Busverkehr

„Sie treiben die Leute ins Auto!“

Von Klaus Nissen

Lange und umständlich fährt man mit Bus, Bahn oder Sammeltaxi auf dem Lande. Das gilt auch für den Verkehr zwischen Städten wie Nidda und Ortenberg. Solche schlechten Verkehrsverbindungen haben System, beklagen Jürgen Priem vom Fahrgastbeirat Wetterau und betroffene Bürger. Wenn sie den Klimaschutz ernst nähme, müsste die Politik doppelt so viel Geld wie bisher für den öffentlichen Verkehr aufbringen. Und endlich einen Halbstundentakt einführen.

Busverkehr auf dem Lande ist zu dünn

Am 13. Dezember 2020 trat der neue Fahrplan für die Busse und Regionalbahnen in in Kraft. Er hat keine grundlegenden Verbesserungen für die Menschen jenseits der großen Städte gebracht.

So könnte öffentlicher Personennahverkehr auch aussehen: Hans Goldstein hilft Marlis Elvenhohl beim Aussteigen. Vormittags sammelt der von einem Edeka-Händler betriebene Kleinbus die Menschen in den Dörfern rund um Ortenberg ein, um sie zum Einkaufen in die Kernstadt zu in die Kernstadtzu bringen. Flexible und schnell einsetzbare Anruf-Sammeltaxis sind auf dem Lande aber noch sehr selten. Foto: Nissen

Nehmen wir Alina als Beispiel. Die junge Frau heißt in Wirklichkeit anders, sie möchte nicht genannt werden, obwohl ihr daraus kein Nachteil entstünde. Alina hat gerade eine Einzelhandels-Ausbildung in einem Niddaer Betrieb angefangen. Und eine Wohnung in Ortenberg gefunden. Mit dem Auto könnte sie beide Orte täglich problemlos erreichen. Über Wallernhausen, Bobenhausen und Wippenbach dauert die Fahrt auf der zehn Kilometer langen Strecke höchstens 15 Minuten. Doch Alina will sich kein Auto leisten – auch weil sie verstanden hat, dass wir alle weniger Kohlendioxid produzieren müssen, um einen immer krasseren Klimawandel zu vermeiden.

Mehr als eine Stunde Fahrt für zehn Kilometer

So mutet sich die junge Frau jeden Arbeitstag mehr als zwei Wegstunden zu, um diese kleine Strecke zu bewältigen. Am frühen Morgen kann sie mit dem 22er Bus und der Landesbahn über Stockheim in gut einer halben Stunde vom Ortenberger Marktplatz zum Niddaer Bahnhof gelangen. Ab 10 Uhr früh dauert die Fahrt allerdings mehr als eine Stunde.

Wenn Alina um 20 Uhr nach Hause will, fährt sie mit dem Zug von Nidda nach Ranstadt und muss dort eine Stunde warten, bis der Bus FB 03 sie nach Ortenberg bringt. Die gesamte Fahrt dauert eine Stunde und 19 Minuten. In „nur“ 49 Minuten ist die Strecke zu schaffen, wenn Alina schon um 19 Uhr in Nidda losfährt. Dann muss sie aber spätestens eine Stunde vorher das Linientaxi Alt-FB85 anrufen und sich mit dem Fahrer auf eine krakelige Wetterau-Rundfahrt über Dauernheim, Ranstadt, an Ortenberg vorbei bis Hirzenhain begeben. Dort kann sie in den Bus nach Ortenberg umsteigen.

Nicht jeder nimmt Zickzack-Fahrten auf sich

Solche Fahrten nimmt Alina bislang ohne großes Jammern auf sich. Die Ranstädter Bürgermeisterin Cäcilia Reichert-Dietzel bewundert die junge Frau für ihre Konsequenz, genauso wie deren Freund, der seinen noch längeren Arbeitsweg ohne Auto bewältigt. Er nimmt sein Fahrrad in die Bahn mit, um anzukommen. Doch solche umständlichen Fahrten sind nicht allen Menschen zuzumuten, findet Reichert-Dietzel. Beispielsweise älteren Leuten und Wetterauern, die keine Zeit für stundenlange Zickzack-Fahrten haben. „Wie können wir jungen Leuten eine Perspektive in unserer Region geben?“ fragt Reichert-Dietzel. „Was wollen wir wirklich – doch immer noch das gute alte Auto?“

