Geflügel

Der Schlachthof kommt zu den Hühnern

Von Klaus Nissen

Damit wir unsere Frühstückseier bekommen, halten wir in Hessen rund 1,1 Millionen Hühner. Viele in großen Ställen, doch immer Federviecher haben als Bio-Hühner auf der grünen Wiese ein schönes Leben. Etwa jedes sechste ist ein Bio-Huhn. Nur ihr Tod war bislang für alle recht dramatisch. Ein Bündnis aus Veterinären, Vermarktern und Erzeugern zeigt nun, dass es auch anders geht. Mit einem mobilen Schlachthof, in dem die Tiere ihren Tod angeblich kaum vorher spüren.

Geflügel soll jetzt stressfrei sterben

Die Emrichs sind Landwirte aus Leidenschaft. Marcel (33) und Lisa (28) Emrich halten auf ihren Weiden Galloway- und Limousin-Rinder. 2019 schafften sie auch ein Hühnermobil an, in und vor dem 250 braune Tetris-Hennen gackern. Beim Besuch des hessischen Umwelt-Staatssekretärs Oliver Conz wirkten die Vögel am 25. August 2020 sehr ausgeglichen – obwohl auch diverse Journalisten und Kameraleute mit ihren Apparaten auf der Wiese oberhalb von Usenborn auftauchten.

Dr. Veronika Ibrahim hält ein Kuschelhuhn in den Starkstrom-Kasten, der das echte Tier töten würde. Der Schlachtmobilbetreiber Marcel Emrich hält ein Huhn, das noch eine ganze Weile auf der Weide nebenan leben darf. Foto: Nissen

Hühner legen ja nicht endlos Eier. Spätestens nach 14 Monaten schlägt ihr letztes Stündlein. Die Besucher erfuhren, was dann mit dem Geflügel geschieht. Marcel Emrich:„Ich muss die Tiere in Kisten stecken und dann mit ihnen 70 Kilometer weit bis zum Geflügel-Schlachthof nach Ehringshausen fahren. Da muss ich manchmal auch einen halben Tag lang stehen, bis ich dran bin. Und am nächsten Tag erst kann ich die fertigen Suppenhühner abholen.“ Andere hessische Hühner landen im nordhessischen Gudensberg. Oder gar hunderte Kilometer entfernt in Norddeutschland, berichtete Dennis Hartmann vom Bundesverband der Hühnermobil-Betreiber. Das sei für die Tiere Stress pur, findet auch die Wetterauer Veterinäramts-Direktorin Veronika Ibrahim. Ihr missfällt schon seit langem, dass die Schlachthöfe Halter mit wenigen Hühnern ungern bedienen. Und dass sie dort manchmal auch mitbekommen, dass ihnen gerade der Hals abgeschnitten wird.

Drei Schlachtmobile in Deutschland

Seit 2017 tüftelte die Tierärztin an einer Lösung. Gestern konnte sie die in Usenborn präsentieren – einen etwa fünf langen mobilen Hühner-Schlachtanhänger. Der Wagen kann auf den Hof des Hühnerhaltes oder bei Vorhandensein eines Stromanschlusses direkt neben das Hühnermobil gefahren werden. So ein Gerät gibt es nur dreimal in Deutschland – bei einem Schlachter in Niedersachsen, einem in Baden Württemberg und fortan bei Marcel und Lisa Emrich in Usenborn. Ende Juni wurden hier die ersten Hühner getötet. Inzwischen sei er jede Woche unterwegs, berichtet Marcel Emrich. Die weiteste Tour ging ins Rheinland zwischen Köln und Aachen. Bei einem Einsatz in Mainz brauchte das Paar bei Mainz noch drei Helfer, um an einem Tag 480 Hühner auf schonende Weise zu töten.

Und das geht so: Dr. Ibrahim hält den Kopf eines Kuschel-Huhns in den breiten Spalt eines grünen Kastens an der rechten Seitenwand des Schlachtmobils. Da schließt es einen Kontakt, und sekundenschnell tötet Starkstrom das Tier. Dann wird es an den Beinen aufgehängt und mit dem Messer geköpft, damit das Blut auslaufen kann. Links hinten landen die Hühner im großen Brühkessel, dessen heißes Wasser die Haut aufweicht. Daneben steht eine breite Rundwanne mit scharzen Gumminoppen, die rotierend das tote Huhn rupfen. Dann schnappt sich der Schlächter den Vogel und legt es ihn hinter einem transparenten Vorhang auf den Zerlege-Tisch aus Edelstahl. Sobald die Innereien ausgenommen sind, kann das fertige Suppenhuhn in den Kühlraum.

Suppenhuhn-Nachschub für Hofläden

Die so geschlachteten Tiere können direkt im neuen Hofladen der Familie Emrich und auf den Höfen ihrer Kunden verkauft werden, sagte Claudia Zohner von der Ökomodellregion Wetterau. Sie hat die Entwicklung des ersten hessischen Schlachtmobils gemeinsam mit der Amtsveterinärin, dem Land Hessen und dem Bad Vilbeler Landwirt Hansgeorg Jehner organisiert. Das Land und die Gerty-Strohm-Stiftung steckten zusammen rund 100 000 Euro in das Projekt. Jehner verpachtet den Anhänger für die Schlacht-Einsätze an das junge Landwirtspaar Emrich. Sowohl Biobetriebe als auch konventionelle Hühnerhalter können das Mobil buchen. Bei den ersten Schlachteinsätzen in anderen Landkreisen seien die Amtsveterinäre zuerst skeptisch – und dann ganz begeistert gewesen, berichtet Dr. Veronika Ibrahim. Laut Claudia Zohner von der Ökomodellregion wollen auch die Bayern nun Hühner-Schlachtmobile einsetzen. Man suche dort nach einem Betreiber.

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