Darren Almond

„Schatten und Licht“ im Sinclair-Haus

Auf Rügen - bei Vollmond. Foto: Darren AlmondVon Corinna Willführ

Der britische Fotograf Darren Almond lebt in London: Doch neun Monate des Jahres ist er auf Reisen. Reisen, die ihn nach Italien, Frankreich, nach Russland, Japan und Deutschland führen. Reisen, auf denen er seine Impressionen von Landschaften festhält: bei Vollmond, in den frühesten Momenten des Morgens oder im gleißenden Tageslicht. Bis 26. Juni 2016 zeigt das Museum Sinclair-Haus der Altana-Stiftung in Bad Homburg jetzt eine Auswahl seiner Werke unter dem Titel „Schatten und Licht“. . Foto: Darren Almond „Auf Rügen – bei Vollmond“

Der Mensch unsichtbar – und doch erkennbar

An der Amalfi-Küste in Italien, in den Gärten im französischen Giverny, auf den Kreidefelsen von Rügen. Auch wenn auf den Fotografien von Darren Almond kein Mensch, nirgends, zu sehen ist, ist er stets präsent. In den Imaginationen des Betrachters zu seinen Bildern, aber auch in den Aufnahmen des Briten zu dem Werk anderer Künstler wie dem deutschen Maler Carl Blechen oder dem Franzosen Monet. Oder dem Filmemacher Alain Resnais. Nicht zuletzt, weil nicht nur die Natur für „Schatten und Licht“ sorgt, sondern auch das Eingreifen des Menschen in diese.

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In der Ausstellung fotografiert, die Fotografin (un)sichtbar. (Foto: Willführ)

Wer die aktuelle Ausstellung im Sinclair-Haus in Bad Homburg mit Aufnahmen des britischen Foto-Künstlers „Schatten und Licht. Fotografie und Film“, dessen Arbeiten unter anderem in der Londoner Tate-Galerie hängen und auch schon während der Biennale in Venedig oder im Folkwang-Museum in Essen zu sehen waren, besucht, begibt sich auf eine Reise. Eine Reise, die ihn nicht zur in verschiedene Landschaften und unterschiedliche Länder führt, sondern auch zu sich selbst. Mit all den divergierenden Emotionen, die das Betrachten des Fremden, des Selbst-Nicht-Erfahrenen, bereit hält.

Aufnahmen zum Innehalten

Im Erdgeschoss: beruhigende Bilder. Aus der Eifel, von der Insel

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Romantisch und sehnsuchtsvoll – für Darren Almond nicht nur Orte, die man der Romantik zuordnet.

Rügen. Bei Vollmond aufgenommen. In den Wäldern wabern Nebel, wirkt das Meer so ruhig, als sei der Horizont mit dem Lineal gezogen. Romantisch, mystisch, auch ein wenig gespenstisch. Da könnten doch Kobolde leben, Feen. Bilder mit langer Belichtungszeit, in denen die Bewegung der Bäume, der Wellen, die Konturen wie verwischt erscheinen. Als wäre ein Moment in der Nacht in der Natur nicht wirklich zu fixieren. Aufnahmen zum Innehalten. „Darren Almond hat ein besonderes Interesse an der Romantik“, erläutert Dr. Johannes Janssen, Direktor Museum Sinclair-Haus. „ Allerdings sieht Warren Almond in der Sehnsucht, neue Orte aufzusuchen oder an bekannte zurückzukehren, kein Spezifikum der Romantik, sondern ein Thema der Menschheit.“

Im ersten Stock: Die Amalfi-Küste in Italien – ein Sehnsuchtsort. Der weite Blick aufs Meer, pittoreske Badeorte, möndäne Villen. Darren Almond, Jahrgang 1971, hat für seine Fotografien keines dieser Motive gewählt, hat seine Wahrnehmung auf eine Treppe gerichtet, die in die Berge zu führen scheint, auf eine Lichtung im Wald. Auf kleine Orte abseits der großen. Wo doch um die Mittagszeit die Sonne ebenso heiß brennt, die Luft flirrt. Und Schatten und Licht besonders stark sind. Wo Farbe ihnen Wirkung nehmen könnte.

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Foto vom Foto (Willführ)

Vom Meer ins Gebirge: Berge und Gletscher sind Motive in seinen Werken, aufgenommen in den Alpen. Bilder von faszinierender Schönheit, mit der Versöhnlichkeit von Aquarellen. Zugleich mit aller Bedrohlichkeit, die den steinernen Massiven, den Schneemassen, den Geröllhalden inne wohnt. Darren Almond ist ein unentwegt Reisender. Dass es ihn in die Alpen führte, kam nicht von ungefähr. Almond folgte einer Reise des deutschen Malers Carl Blecher (1798-1840). Blecher hielt seine Impressionen mit Farben und Pinseln auf Papier fest. Almond tut dies mit den Mitteln der Fotografie.

