Mit Heine auf Harzreise

Mit Vergnügen durch die Coronakrise

Wir wollten im Harz wandern, den Brocken hinauf und hinab und ein wenig drumherum. Das Coronavirus kam uns in den Weg. Wir sagten die Reise schweren Herzens ab. Landbote-Kollegin Ursula Wöll spendete Trost: Sie steckte uns „Die Harzreise“ von Heinrich Heine in den Briefkasten. Ein Büchlein des großen Spötters, das in diesen Zeiten gut (wieder-)gelesen werden kann.

Schön, wenn mit dem Rücken angeschaut

Es ist knapp 200 Jahre her, als der geniale Dichter durch den Harz reiste, aber sein gewitzter, mit Gedichten untermalter Bericht ist noch immer eine vergnügliche Lektüre, die Coronaschwermut hinwegfegen kann. Heine startet in Göttingen. „Die Stadt ist sehr schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht.“ Göttingen hinter sich, kommt er in Goslar an, das er sich als „imposante, stattliche Stadt“ vorgestellt hat. Er findet aber „ein Nest mit meistens schmalen, labyrinthisch krummen Straßen“ vor.

Heinrich Heine, gemalt von Moritz Daniel Oppenheim.

Der Dichter zieht weiter, steigt den Brocken hinauf und im Brockenhaus ab und sieht sich „nach einem langen, einsamen Umhersteigen durch Tannen und Klippen plötzlich in ein Wolkenhaus versetzt“. Er findet in der hoch gelegenen Bleibe eine „wunderlich zusammengesetzte, fremde Gesellschaft“ vor, die ihn „halb neugierig und halb gleichgültig“ empfängt. Diese Gesellschaft beschreibt er nun. Die Studenten etwa „von verschiedenen Universitäten“. Die einen sind gerade angekommen, die anderen schnüren ihre Ranzen zum Abmarsch. „Einige der Abgehenden sind auch etwas angesoffen, und diese haben von der schönen Aussicht einen doppelten Genuss, da ein Betrunkener alles doppelt sieht“.

Heine stößt in der Herberge auf ein Buch, „das sogenannte Brockenbuch, worin alle Reisende, die den Berg erstiegen, ihre Namen schreiben, und die meisten noch einige Gedanken, und in Ermangelung derselben, ihre Gefühle hinzu notieren. Viele drücken sich sogar in Versen aus. In diesem Buche sieht man, welche Gräuel entstehen, wenn der große Philistertross bei gebräuchlichen Gelegenheiten, wie hier auf dem Brocken, sich vorgenommen hat, poetisch zu werden.“ Des Sonnenaufgangs majestätische Pracht werde beschrieben, über schlechtes Wetter geklagt, über getäuschte Erwartungen und über den Nebel, der alle Aussicht versperre. „Das ganze Buch riecht nach Käse, Bier und Tabak, man glaubt einen Roman von Clauren zu lesen“, schreibt Heine. Heinrich Clauren war ein vielgelesener Trivialschriftsteller jener Zeit, der sich mit „Mimili“, eine Geschichte über die Liebe eines Oberleutnants zu einer Bergbauerntochter im Berner Oberland seinen zweifelhaften Ruhm erschrieben hatte.

Wer sich mit Heines Harzreise über die bitteren Coronatage hinwegtrösten möchte, kann die Reisebeschreibung hier lesen:

projekt-gutenberg.org

Heine war 26 Jahre alt, als er 1824 munter den Harz durchreiste. 20 Jahre später fesselte ihn eine Krankheit ans Bett. Er selbst ging davon aus, dass es Syphilis ist. Zwölf lange Jahre lag er in seiner „Matratzengruft“. Am 12 Februar 1856 starb er in Paris, 58 Jahre alt.

Im Juni wollen wir in Lappland die Bärenrunde wandern. Gibt es dafür eine Ersatzlektüre?

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