Falknerei im Wildpark

Greifvögel auf Schauflug

Von Detlef Sundermann

Mächtige Vögel, die dicht über die Köpfe der Zuschauer hinweggleiten: In der Falknerei des Wildparks Alte Fasanerie in Hanau-Klein-Auheim haben die Flugschauen begonnen. Neben Wüstenbussarden, Sakerfalken und Eulen gehört zum Bestand der Falknerei auch der Steinadler „Atila“, Maskottchen der Eintracht Frankfurt. Präsentiert werden die Flugschauen von Diana Billein, eine der wenigen Frauen in diesem Job.

Seltenes Exemplar einer Falknerin

Einige Besucher ziehen vorsichtshalber den Kopf ein, doch auch sie spüren den Luftzug, den der Steppenadler mit seiner rund 1,70 Meter Flügelspannweite bei seinem Tiefflug über das Publikum erzeugt. Was sich unter seinen Schwingen ereignet, ist dem Vogel scheinbar gleich. Sein Blick ist auf das tote Küken auf einem Holzmast fixiert: Die Belohnung für den Schauflug. Mit der warmen Jahreszeit beginnen im Wildpark Alte Fasanerie Hanau-Klein-Auheim wieder die Flugschauen der Falknerei. Dort befindet sich eine der wenigen Falknereien in der Region, die Flugvorführungen mit Greifvögeln zeigen. Präsentiert werden sie von einer Frau.

Diana Billein mit einem Sakerfalken. (Fotos: Sundermann)

Diana Billein ist von Beruf Falknerin und hat damit Seltenheitswert in diesem Metier. Sie betreut und trainiert derzeit 15 Greifvögel wie Wüstenbussarde, Sakerfalken, Eulen und den besagten Steppenadler in der Falknerei im Wildpark, die dort Untermieterin ist. „Die Tiere gehören meinem Chef“, sagt sie. Der Chef heißt Norbert Lawitschka und ist ebenfalls Berufsfalkner. Zu seinem Bestand gehört ebenso Steinadler „Attila“, das Maskottchen der Frankfurter Eintracht. Lawitschka züchtet auch heimische Greifvögel und verkauft sie Kollegen. „Ein Falkner darf nur mit Tieren aus Nachzucht arbeiten“, sagt Billein. Flugschauen sind für die Greifs die Trainingseinheiten. Die fliegenden Beutejäger scheinen ziemliche Faulpelze zu sein. Rastloses hin- und herflattern, wie es ihre Körner fressenden Kollegen tun, ist nicht ihre Sache. „Manchmal hocken Greifvögel bis zu 23 Stunden, um zu verdauen und anschließend das nicht verwertbare Gewölle hochzuwürgen“, sagt Billein. Jagen kostet viel Energie. Und nicht jeder Sturzflug, etwa der eines Wanderfalkens aus mehreren Hundert Meter Höhe, wird mit einer Taube als Beute belohnt, sagt Billein. Greifvögel leben effizient, nicht zuletzt aus der Erfahrung heraus, dass Morgen die Beute ausbleiben kann, vielleicht wegen schlechter Witterung.

Einstieg in die Arbeit mit den Greifs

Der Zufall hat Billein zur Falknerei gebracht. Noch vor gut zwölf Jahren war das Thema der gebürtigen Heidelbergerin mit heutigem Wohnsitz in Gelnhausen völlig fremd. „Im April 2004 habe ich eine Flugschau hier im Wildpark besucht. Danach wusste ich, das ist was für mich“, erzählt sie. Im Jahr darauf sprach sie Lawitschka an, wegen eines „kleinen Einstiegs“ im Arbeiten mit den Greifs. „Damals bestand nicht die Absicht, hauptberuflich in die Falknerei einzusteigen. Ich wollte eigentlich nur mal einen Wüstenbussard durch die Gegend tragen“, sagt Billein. Daraus ist jedoch ziemlich bald mehr geworden. Zunächst blieb es allerdings beim Herumtragen, denn lediglich der Wunsch, mit Bussard & Co zu arbeiten, reicht allein nicht. Der Umgang mit den geschützten Vögel verlangt ein hohes Maß an Sachkenntnis. Billein musste zunächst den Jagdschein machen und obendrauf Lehrgänge für die Falknerprüfung besuchen. Den Kittel zu ihrem gelernten Beruf Krankenschwester hat Diana Billein mittlerweile an den Nagel gehängt.

Billein mit Uhu.

