„Es war eine geile Zeit“
Von Klaus Nissen
Wer hatte die Idee für das erste Friedberger Burgfest? Eine überraschende Antwort gab es beim Foyertalk zum 50. Jahrestag dieser bis 1997 lebendigen Festival-Institution. Etwas ergraut, trafen sich am Sonntag gut 80 Organistoren und Besucher im Alten Hallenbad zum gemeinsamen Erinnern. Es wurde zum rührenden Wiedersehen, bei dem man über viele Anekdoten herzlich lachte.Erinnerungen an die Burgfeste in Friedberg
„Es war schon gigantisch dilettantisch“, meinte Stefan Rux – einst Stammgast im Jugendzentrum an der Bismarckstraße. Zwischen 1975 und 1985 konnte sich der Nachwuchs da im ehemaligen Schlachthof ausprobieren. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt, wie die Jugendlichen einen Kleinwagen auf wacklige Mauersteine stellten, um daran herumzuschrauben. Zum Glück wurde niemand verletzt.

Im Juz betrieben Schüler, Studenten und Azubis eine Kneipe; im Saal traten Rock, Folk-, Reggae-Bands auf. „Im Juz hoben sich Milieu- und politische Grenzen auf“, so der Ex-Juzler und von Freunden nur „Schlumpf“ genannte, spätere Stadtjugendpfleger Jürgen Umsonst. „Es war ein gesellschaftliches Experiment und für uns eine geile Zeit.“
Herfried Münkler „erfand“ das Burgfest
Das Experiment weitete sich im Sommer 1976 auf den Burggarten aus. Der Stadtjugendring lud Bands ein, Bauhof-Arbeiter halfen beim Bühnenbau. Das Programmheft wurde mit der Hand geschrieben und dann hektografiert. Das Logo – ein langhaariger Barde mit riesiger Gitarre auf dem Rücken – zeichnete Arend Agte. Dieser Friedberger wurde später als Tatort-Regisseur bekannt.

Die Idee zum Burgfest hatte Herfried Münkler, sagte am Sonntag der WZ-Mitarbeiter und Moderator Harald Schuchardt. Beide gehörten 1976 zu den gut 20 Organisatoren des ersten Burgfests. Schuchardt: „Herfried war damals Juso und Vorsitzender des Stadtjugendrings. Er hatte 1973 gegen den Willen der Stadt den Kinderplaneten auf der Seewiese durchgesetzt.“
Münkler ist mittlerweile Fernseh-Politikerklärer und emeritierter Universitätsprofessor in Berlin. 1976 engagierte er den Frankfurter Jugendamts-Mitarbeiter Diether Dehm, der später Linken-Bundestagsabgeordneter wurde und jüngst zum BWW wechselte. Vor 50 Jahren sang Dehm als Liedermacher „Lerryn“ auf dem ersten Burgfest. Und vermittelte den Kontakt zur angesagten Gruppe „Elster Silberflug“ .

Das Burgfest-Ticket kostete fünf Mark. Schuchardt: „Wir hatten tausend Eintrittskarten gedruckt, aber es kamen 3000 Gäste. Wir waren völlig überfordert.“ Gäste setzten sich für ein Bier- und eine Bratwurst-Honorar an die Einlasskontrollen und Getränkestände. Das Bier wurde mit Stangeneis und feuchten Tüchern gekühlt. Das Wasser sickerte unter der Theke in die Geldkassetten. Die nassen Scheine mussten später mit Pinzetten voneinander getrennt werden.
Erst am Festivalabend überlegten die Burgfestmacher, wo sie das viele Bargeld sicher unterbringen konnten. Zum Glück war ihr Freund „Pimpf“ der Sohn des damaligen Sparkassen-Direktors Werner Vornholt. Der stiftete spontan drei Geldbomben und nahm sie gegen Quittung zu sich nach Hause. Bei einem späteren Burgfest sei die Kasse abhanden gekommen sein, hieß es während des Erinnerungsnachmittages im Alten Hallenbad. Doch eine Friedberger Wohngemeinschaft nahm die Einnahmen in Obhut. Nur an drei oder vier der 24 Burgfeste mussten die Festivalmacher die städtische Ausfallbürgschaft tatsächlich in Anspruch nehmen, so Jürgen Umsonst.
Der Grill hing am Lichterketten-Stromkreis
Es gab auch sonst kaum Katastrophen – obwohl der Grill an den Stromkreis für die Lichterketten angeschlossen wurde. Obwohl 1990 nach dem Großbrand des Friedberger Schlosses auch noch fürchterliches Wetter am Burgfest-Tag herrschte. Der Top-Act Bill Bruford (der einst bei Yes und King Crimson spielte) sagte deswegen ab. Doch die DDR-Band „Silly“ spielte einfach länger. Gut 3000 Leute hörten zu.

Bis zu 8000 Menschen strömten in anderen Jahren zu den Bühnen im Burggarten und Schlosshof. Da spielte „Tri Atma“ und „Schwartenhals“, „Flatsch“ mit Gerd Knebel, auch Manfred Maurenbrecher, Volker Kriegel, Emil Mangelsdorff und die „Erste Allgemeine Verunsicherung“. Sie habe die alten Herren von „Los VanVan“ aus Kuba mit Whisky versorgt, berichtete Silke Zinnel am Sonntag.
Zinnel, Harald Schuchardt und Jürgen Umsonst haben mit viel Aufwand Plakate, Programmhefte, Protokolle und Schriftwechsel zu diesem Kapitel der Friedberger Stadtgeschichte gesammelt – bis hin zur 740-Mark-Quittung für das jährliche Abschlussessen der unbezahlten Helfer beim Chinesen im Hotel Trapp. Zu hoffen ist, dass dieses Material im Stadtarchiv gesichert wird.
1997 war nacg 24 Burgfesten Schlus
Nach der Juz-Schließung 1985 fanden sich kaum noch jugendliche Helfer, so Silke Zinnel. „Wir waren nur noch fünf oder sechs Leute.“ Die Einsicht wuchs, dass das Festival nicht mehr zu stemmen war. Ab 1998 löste die städtische „Soundgarden“-Reihe das Burgfest ab. Doch einige Burgfest-Macher organisieren noch heute Kultur – wie Harald Schuchard im Team des Alten Hallenbades, Harry Thyssen für die Stadt Friedberg und der heutige Bad Nauheimer Kulturamtsleiter Jochen Mörler.
