Guntram Vesper

Meister des Abschweifens

Wenn von Guntram Vespers neuem Werk Frohburg die Rede ist, dann immer auch von seinem Umfang: satte 1008 Seiten. Der Schriftsteller ist ein Meister des Ab- und Ausschweifens. Geradliniges Erzählen ist ihm fremd. Dennoch langweilt er nicht. Er erzählt ausgiebig von seinem Geburtsort Frohburg und schweift nach Oberhessen ab, nach Friedberg, Reiskirchen, Gießen und Steinheim.

Die Frau im Friedberger Burggarten gefunden

Das gewaltige Werk beginnt irreführend. Stichwortartig geht es an: „Möbel. Zimmerwände. Tür. Der lange schmale Korridor. Braunes Linoleum.“ Was so sprudelnd beginnt, wird ein langer, langsamer, mäandernder Fluss. Verschachtelte Sätze über ganze Seiten, die ganze Nebenhandlungen in sich bergen, aber gut lesbar bleiben. Hohe Kunst.

Guntram Vesper (Foto: Stefan Flöper/Wikimedia)

Vesper ist der Sohn eines Landarztes. Die Familie flüchtete Ende 1957 aus dem westsächsischen Frohburg, landete in der Notunterkunft in Gießen und ließ sich in Reiskirchen nieder.  Guntram besuchte das Aufbaugymnasium in Friedberg, wohnte im Internat. Er hatte sich eine Schallplatte zugelegt, auf der Will Quadflieg aus Rainer Maria Rilkes Stundenbuch liest. „Quadflieg mit seiner Rilkerezitation beeindruckte mich so stark, dass ich im folgenden Sommer, ich war schon  Heimschüler an der Aufbauschule in Friedberg, auf der Freilichtbühne im Burggarten stand und zur Verwunderung der Spaziergänger, die in die abseits gelegenen Anlagen fanden, lauthals in der einmaligen Intonation meines Vorbildes von der Schallplatte Strophen aus dem Stundenbuch vorlas, in der linken Hand das Buch, das ich bald über große Strecken auswendig kannte, in der rechten eine Zigarette der erschwinglichen Marke Supra, Sechserpackung. Allenfalls wenn Mädchen aus der weiblichen Abteilung des Internats, zwölf waren es im Ganzen, vorbeikamen, dämpfte ich die Stimme ein bisschen.“  Im Friedberger Burggarten lernt er auch seine künftige Frau kennen. Er las inzwischen nicht mehr von der Freilichtbühne herunter, sondern auf einer „in die Brennnesseln geduckten Bank im hintersten Zwinger, den kaum jemals ein Besucher der Burg betrat. Eines Tages, die Sommerferien waren zu Ende gegangen, inklusive zweier Wochen in Italien, wollte ich in meinem abgeschiedenen Versteck, an das keine stille Ecke im Internat herankam, nicht in der Bücherei unter dem Dach, auch nicht im Keller, den gerade erschienen Gedichtband Irdisches Vergnügen in g  von Jungautor Rühmkorf von der konkret unter die Lupe nehmen, da fand ich meine Bank belegt, auf ihr saß ein Mädchen, das ich vom Sehen aus dem Speisesaal kannte, das aber neu an der Schule oder zumindest im Schülerheim war, dunkler Pferdeschwanz, weiße Haut, wache blitzende Augen. Als wollte ich nur eine Runde drehen, als würde die Bank mich nicht interessieren, ging ich an der Quartanerin, vielleicht Tertianerin vorbei, hast du mal eine Zigarette, hörte ich hinter mir, wie ferngelenkt ging ich zurück, es war Heidrun, die mich angesprochen hatte.“

Die Bibliothek des Bruders

Ein Lust für jeden bibliophilen Menschen ist die Passage, in der Guntram Vesper beschreibt, wie er das Haus seines an Leukämie verstorbenen Bruders in Kleinlinden ausräumt: „Wir mussten sein Haus räumen, in dem sich zehntausend, vielleicht sogar zwölf- oder fünfzehntausend Bücher befanden, teils geordnet, größtenteils ungeordnet, schon die große Diele, die Haustür ließ sich nur noch durchschlupfgroß öffnen, war vollständig von kniehohen Bücherstößen zugesetzt, bis auf einen engen Trampelpfad zur Küche und zur Treppe ins Dachgeschoss“. Das Räumen wird Schatzsuche:  „Unter vielen, sehr vielen anderen Ernst Kreuder, sechsmal das gleiche Buch, Das Haus mit den drei Bäumen, Grass, dreimal Blechtrommel von 1959, Erstausgabe, fünfmal Katz und Maus, ebenfalls erste Auflage, Stück für Stück mit Schutzumschlag, Jüngers Der Arbeiter, Johnson, Mutmaßungen, Jahrestage, der frühe Brinkman, Ilse Aichinger, Die größere Hoffnung, mit dem raren Umschlag, alles, alles Erstausgaben.“

Rathaus und Marktplatz in frohburg (Foto: Coriolis/Wikimedia)

Aber das sind die weiten Bögen. Vesper erzählt vor allem von Frohburg. Er  erzählt von den Morden an vier jungen Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg, allen vier die Augen ausgestochen. Oder von dem Polizisten, der von Räubern niedergeschlagen wird und an einem vereiterten Schädelbasisbruch stirbt. Und er beschreibt minutiös die Reise seiner Eltern im April 1937 mit dem Motorrad ins Erzgebirge: „Zweieinhalb Stunden später, gegen vier am Nachmittag, tauchte das Motorrad mit meinen Eltern nach schneller Fahrt über Annaberg und Oberwiesenthal im hochgelegenen Breitenbrunn auf, um von da hinunter ins Schwarzwassertal zu rollen, unten drehte Vater den Gasgriff richtig auf, die Maschine schoss durch die vielen Kurven talaufwärts, an einer losen Kette von Papierfabriken, Holzschleifereien und Eisenhütten vorbei, bis die Berg- und Exulantensiedlung Johanngeorgenstadt erreicht war, keine siebzig Jahre alt die Häuser und die Kirche, die nach einem vernichtenden Brand im Jahr 1867 neu errichtet worden waren.“

Für sein fulminantes Erzählwerk wurde Guntram Vesper 2016 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Guntram Vesper: Frohburg,  Roman,  Verlag Schöffling & Co., 1008 Seiten, 34 Euro, ISBN: 978-3-89561-633-4

Ein Gedanke zu „Guntram Vesper“

  1. Mein Gedicht „Erbschaft“:
    1834 im hessischen Dorf Steinheim
    Am Wintermorgen eilig
    Mit der Kerze zum Herd
    Papier zu verbrennen.
    Die Flugschrift, die am Zaun hing
    Ließ zögernd der Häusler
    In der rissigen Lehmwand übernachten neben
    Der Schlafstatt der Familie:
    Vier Bretter, heute
    In meinem Besitz:
    Ein Ort für die Lektüre des Landboten
    Noch immer.

    aus G. V.: Tieflandsbucht. Gesammelte Gedichte. Schöffling 2018.
    Mit vielen Grüßen!

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