Von den Bergen in die Wälder

In Wälder, die es nicht mehr gibt. In die Landschaft nahe der russischen Stadt Monchegorsk. Wie vergessene Skelette der Natur ragen schwarze Stämme aus dem Boden einer Erde, in der es kein natürliches Wachstum mehr gibt. Nur einen weißen Hintergrund, einen Hintergrund des Nichts. In Monchegorsk hat der Nickel- und Kupferabbau das Leben zerstört. Das der Menschen und der Natur. Die (nicht nur) „unter viel diplomatischem Aufwand“, so Kurator Dr. Johannes Janssen, entstandenen Bilder hat Almond in Tryptichen gefasst. Panoramen in drei Teilen, die von der Ausbeutung der Natur künden, einer von Menschen gemachten. Mit der der Mensch seinen eigenen Lebensraum zerstört hat.

Der Atem eines Einzelnen

Bei seinen Aufnahmen von Rügen war es Caspar David Friedrich, in Giverny Monet, in den Alpen Carl Blecher – deren Impressionen von der Natur Almond mit neuen Mitteln und der Sichtweise der Gegenwart in seinen Bildern transportiert. In seinem Film „Night & Fog“ ist es ein Film von Alain Resnais, der ihn inspiriert hat. Zu „Bearing“.

„Bearing“, ein 30 Minuten langes Video, das wortlos das wieder und wieder Tragen meint und zugleich ein scheint’s ebenso unaufhörliches Ertragen. Eine halbe Stunde Video-Projektion – kaum zu ertragen. Vor dem Bildschirm vor schwarzem Hintergrund. Dicht, ganz dicht am Gesicht des indonesischen Arbeiters, der aus einer zerklüfteten Vulkanlandschaft auf Java seine schwere Last von Schwefelbrocken trägt. Zu hören: nur sein Atem. Der Mann macht kein Geräusch, nicht einmal als er einem nassen weißen Tuch saugt, um sich vor den giftigen Schwefeldämpfen zu schützen. Manchmal richtet er einen Blick nach oben. Ein Oben, das er ein ums andere Mal mit seiner schweren Last erreichen muss. Höher hinaus wird er nicht kommen. Nicht in diesem Leben.

Darren Almond dokumentiert Vergänglichkeit

Auch wer in der Ausstellung „Schatten und Licht“ den direkten Weg wählt, ohne sich den Film von Darren Almond anzusehen, kann einen Bruch erleben: von den absterbenden Landschaften um das russische Monchegorsk zu den Kirschblüten auf dem japanischen Mount Hiei. Ein versöhnlicher Ausgang in Richtung Ausgang aus einer Ausstellung über einen Künstler, für den auch der Ausgang ein Prozess ist. So hat Almond im Monet-Garten von Giverny Polaroidfotos von Blüten gemacht in Momenten, die er „Civil dawn“ nennt. Wo die Nacht noch nicht vergangen, der Tag noch nicht da. „Absolute Momentaufnahmen“, wie Kurator Johannes Janssen sagt, „mit einer relativ flotten Vergänglichkeit.“

Almond will ebendiese dokumentieren, indem er die Veränderungen der Polaroidbilder jedes Jahr scannt. Auch will der britische Fotograf wieder nach Rügen reisen (wie schon in 2004), in die Alpen, in die Eifel oder nach Indonesien. Um die Vergänglichkeit von Zeit einzufangen, wohl auch um zu dokumentieren, wie „Schatten und Licht“ sich verändern. In der Natur. Dort, wo der Mensch in sie eingreift. Auch wenn man keinen Mensch, nirgends, auf seinen Fotos sehen wird.

Die Ausstellung „Schatten und Licht“ im Sinclair-Haus Bad Homburg, Löwengasse 15, Eingang Dorotheenstraße, ist dienstags von 14 bis 20 Uhr, mittwochs bis freitags von 14 bis 19 Uhr und samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die Ausstellung ergänzt ein umfangreiches Begleitprogramm mit Lesungen und Gesprächen für Erwachsene sowie Kursen für Kinder (7 bis 12 Jahre) zum Thema „Nacht“ in den Ferien. Außerdem gibt es für Schüler- und Kindergartengruppen nach Anmeldung exklusive Führungen am Vormittag und zum Thema „Nacht“ ein Werkbuch „zum Zeichnen und Schreiben für unterwegs, zu Hause oder in der Schule“, das auch jedem Erwachsenen Freude bereitet.

altana-kulturstiftung.de

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