Das Glück der Künstler

Unterwegs mit Picasso, Ibsen, Mahler & Co.

Von Bruno Riebwinter

Erstaunliches und Erbauliches, Wunderbares und Wunderliches, Komisches und Kurioses erfährt man über bedeutende Männer und Frauen der Literatur, Malerei und Musik im neuen Buch von Johannes Winter. „Mit Künstlern unterwegs – Wo Maler, Dichter und Musiker ihr Glück fanden“ heißt das Werk. Rainer Maria Rilke, Pablo Picasso, Gustav Mahler, Henrik Ibsen, Paula Modersohn-Becker, Friedrich Nietzsche und Lale Anderson (Lili Marleen) sind unter denen, deren Zufluchtsstätten Winter aufgespürt hat.  Der Landbote lädt zur Lesung am Freitag, 4. Dezember 2015.

Krakeelende Tiere vor dem Musiktempel

Im Tiergehege landet, wer sich in Toblach in Südtirol auf die Spuren von Gustav Mahler begibt. Das legendäre Komponierhäuschen des Tonkünstlers ist nur über den Tierpark der Herberge zu erreichen, in der Mahler die letzten drei Sommer seines Lebens verbrachte. „Vor den musikalischen Tempel hatte die Wirtsfamilie krakeelende Tiere gesetzt. Warum nicht?“ schreibt  Winter. Er musste Eintritt für den Tierpark bezahlen, um das Häuschen zu sehen, und stellt dann fest:  „Maler wäre, hätten ihn solche Laute auf seinem morgendlichen Gang zum Arbeitsplatz in der Hütte begleitet, vor dem animalischen Orchester geflohen. Er hätte Reißaus genommen, auf Nimmerwiederhören.“ Winter fand „ein Hexenhäuschen oder besser eine Hütte aus Brettern“ vor, „die so gar nichts Märchenhaftes hatte, eine „schlichte, gebrechliche Klause“.

Wir erleben Rainer Maria Rilke im spanischen Ronda, das der Dichter selbst so beschreibt: „auf zwei immensen Felsplateaus, zwischen denen in einer Tiefe von 150 Metern und in einer Schlucht, die kaum 90 Meter breit ist, unten der Fluss seinen Weg sucht. Diese Felsmassen, die die Stadt mehr hochhalten als tragen, liegen auf allen Seiten Berge gegenüber, Berge wie aufgeschlagen, um Psalmen daraus vorzusingen, und über diese fort begrenzen grandiose Gebirgsformen den weiteren Horizont: ein Panorama von unbeschreiblicher Hoheit“. Winter ist Rilke nachgereist, hat Fotos aufgespürt, die der Dichter von der Landschaft machen ließ. Eines davon schickte Rilke seiner Mutter und schrieb stolz dazu: „Dieser Blick ist neu aufgenommen worden, und mir schien er einer der schönsten und ganz besonders charakteristisch für Art und Anlage dieser Stadt.“

Faschismus und Widerstand

Nicht immer sind die Künstler freiwillig dort gelandet, wohin Winter ihnen folgt. Für einige waren es Zufluchtsorte vor den Nazis. Samuel Becket hatte es in die Provence verschlagen. Im Café des Hotels Escoffier in Rousillon saßen an einem Tisch im Winkel die Flüchtlinge, wenn abgedunkelt war und das Radio eingeschaltet wurde. „Die Köpfe gesenkt, lauschten sie nach der Fanfare der BBC, in der Hoffnung, eine günstige Meldung aufzuschnappen, zu erfahren, ob die Truppen der Alliierten und damit der Sieg über Nazideutschland näherrückten“, schreibt Winter. Er erzählt von Jeanette Barnier, Gemeindesekretärin im nahen Dieulefit, die die Flüchtlinge mit falschen Papieren versorgte. Winter: „Das Rathaus war überall ein wichtiger Ort, aber hier, am Marktplatz, wurde ein entscheidendes Kapitel der Résistance geschrieben. Im Wortsinn. Hier saß eine Sekretärin, von der wir wussten, dass sie sich ewigen Ruhm als Passfälscherin erwarb.“ Auch der deutsche Maler Wols, geboren als Wolfgang Schulze, bekam von ihr einen Ausweis. „Es war Wols, dessen Hund Rip den Zeitgenossen ebenso in Erinnerung blieb wie seine Alkoholsucht, die er im Tausch gegen Bilder mit Titeln wie ,Das trunkene Schiff‘ zu befriedigen suchte“, erzählt Winter.

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Johannes Winter

Der Naziterror und die Flucht davor ist kein Neuland für Winter. Er hat sich bereits in zwei anderen Büchern damit befasst.  In „Die Verlorene Liebe der Ilse Stein“ hat er das Schicksal einer Jüdin beschrieben, die vor den Nazis fliehen musste, und in „Herzanschläge“ schildert er das Verschwinden von Juden, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus dem Dorf.  Diese beiden Bücher spielen in der Wetterau, hier hat Winter lange gelebt.