In der Falknerei erhalten Saker- und Wanderfalken, Eulen und der Steppenadler kein Lebendfutter, sondern wie es das Gesetz vorschreibt, etwa tote Kücken oder Tauben aus der Tiefkühltruhe, aufgetaut natürlich. Das Futter müssen sie sich jedoch erarbeiten, beispielsweise indem sie es einem Federspiel entreißen. An einer langen Kordel zieht Billein dabei die Beute in weiten Schwüngen und Achten durch die Luft, bis sie sich der Falke nach einigen spektakulären Flugmanövern mit bis zu 180 Kilometer in der Stunde packt. Der Mäusebussard darf, weil es zu seiner Art des Jagens gehört, auch mal am Boden bleiben. Durch das Gras hüpfend sammelt er ab und an sein Futter ein. Der Adler holt sich seinen Kückenhappen von weit auseinander stehenden hohen Stangen. Dass die Tiere nach jeder Vorführung wieder zurückkommen, verwundert den Laien, hat für Billein jedoch eine einfache Erklärung. Das Tier vertraue dem Falkner. „Der Vogel lernt schon früh im Training, dass er über mich leichter an das kommt, was er will: Futter“, sagt Billein.

Ralf Karthäuser, Vorsitzender vdes Bundesverbandes Orden Deutscher Falkoniere, einer von drei deutschen Verbänden, fasst die Tätigkeit Falkner eng. „Falknerei besteht nur aus der Jagd mit einem Greifvogel auf Wild. Wir Distanzierung uns daher etwas von Flugvorführungen“, sagt er. Auch das Knuddeln etwa mit einem Uhu, wie es Billein, als Vertrauensbeweis Menschen-Vogel nutzt und es der Uhu vielleicht auch ganz gern über sich ergehen lässt, ist ebenso wenig Karthäusers Sache. Einen Anlass, Vorführungen zu verbannen, sieht er allerdings nicht, schon der Öffentlichkeitsarbeit wegen nicht. Sie zeigen den Besuchern eine knapp 4000 Jahre alte Jagdtradition, sagt er. Keine Behauptung, die Kartäuser einfach so für sich beansprucht. Die UNESCO hat die Beizjagd auf ihre Liste immaterieller Kulturerbe genommen, seit 2016 gehört neben der Mongolei oder den arabischen Emiraten auch Deutschland dazu. Karthäuser berichtet von einem steigenden Zuwachs in seinem Verband. Er erklärt dies damit, dass die Falknerei hierzulande „nicht mehr so elitär wie noch vor 50 Jahren ist“. Allerdings schätzt er die Zahl der Berufsfalkner auf unter 50.

Höchstens ein Beutetier am Tag

Das Jagdgebiet für Greifs befindet sich heute häufig auf Friedhöfen, in Parks, auf Industriegeländen oder an Flughäfen etwa in Hamburg – eben überall dort, wo Kaninchen, Tauben und andere Vögel zur Plage oder Gefahr geworden sind und der Jäger die Flinte nicht verwenden darf. „Oft handelt es sich nicht um eine Jagd, sondern um eine Vergrämungsmaßnahme“, sagt Karthäuser. Die klassische Jagd auf Feld und Flur mit einem Greifvogel gebe es nur noch bei wenigen Gelegenheiten. „Dann hagelt es auch gleich immer die Kritik von Tierschutzorganisationen wie Peta, die uns etwa Hetzjagd mit Vögeln oder vorheriges Aushungern der Tiere vorwerfen, damit der Jagdtrieb gesteigert wird. Das ist alles völlig daneben“, sagt Karthäuser. „Bei einer Beizjagd hat die bejagte Kreatur eine Chance zu entkommen, wenn sie nicht krank oder alt ist.“ Auch stimme es nicht, dass große Mengen von Tieren getötet würden. „Ein Vogel schafft nicht mehr als ein Beutetier am Tag, wenn es überhaupt dazu kommt“, sagt Karthäuser. Und bei einer solchen Jagd seien nur wenige Vögel im Einsatz.

Falkner sind Natur- und Artenschützer, stellt er fest. Zur Verbreitung des Wanderfalkens etwa in Deutschland und Europa hätten die Falkner in Zusammenarbeit mit Naturschutzverbänden wie dem Nabu maßgeblich beigetragen. Karthäuser nennt hierzu ein aktuelles Auswilderungsprogramm für 18 Brutpaare in Polen. „Zudem betreiben die meisten Falkner eine Pflegestation, in der kranke oder verunfallte Tiere versorgt werden.“

Die Greifvogelschau im Wildpark „Alte Fasanerie“ Hanau-Klein-Auheim beginnt dienstags bis freitags um 15 Uhr, samstags um 13 und 15 Uhr sowie sonn- und feiertags um 13, 15 und 16.30 Uhr. Bei besonderer Witterung wie große Hitze oder Starkregen können Schauen ausfallen. Der Eintritt kosten 3 Euro, für Kinder von 4 bis 11 Jahre 2 Euro, Familienkarte 8 Euro. Der Eintritt in den Wildpark ist separat zu zahlen.

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