Büdinger Geschichte

Von Hexen und dem Juden Nathan Nathan

Von Corinna Willführ

In Büdingen wurde im Mittelalter 485 Hexen der Prozess gemacht. Die meisten wurden hingerichtet – auf dem Scheiterhaufen oder mit dem „Scharfbeil“.  Davon und vom „Leben und Sterben des deutschen Juden Nathan Nathan“ erzählt der neuste Band der Büdinger Geschichtsblätter.

Geschichte und Geschichten

Ereignisse und Daten, die in die (Welt)-Historie eingingen: Sie lassen sich in Lexika, ob im Druck oder im Netz, nachlesen. Aber was ist mit den Begebenheiten, den Menschen und ihrer Geschichte in einer Region, in einem Ort? Der Geschichte und den Geschichten, die auf begrenztem Raum eine Zeit prägten und doch über diesen hinaus wirken? Ihnen widmet sich auch der XXIV. Band der „Büdinger Geschichtsblätter“. Unter anderem mit einem Beitrag zur „Hexenverfolgung“ in der Stadt im heutigen Wetteraukreis, der bis in die Gegenwart reicht.
Die Jahre von 1532 bis 1700 sind in der Geschichte der Stadt Büdingen eine unrühmliche Zeit: Wurden doch in dieser 485 Personen, die überwiegende Zahl weiblich, als Hexen der Prozess gemacht. Die meisten von ihnen wurden hingerichtet. Auf dem Scheiterhaufen – oder mit dem Scharfbeil. Damit nahm die Stadt im östlichen Teil der Wetterau neben Bamberg, Würzburg und den Grafschaften Nassau-Dillenburg, Schaumburg-Lippe und Hessen-Kassel in den Gebieten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation einen Spitzenplatz in der sogenannten Hexenvernichtung ein. Sie richtete sich insbesondere gegen Frauen, wie es schon die Formulierung der „Malefizsachen von Amtswegen gegen etliche Weibspersonen“ zeigt.

Das Schloss in Büdingen. (Foto: Willführ)

Auf den von dem Lokalhistoriker Dr. Walter Nieß (+ 2009) publizierten Dokumentationen zu den Hexenprozesse in Büdingen, basiert auch der Artikel von Angelina Großmann.

Denkmal für Opfer der Hexenverfolgung

Die Autorin, die im Rahmen eines Seminars an der Goethe-Universität Frankfurt auf das Thema stieß, verbindet ihre Forschungen mit den Überlegungen zu, den „Nutzen eines Hexendenkmals für Büdingen“. Nicht von ungefähr. Hat doch die Stadtverordnetenversammlung im Oktober 2012, wenn auch mit einigen Nein-Stimmen und Enthaltungen, die Opfer der „Malefizsachen“ rehabilitiert. Indes aber einem Denkmal für die Opfer der Hexenverfolgung, wie es die Fraktion der Grünen fordert, bislang noch nicht zugestimmt. Angelina Großmann: „Die Hexenverfolgung war ein Teil der Geschichte Büdingens, deren Bestandteile (z.B. Bauwerke) teilweise noch bis heute erhalten sind und die Grundlage der Stadt bilden.“ Und weiter im Fazit zu ihren Studien: „Auch die Rehabilitation ist ein Teil der Geschichte Büdingens und sollte durch die Errichtung eines Denkmals für alle sichtbar gemacht werden.“ Das Denkmal, so sieht es der Vorschlag von Joachim Cott (Grüne) vor, soll mit einer Tafel mit allen Namen an „exponierter Stelle der Stadtmauer… dem Betrachter zum einen die unfassbare Zahl als auch die Individualität der Opfer vor Augen führen.“ Dass es etwas „Dinghaften“ zur Erinnerung bedarf (Hannah Arendt) und das Lernen am außerschulischen Lernort immer mehr an Bedeutung gewinnt. Nicht zuletzt würde ein Denkmal den politischen Prozess, der hinter der Rehabilitation der Opfer stand, „die politische Entscheidung in die Öffentlichkeit bringen.“ Und ihnen vielleicht auch nahe bringen, dass der Hexenturm im Bollwerk der Stadt kein märchenhafter Ort für Figuren der Brüder Grimm war. Angelina Großmann führt in ihrem Text eine akademische Auseinandersetzung: Stellt aber nicht zuletzt fest, dass die Vermittlung von historischem Wissen eine wichtige Komponente des Unterrichts sein soll. Wie wird es wohl zu diesem Thema in Büdingen weitergehen?

