im 3. Stock. Der Vater soll groß in der Partei sein. Da ist für die jüdischen Kleinstrass Kinder klar, dass ein Kontakt zu vermeiden ist“, schreibt er ihr. Seine Tagebucheinträge ergänzen und kontrastieren Vaupels Erinnerungen. Während das Hitler-Mädchen die Niederlage nicht fassen kann, trägt Kester in sein Tagebuch ein: „7. Mai 1945, 14:15 Uhr. Gerade eben habe ich in den Sondernachrichten gehört, dass Deutschland kapituliert hat. Ein sechsjähriger Krieg ist zu Ende. Für uns Juden hat der Krieg mehr als 12 Jahre gedauert, in denen wir sehr viel verloren haben. Aber jetzt ist er vorbei, das ist das Wichtigste. Das Morden ist vorbei und auch der Schrecken Die Verfolgungen sind zu Ende und wir leben in Frieden. Endlich! Nun geht das Leben weiter. Die Opfer waren furchtbar. Ich habe viel verloren, das meiste was ein Mensch, außer seinem Leben, verlieren kann. Ich weiß nicht, wer von meiner Familie überlebt hat. Wahrscheinlich nicht viele, das ist sicher. Jetzt, da alles vorbei ist, denke ich: Niemals vergessen, niemals.“

Ursula Vaupels Lebenserinnerungen „Auch ich war ein Hitler-Mädchen“ sind von der Geschichtswerkstatt Büdingen herausgeben worden. Eine verdienstvolle Tat in einer Stadt, in der die NPD bei der jüngsten Wahl über zehn Prozent der Stimmen erhielt.

Ursula Vaupel: „Auch ich war ein Hitler-Mädchen“, Geschichtswerkstatt Büdingen 2016, 462 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 25 Euro, ISBN 978-3-939454-84-7

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