Emigration ist Abenteuer

Botschaft an die syrischen Flüchtlinge

Von Mikhael SaadMikhael Saad

Als ich 1989 als syrischer Flüchtling in Kanada eintraf, war die Situation in meiner Heimat bei weitem nicht so schlimm wie jetzt. Ich hatte einige Monate in Gefängnissen in Syrien und Libanon verbracht. Ich durfte vorher nicht reisen, und der Militär-Geheimdinest zwang mich zweimal pro Woche bei ihm vorzusprechen. Er wollte, dass ich zu seinem Mitarbeiter wurde, der die eigenen Freunde und die Benutzer der Bücherei, in der ich damals arbeitete, verriet. Entsprechend misstrauisch wurden die Menschen in meinem Umfeld. Sie wandten sich von mir ab.

Emigration ist Abenteuer

So entschied ich mich, zu gehen. Ich war vierzig Jahre alt, und meine Geduld hatte ein Ende. Freunde aus dem syrischen Machtapparat halfen mir, das Land zu verlassen. Und so fand ich mich im völlig fremden Kanada wieder. Ich hatte meine Heimat verlassen, meine Frau und meine Kinder, meine Freunde. Meine Arbeit, die mir wichtig war. Wie auch das Haus, für das ich mein ganzes bisheriges Leben gearbeitet hatte. Bis ich das Land verließ, lebte ich gerade mal zwei Monate darin.

Flucht
Flüchtlinge fahren in einem überfüllten Zug im Sommer 2015 nach Europa. Foto: Zaman al Wasel

Kaum war ich in Kanada, befiel mich das Heimweh – trotz aller Probleme, die ich daheim in Syrien hatte. Das Heimweh umhüllte mich geradezu. Ich pflege mein Selbstmitleid, meine Nostalgie. Und das behinderte mich darin, die neue Umgebung anzunehmen und mich in ihr zurechzufinden. Ich sah nur die negativen Seiten des Westens – obwohl Kanada mir die Basis für ein würdiges Leben bot. Es tröstete mich auch nicht, dass ein kurdischer Vater mir schrieb: „Du solltest die Emigration nicht als ein Übel betrachten. Es ist auch eine Art Abenteuer, verbunden mit einem Opfer.“

Als ich jüngst in der Türkei war und die Leute mich fragten, was ich von der gefährlichen Flucht meiner Landsleute über das Meer nach Europa halte, antwortete ich: Ich verstehe, dass die Syrer versuchen, einen sicheren Platz zu finden. Und wenn sie ihn gefunden haben, dann wird ihr Heimweh erträglicher sein als das Blut zu sehen, das die Bomben des Assad-Regimes, der Russen, der Internationalen Koalition fließen lassen. Das Blut, das fließt, wenn ein Scharfschütze im Teenager-Alter den Abzug durchdrückt.

Wer vor Tod und Qualen flieht, ist im Recht

Ja – die Zuflucht im Westen ist quälend, aber die Syrer müssen dort nicht unter Kartons und Plastikplanen schlafen; sie müssen sich nicht im Schlaf krümmen. Und ihre Kinder bekommen Essen, medizinische Behandlung und Unterricht. Wenn die eigene Regierung einem das Leben zur Hölle macht und die noch im Lande lebenden Familien zur Flucht treibt, damit sie nicht verrecken – dann ist es ihr Recht zu gehen. Ich traf einen jungen Mann, der noch vor seiner Flucht nach Europa sagte: Ich könnte unter den Gesetzen des Islamischen Staates leben. Aber ich will nicht, dass meine Tochter unter den Gesetzen des Islamischen Staates aufwächst. Ich hoffe für diese Leute, dass ihr jetziges Abenteuer für sie das Tor zu einem neuen Leben ist, in dem sie das finden, was sie in den vergangenen Jahren vermissen mussten.

Eines rate ich den syrischen Flüchtlingen: Auch wenn Ihr Gewalt erlebt habt – übt niemals selbst Gewalt aus. Wenn Ihr das nicht könnt, dann müsst ihr dorthin zurück, wo Ihr herkommt.

Mikhael Saad ist ein syrischer Schriftsteller. Er sudierte bis 1975 Arabisch an der Universität von Damaskus. Später wurde er mehrfach von der syrischen Regierung inhaftiert. 1989 floh er nach Kanada. Seit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs meldet er sich über Facebook und über das englischsprachige Online-Portal Zaman al Wasel zu Wort. Dort ist dieser Text in arabischer Sprache erschienen. Er wurde für den Neuen Landboten übersetzt von Fidaa Dahoud und Klaus Nissen

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