Jürgen Priem vom Fahrgastbeirat Wetterau formuliert es noch viel drastischer: „Mit solchen Fahrplänen machen wir uns die Verkehrswende kaputt! Sie treiben die Leute ins Auto!“ schimpft der in Echzell wohnende Sprecher aller Bus- und Bahnbenutzer im Kreis. „Auch für den Osten der Wetterau wäre ein Halbstundentakt wichtig. Der Kreis muss zusätzliche Busse bestellen. Wir alle haben den Pariser Klimavertrag unterschrieben. Die Bahn-Elektrifizierung verläuft viel zu langsam. Auch für mehr Busse müsst Ihr schlicht und ergreifend mehr Geld ausgeben!“

1,5 Kilometer Fußmarsch gelten als zumutbar

Priem wendet sich damit an den Kreis – und an die Kommunen. Die sind seiner Meinung nach zu knauserig, wenn es um öffentliche Verkehrsverbindungen geht. Für jeden Einwohner finanzierten sie klaglos den Straßenbau und die Wasser- und Kanalanbindungen, doch die Erreichbarkeit mit Bus und Bahn sei ihnen allzu gleichgültig. Die Stadt Büdingen habe beispielsweise ihr eigenes Stadtbus-System abgeschafft und die Verkehrsgesellschaft Oberhessen mit der Organisation des Busverkehrs betraut.

Auch nach dem neuen Nahverkehrsplan gelte es als zumutbar, wenn ein Bürger die nächste Haltestelle erst nach einem Fußweg von 1,5 Kilometern oder 22,5 Minuten Fußmarsch erreicht. Das sei eine Zumutung, findet Jürgen Priem. Kein Wunder sei es, dass die im Stundentakt verkehrenden Busse im Osten der Wetterau fast nur von Schülern und Rentnern ohne Auto benutzt würden. „Jugendliche mit 18 Jahren probieren das noch eine Weile aus. Aber wenn sie erst 20 sind, ziehen sie weg!“

Nahverkehrs-Organisatoren bitten um Hinweise

Der OVG-Verkehrsplaner Gerhard Muth-Born kann den Unmut nachvollziehen. Doch um das Verkehrsnetz zu verbessern, brauche sein zur Ovag-Gruppe gehörendes Unternehmen mehr Information und mehr Geld. Von sich aus mehr Verbindungen zwischen kleineren Orten anzubieten wäre der falsche Weg, findet Muth-Born.

Er rät Alina, ihre Probleme mit dem Arbeitsweg zunächst in den Rathäusern von Nidda und Ortenberg bekannt zu machen. Deren Verwaltungschefs sollten dann mit der OVG über bessere Buslinien reden. Dabei „müsste auch die Finanzierung eines solchen Verkehrs geklärt werden“, so Muth-Born. „Soblad eine Mitfinanzierung vor Ort zugesagt wird, ist ein solches Vorgehen durchaus möglich.“

Fazit: Die Leute an der Haltestelle müssen mehr Druck machen, damit sich etwas ändert. Die Nummer des jeweiligen Rathauses ist im Internet und im Telefonbuch leicht zu finden. Das Service-Telefon der Verkehrsgesellschaft hat die Nummer 06031/71750. Schriftlich sind Probleme und Anregungen über die Webseite www.rmv.de unter „Kontakt“ und „Service für Anfragen“ formulierbar.

Ein Gedanke zu „Busverkehr“

  1. Das örtliche Rathaus anzusprechen mag ja sinnvoll sein. So lange die dort Verantwortlichen die Interessen der ÖPNV-Nutzer nicht vertreten wollen, bringt das aber nichts.

    In Niddatal hat der CDU Bürgermeister kürzlich stolz im Bekanntmachungsblättchen der Stadt verkündet, dass die Bedienung zweier Bushaltestellen zum Fahrplanwechsel eingestellt wird bzw. mittlerweile wurde.

    Also: Geht am 14. März wählen und bringt Leute in die Gemeindevertretungen die auch wirklich eure Interessen vertreten!

    Frohes Neues Jahr!

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