ROMAN RÜTTELT AUF

Schweigen über die NS-Täter

von Jörg-Peter Schmidt

Über 180 Zuhörerinnen und Zuhörer spendeten am Ende der Veranstaltung sehr langen Applaus: Die mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnete Autorin Judith Hermann las im voll besetzten Hermann-Levi-Saal des Gießener Rathauses aus ihrem neuen Roman „Ich möchte zurückgehen in der Zeit.“ Sie beschreibt das familiäre Verdrängen über die SS-Zeit des Großvaters von Judith Hermann.

Judith Hermann las in Gießen

Judith Hermann und Falko Hennig zwischen den Lesungen im Gespräch. (Foto: Jörg-Peter Schmidt)

Er war während des Zeiten Weltkriegs in Radom im südöstlichen Polen stationiert. Die Schriftstellerin bezeichnet ihren Großvater als „einen überzeugten Nationalsozialisten“.  Sie dokumentiert in ihrem Buch mehrfach, welche Gräuel die Nazis in Radom verübt haben: „In den Monaten… nach der Errichtung des … Ghettos im Frühjahr 1941 war die SS damit beschäftigt, sogenannte Aktionen durchzuführen, bei denen Juden eingesperrt, gequält, geschlagen, deportiert, erhängt und erschossen worden waren. Die SS hatte mehr als fünfzehntausend polnische Intellektuelle, Partisanen und Zivilisten  im Wald bei Firlej erschossen und in Massengräbern verscharrt….“

Großvater war bei SS-Einheit

Judith Hermann verdeutlichte während der von Falko Hennig moderierten und von Analena Aberle eröffneten Lesung, die das Literarische Zentrum (LZG) mit Kooperationspartnern ausrichtete, wie ihre Familie mit folgender Tatsache umgeht: Der Großvater gehörte zu Soldaten, die Massaker angerichtet haben. Beispielsweise die Mutter hat nie die Rolle ihres Vaters als Soldat in Polen aufgearbeitet. Judith Hermann verachtet ihre Mutter keineswegs. Sie verachtet das Verdrängen in der Familie. Dieses Schweigen bedrückt sie so sehr, dass sie quasi an der Stelle ihrer Mutter nach Radom reiste.

Nazis verübten in Radom Gräueltaten

Hermann trifft mit ihrem Buch den Nerv der Zeit, denn immer mehr Menschen  gehen der Frage nach, wer von der Familie Nazi war und wer nicht. Denn in den vergangenen Monaten sind die Bedingungen für die Recherche in den Archiven stark verbessert worden.

Zurück zur Lesung: In Passagen, aus denen die Autorin vorlas und auch dem gesamten Buch geht hervor, dass der Besuch der polnischen Stadt mit der fürchterlichen Vergangenheit Judith Hermann seelisch aufwühlt. Über Radom wird immer der Schatten der Verbrechen der Waffen-SS liegen, auch wenn es Plätze in der Stadt gibt, zu denen sich der Ausflug lohnt. Hermanns Spaziergänge von ihrer gemieteten Wohnung  aus führten etwa zu einem Park, in ein Schwimmbad oder die Kathedrale der Heiligen Jungfrau Maria, einem neugotischen, imposanten Bauwerk.

SS-Soldaten „lässig“ auf dem Motorrad

Ihr bedrückendes Schlüsselerlebnis hatte die Schriftstellerin, als  sie in Radom den Platz entdeckt, auf dem ihr Großvater auf einem Foto 1941 auf einem Motorrad mit zwei weiteren Soldaten zu sehen ist: lässig wie ein Urlauber. Als Touristen waren die Soldaten der SS nicht einmarschiert, sondern als Mörder.

Während des Aufenthalts in Radom telefonierte die Publizistin immer wieder mit ihrer Mutter, die ihren Vater  nicht richtig kennengelernt hat. Er verließ die Familie, als die heutige 80-Jährige noch jung war. Judith Hermann formuliert in ihrem Buch, wie die Familie mit dem Thema Vater bzw. Großvater umgeht, folgendermaßen: Die Mutter zensiert sich selbst, ihre Brüder machen es genauso. „Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet.“ Aber dass die Tochter in Radom den Platz entdeckt hat, auf dem sich ihr Vater „touristisch“ hat fotografieren lassen, empfindet die Mutter als bedrückend. Am Ende ihres Aufenthalts in Radom erhält die Autorin noch einige Einladungen aus der Bevölkerung: unter anderem von einem Historiker und einem jüdischen Musiker.

„Die Unfähigkeit zu trauern“
Die Autorin besuchte in Radom die Kathedrale der Heiligen Jungfrau Maria. (Foto: Wikipedia, 
Voytek S)

Manche der Zuhörer hatten bereits vor der Lesung das Buch gelesen, andere wiederum kauften es sich am Büchertisch, um mehr zu erfahren, was die gebürtige West-Berlinerin geschrieben hat. Sie schildert, wie sie nach dem Besuch von Radom zur Familie ihrer Schwester gefahren ist, wo auch nicht sehr viel über den Großvater gesprochen wird.

Auf einigen Seiten zuvor erfahren die Leserinnen und Leser, dass die US-Amerikaner unter der Leitung von General Patton  dem besagten Großvater  trotz seiner Waffen-SS-Zugehörigkeit eben mal so die Entlassungsurkunde ausgestellt haben.

In der Bevölkerung gab es nach dem Krieg allgemein die große Verdrängung. Hierzu passt im Buch, dass Judith Hermann in Radom „Die Unfähigkeit zu trauern“ von  Margarete und  Alexander Mitscherlich gelesen hat: So viele NS- und SS-Täter und auch weite Teile der Bevölkerung zeigten keine Reue.,  

Cover des Romans „„Ich möchte zurückgehen in der Zeit “, erschienen im S-Fischer-Verlag.

Zu erwähnen ist noch, dass diese beeindruckende Veranstaltung in Zusammenarbeit der Kempowski-Gesellschaft,  der Arbeitsstelle Holocaust-Literatur der Justus-Liebig-Universität  Gießen (JLU), dem Institut für Germanistik der JLU, dem Kulturamt der Stadt Gießen und des LZG Gießen mit freundlicher Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur sowie der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen sowie hr2-Kultur stattfand.

„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ von Judith Hermann kostet als gebundene Ausgabe 23 Euro und als Taschenbuch 15 Euro. Auch als e-book erhältlich. Das Buch ist im Fischer-Verlag erschienen.   

Titelbild: Denkmal zur Erinnerung an jüdische Bürger von Radom (Friedhof im Stadtteil Firlej). (Foto, Ausschnitt): Wikipedia, Mzungu)

 

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