SVEN-REGENER-ROMAN

1980 im Kadett durch Berlin

von Jörg-Peter Schmidt

„Herr Lehmann“, Kultfigur in Büchern von Sven Regener, hat bekanntlich auch noch einen Bruder: Freddie. Im neuen herrlichen Roman des Gründers, Sängers und Trompeters der Band „Element of Crime“  sind die Lehmanns im verschneiten West-Berlin kurz vor Heiligabend 1980 zu Fuß oder im alten Kadett unterwegs. Und zwar auf der Suche nach einer verschwundenen  Tasche mit wichtigen Reisedokumenten.

„Frankie und Freddie“: Bestseller

Cover des Romans. (Quelle: Galiani-Verlag)

„Frankie und Eddie“, erschienen im Galiani-Verlag, ist auf vorderen Plätze in den Bestsellerlisten vertreten. Obwohl Sprachästheten möglicherweise schon nach der ersten Seite einen Literatur-Schock erleiden. Da hat man in der Schule eingetrichtert bekommen, keine zu langen Sätze zu schreiben, „um den Lesefluss nicht zu blockieren“. Und was macht Sven Regener? Seine Sätze strecken, weiten und dehnen sich, füllen fast ganze Seiten. Aber: Überraschung! Das Ganze stimmt grammatikalisch. Das muss man als Autor erst Mal können.

Jagd nach verschwundener Tasche

Sven Regener, Schriftsteller und Musiker (Foto: Wikipedia,  Martin Kraft)

Zurück zum Inhalt der Geschichte: Frankie holt seinen ebenfalls aus Bremen stammenden Bruder aus einem Hotel ab, in dem Freddie an einer zwar bezahlten, aber wissenschaftlich schwer misslungenen Experimente-Reihe mit Antidepressiva teilgenommen hat. Er ist physisch und psychisch angeschlagen. Und  dann stellt er, wie eingangs erwähnt, auch noch fest, dass seine Tasche mit dem Flugticket für seine USA-Reise irgendjemand mitgenommen haben muss,  dem sie nicht gehört. Schließlich will Freddie in den USA ja ein Künstlerstipendium antreten. Die Jagd nach dem verfluchten Gepäckstück ist der Schwerpunkt des Romans.  

Pippi Langstrumpf in der Apotheke

Zwischendurch baut Regener allerdings einige Nebengeschichten ein. Da gibt es beispielsweise das „Apotheken-Kapitel“, das in einigen Besprechungen in den Medien besonderes Interesse findet.

Zu Recht: Frankie besucht in der Wiener Straße eine Apotheke, die aussieht wie eine Mischung zwischen Apotheke und Irish Pub, irgendwie urig.  Dort will er für die Mitbewohnerin Chrissie, in der er schwer verliebt ist, Medikamente  gegen Grippe holen. Ein harmloser,  langweiliger Vorgang, denkt der geneigte Leser.

Jedoch(!):

Die Apothekerin und ihr Kunde  beschnuppern sich zunächst gedanklich. Frankie stellt fest: Sein Gegenüber, um die 60 Jahre alt, trägt „Zöpfe wie ein kleines Mädchen, steif geflochten und vom Kopf abstehend, Pippi Langstrumpf  mit grauen Haaren“, was Frankie zunächst „gut findet.“ Und doch wird diese Frisur in im Laufe des Dialogs noch eine Rolle spielen…

Die Pharmazeutin wiederum ordnet Frankie anhand der Medikamentenbestellung in eine bestimmte Sorte von Kunden ein, die Medizin mit  aufputschender Wirkung bestellen,  weil sie „voll den Leistungsgesellschafts-Shit“ haben wollen. Sie steigert – frei nach Peter Handke – ihre ­ Publikumsbeschimpfung Richtung Frankie: „Ihr seid … immer voll die Arbeitsbienen, immer lustig, immer vergnügt, und wenn man eine Grippe hat, Speed drauf, lacht er dann, der turbokapitalistische, stets seine Arbeitskraft  zur Verfügung stellende, allzeit  bereite Lohnsklave.“

Hier spitzt sich ein „Gespräch“ zweier wildfremder Menschen zu, das  so hitzig und wild wird wie die Berliner Rockmusik Ende 1980.  Frankie kommt  irgendwie auf seine Oma zu sprechen  – und jetzt holt Pippi Langstrumpf  zum finalen Verbalschlag aus: „Ihre Oma ist eine kluge Frau und ich wünschte, Sie hätte Ihnen davon etwas vererbt!“ Wie wird Frankie auf diese Attacke reagieren? Mehr wird hier nicht über den Fortgang des Dialogs verraten. Auf Seite 58 liest man, wie die Apotheken-Begegnung endet.

Hindernissen in geteilter Stadt trotzen
Lkw  vor der Mauer (1980 durch die Betonelemente ersetzt). Foto: Wikipedia, www.zapf.de, Joachim Dulitz (adulitz)

Ansonsten sind ja die Brüder, die immer wieder streiten und sich wieder vertragen, auf der Suche nach der besagten Tasche.  Auf ihrem Weg durch Berlin schließt man die Norddeutschen  wegen ihrer bisweilen unbeholfenen, aber dennoch zielstrebigen Art schnell ins Herz. Unterstützt werden sie bei ihrer Suche von Berlinern, von denen einige ein wenig verrückt sind. Aber die meisten von ihnen sind sympathisch. Wie Frankie und Eddie bieten sie den Hindernissen in der geteilten Stadt, deren Herz durch die Mauer blutet, die Stirn. Trost bilden die Nischen, in denen sich beispielsweise Künstler wohlfühlen.

Das Durchkämmen West-Berlins anhand von Straßenkarten sorgt für gehörigen Nervenkitzel. Ob Freddie seine Dokumente doch noch wiederbekommt?

Herzklopfen wegen Chrissie

Und da gibt es noch etwas, das Herzklopfen verursacht: Chrissie.  Manchmal glaubt Frankie, ihr Herz erobert zu haben. Sie kann so geheimnisvoll lächeln. Dann wiederum platzen solche Träumereien wie Seifenblasen. Ob es vielleicht doch ein Happy End in dieser  Herzensangelegenheit gibt? Und das auch noch an Weihnachten…

„Frankie und Freddie“ von Sven Regener ist im  Galiani-Velag (Berlin) erschienen, hat 288 Seiten und kostet 24 Euro.

Titelfoto als Symbolbild: Eines der früheren Modelle des Kadetts. Der Kadett spielt eine Rolle in dem Roman von Sven Regener (Foto: Wikipedia, Lothar Spurzem)

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