Das Grab von Lale Anderson, Sängerin des Soldatenliedes „Lili Marlen“, spürt er in seinem neuen Buch auf der Insel Langeoog auf. Wir erfahren, dass der Weg zum Friedhof in den Dünen von 450 russischen Zwangsarbeitern gepflastert wurde, die gegen Kriegsende getötet und in einem Massengrab verscharrt wurden.

Mit dem Autor auf Entdeckungsreise

Winter nimmt den Leser in seinen 19 Erzählungen mit auf seine Entdeckungsreisen, bei  seinen Nachforschungen. Wir lernen seine Quellen kennen. Die sind meist Zeitzeugen oder ihre Nachfahren. Wir sind dabei, wie Alain Bonnelly einen Korkenzieher sucht, um eine Flasche „Appellation Cote du Ventoux“ zu öffnen. „Die Flasche  war noch nicht geöffnet, da begann Monsieur Bonnelly von längst vergangenen Zeiten zu erzählen: von Samuel Beckett, wie er auf dem väterlichen Gut arbeitete, mit Hacke und Schaufel, bei Sonne und Regen“, schreibt Winter und fährt fort: „Zur Zeit der Weinlese, mitten im Krieg, hatte eines Tages ein Flüchtling angeklopft, der oben im Dorf untergekommen war. Er suche nach Arbeit, gab er in gutem Französisch zu verstehen. Dass er aus Irland stammt, verschwieg der Fremde zunächst, seine Flucht aus dem deutsch-besetzten Paris ebenso.“.

Warum Paula Modersohn-Becker überstürzt die Insel Amrum verließ, erfahren wir auch. Am Seehund lag’s, der Matrosenkneipe. „Hier pflegte sich das Schiffsvolk bis spät einen hinter die Binde zu gießen. Hier wurde Seemansgarn gesponnen, und, wenn die Nacht am tiefsten war, krakeelt, dass es nur eine Lust war“, schreibt Winter und lässt dann die Malerin selbst zu Wort kommen. Die schrieb ihren Eltern: „Der Seehund wird verlassen wegen zu großen Radaus.“

Johannes Winter: „Mit Künstlern unterwegs – Wo Maler, Dichter und Musiker ihr Glück fanden“, Verlag Brandes & Apsel, 184 Seiten, Paperback, 23,56 x 15,5 cm, 19,90 Euro, ISBN 978-3-95558-147-3. Ein Teil der Erzählungen ist bereits in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und im Onlinemagazin Faust-Kultur erschienen.

Der Landbote hat eine Lesung mit Johannes Winter organisiert. Der Journalist hat lange Zeit in der Wetterau gelebt und wohnt nun in Frankfurt. Die Lesung ist am Freitag, 4. Dezember, um 20 Uhr im Bistro Pastis in  der Haagstraße 41 in 61169 Friedberg.

3 Gedanken zu „Das Glück der Künstler“

  1. Wunderbar, eine solche Lesung zu organisieren. Aber, lieber Autor Johannes Winter, lieber Lektor des Verlages und lieber Bruno Rieb vom Landboten: Das Buch befasst sich mit mindestens zwei Frauen, der Paula Modersohn-Bekker und der Lale Anderson. Und doch hat es den Titel „Das Glück der Künstler“. Die Künstlerinnen wurden einfach untergebuttert.
    In den letzten Jahren kehren die männlichen Sprachformen erneut zurück, zeitgleich mit dem Einschlafen der Frauenbewegung. Schade, denn die Sprache sagt viel aus, hier also, dass Männer doch über den Frauen rangieren (wollen).

    1. Liebe Ursula Wöll,
      wenn ich von Künstlern spreche, meine ich Menschen, die besonders kreativ sind, also Männer und Frauen. Die Frauen werden in dem Text keineswegs untergebuttert. Dass mehr Männer als Frauen in dem Buch erwähnt sind und woran das liegt, darüber kann man ernsthaft diskutieren. Aber darüber, dass auch Künstlerinnen gemeint sind, wenn von Künstlern die Rede ist? Wenn ich Flüchtlingen sage, meine ich auch Flüchtlinginnen. Wer das verstehen will, versteht das. Ideologisch verbogene Sprache ist oft lächerlich, in jedem Fall hässlich – so wie ein großes I im Wort, das „Künstlergoßesien“ gesprochen werden müsste. Paula Modersohn-Becker, Lale Anderson, Rainer Maria Rilke und Henrik Ibsen würden sich um Grabe umdrehen.

  2. Noch eine Ergänzung: Die Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Halle diskutiert am Sonntag, dem 22. November um 9.30 Uhr als TOP 13 über „GESCHLECHTERGERECHTE SPRACHE“ . Und das angesichts der aktuellen Weltlage, was zeigt, dass das Thema für sehr wichtig gehalten wird. (Für mein Verständnis und wie ich die Grüne Partei kenne, bedeutet geschlechtergerechte Sprache das Einbeziehen weiblicher Formen.)

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