Mit seinen mehr als seinen 330 Seiten bietet der XXIV. Band -für Nichtlateiner, der 24 – darüber hinaus Beiträge zu expliziten Themen der Büdinger Geschichte, aber auch solchen, die weit über die heutige Wetteraustadt und die Region hinausweisen. Für erstere stehen die Beiträge von Klaus-Peter Decker über „Emma Fürstin zu Castell-Rüdinghausen“ oder der Text „Das Gericht Burkhards“ von Christian Vogel. Für die Zweite, unter anderen der Text von Volkmar Stein über das Leben und Sterben des Juden Nathan Nathan.

Die Geschichte des Nathan Nathan

Der Beitrag „Von Büdingen nach Gurs – Vom Leben und Sterben des deutschen Juden Nathan Nathan“ von Volkmar Stein beginnt mit einer Schulstunde. „Am Mittwoch, dem 12. September 1873 stand der zehnjährige Nathan Nathan aus Altenstadt im Büdinger Gymnasialgebäude an der Schlossgasse vor der versammelten Schulgemeinde, um ein Gedicht aufzusagen.“ Zehn Jahre später legt er seine Prüfungsarbeit vor, in der er, so Volkmar Stein: „in Deutschland hohe moralische Werte verkörpert sieht“ und „auf sein Vaterland stolz“ ist. Nathan Nathan studiert neuere Sprachen in Straßburg, wird Lehrer in Frankenthal bei Bad Dürkheim und erhält die Auszeichnung „Studienprofessor“. 1901 nimmt Nathan Nathan an der Feier zum 300-jährigen Bestehen des Büdinger Gymnasiums teil. Im Oktober 1940 – da ist „der Bub aus Altenstadt“ 77 Jahre alt – werden Juden aus Frankenthal in das französische Internierungslager „Camp de Gurs“ gebracht. Das Lager, das die Regierung Daladier bereits 1939 errichtet hatte, bestand aus „400 einfachen Holzbaracken und war von einem doppelten Stacheldraht umgeben“. Erst am 31. Dezember 1945 wurde das Lager geschlossen und zerstört. 1994 entstand dort eine nationale Gedenkstätte. Auf dem „etwas abseits liegenden Lagerfriedhof“, so Volkmar Stein, sind mehr als tausend Menschen begraben. Das Grab von Nathan Nathan trägt die Nummer 54. Die Stadt Frankenthal hat einen Ehrenamtspreis nach ihm benannt. „In Büdingen ist er vergessen“, so der Historiker. Mit seinem Beitrag nicht mehr.

Recherche in Archiven in Übersee

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zurück reicht die Recherche, die Siegfried Weiß über den „Handelsmann und Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Büdingen Heinemann Lismann und seine Nachkommen“ angestellt hat. Sie führte ihn unter anderem auf den jüdischen Friedhof in Gelnhausen (im benachbarten Main-Kinzig-Kreis), auf den israelitischen Teil des Friedhofs in Stuttgart-Hoppelnau und zu Funden in Archiven in Übersee. „Die entscheidenden Quellen zu Informationen und Nachkommen Heinemann Lismanns wurden von seinem Urenkel Gerald Lismann in den 1960er Jahren recherchiert und ausgewertet. Sie liegen als „Lisman Family Collection im Leo Baeck Institute, Center for Jewish History in New York“, schreibt Siegfried Weiß. Dabei galt das Augenmerk des Forschers zunächst dem Maler, Kunstlehrer und Fachautor Hermann Lismann, geboren 1878 in München.
Heinemann Lismann war sein Großvater, ein Handelsmann, der sich mit seiner Familie in der Büdinger Neustadt niedergelassen hatte. Auf Seite 136 der Büdinger Geschichtsblätter ist ein Plan zum Einbau einer Ladentüre für die Adresse Neustadt 4/6 abgebildet, Fotos von Sabine Rullmann von 2012 zeigen, wie das Gebäude im 21. Jahrhundert aussieht. Bilder aus dem Archiv Joanne Griffin, St. Louis USA sind weitere Dokumente.
Dem Band XXIV der Büdinger Geschichtsblätter sind wohlmeinende und unterstützende Worte für die Aufarbeitung lokaler und regionaler Geschichte des aktuellen Wetterauer Landrats Joachim Arnold, des Bürgermeisters von Büdingen, Erich Spamer, sowie der Ersten Stadträtin der Stadt Büdingen, Henrike Strauch, vorangestellt. Erfreulich, dass sie diese unterstützen. Ärgerlich: dass es keinerlei Informationen über die Autoren und Autorinnen gibt.
Die Büdinger Geschichtsblätter werden von der Geschichtswerkstatt Büdingen herausgegeben. Unter anderem sind in dem Verlag auch Publikationen zu Büdingen im Ersten Weltkrieg, der Auswanderung aus dem Büdinger Land und zu Geschichten und Sagen um den Glauberg erschienen.

Büdinger Geschichtsblätter Band 24, 330 Seiten,        18 Euro geschichtswerkstatt-buedingen.de

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