Biber

Bauherren von Burgen und Dämmen

Von Corinna Willführ

Der Biber, Europas größtes Nagetier, das sich zu Land wie zu Wasser zu bewegen weiß, war vom Aussterben bedroht. Erst durch die Umsiedlung von Mitgliedern einer Restpopulation von der Elbe in bayerische Gewässer wurde das Überleben des Castor fiber hierzulande gesichert. Seitdem sind die Tiere streng geschützt. Im Wetteraukreis sind derzeit rund 40 „Biber-Reviere“ bekannt. Neu sind die vier Alt- und Jungtiere, die sich nahe der „Neumühle“ an der Nidder bei Ortenberg angesiedelt haben.
Spitz wie Speerspitzen: Das Werk der Biber an einer Weide. Auf Dauer geschädigt wurde der Baumstumpf nicht. Naturschützer sind sicher: Die Weide treibt wieder aus.(Fotos: Corinna Willführ)

Ihre Spuren sind längs der Nidder zwischen dem Teich im Naherholungsgebiet Ortenberg und dem Nabu-Zentrum „An den Salzwiesen“ in Selters gut zu sehen, sie selbst aber tagsüber nicht: In Nähe der „Neumühle“ hat sich eine vierköpfige Biber-Familie mit zwei Alt- und zwei Jungtieren angesiedelt. Von ihren nächtlichen Aktivitäten künden eine abgenagte Weide (sie wird im Frühjahr wieder austreiben), ein unvollendeter Damm, Fraßspuren an verschiedenen Gehölzen und mehr als eine sogenannte Biber-Rutsche. Dietmar Wäß, zweiter Vorsitzender der Nabu-Ortsgruppe Ortenberg, betrachtet den „Einstieg“ der größten Nagetiere Europas am Ufer gegenüber der Fischtreppe in die Nidder fachkundig. „Die Spuren scheinen mir nicht aus den letzten Tagen zu sein.“ Die Tiere seien indes dort in den vergangenen Wochen wohl sehr aktiv gewesen. Darauf deuten auch zwei gut sichtbare „Pfade“ hin, die zu einem gegenüberliegenden Graben führen. Vorbei an einem alten Apfelbaum. Für die Biber waren dessen abgefallene Früchte im Herbst Leckerbissen, ernährt sich doch der Castor fiber, so der wissenschaftliche Name des Nagers, rein vegetarisch. Also auch nicht von Fischen, wie so mancher Angler befürchtet.

Das Fell der Biber war begehrt

In 2012 hat die Ortsgruppe des Nabu Ortenberg ihre erste Biber-Führung durchgeführt. „Mit rund 90 Teilnehmern.“ Also mit überwältigendem Interesse an einer Tierart, die fast 150 Jahre ob ihres begehrten, wärmenden Fells – es hat an der Unterseite 23.000 Haare pro Quadratzentimeter – lang als ausgerottet galt. Ihr Überleben hat sie in Hessen einem Projekt zu verdanken, durch das Exemplare einer Restpopulation von der Elbe in den Spessart im benachbarten Main-Kinzig-Kreis umgesiedelt wurden. Heute ist der Biber streng geschützt – sowohl durch das Bundesnaturschutzgesetz wie durch die europäische Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.

Unverkennbar der Einstieg der Tiere durch eine Rutsche von Land ins Wasser der Nidder.

In der Wetterau, so Dietmar Wäß, sind „rund 40 Biber-Reviere bekannt.“ Im Ostkreis etwa auch am Laisbach und am Hillersbach. Das Revier der europäischen Art, deren Tiere bis zu 32 Kilogramm schwer und vom Kopf zum Rumpf rund einen Meter (plus circa 35 Zentimeter Schwanz) messen können, umfasst längs eines Bachlaufs im Durchschnitt zwei Kilometer Länge. So sehr Naturschützer die Rückkehr des Bibers in heimische Gefilde schätzen, wegen seiner Lebensraumgestaltung ist der tierische Landschaftsarchitekt nicht von allen wohl gelitten. Der Grund: Baut der Biber Dämme, um den Eingang seiner Burg sicher unter Wasser zu halten, blockiert er dessen Abfluss. Die Folge: Ist das Ufer zu flach, grenzen an dieses direkt Ackerflächen oder Wohnbaugebiete an, kann es zu Überflutungen kommen. Sehr zum Unbill der Anrainer. Und das sorgt für Konflikte. Um diese zu bereinigen, gibt es beim Regierungspräsidium Darmstadt die Obere Naturschutzbehörde. Dort sind die Ansprechpartner für das sogenannte Bibermanagement angesiedelt. So können etwa Landwirte Ausgleichszahlungen geltend machen, wenn Biber sich an ihren Feldern von Mais oder Raps gütlich tun. Da die Tiere aber weder verjagt noch getötet auch ihre Bauten nicht zerstört werden dürfen, greifen erst einmal alle Schutzmaßnahmen für die Land-und-Wasser-Bewohner. Den Apfelbaum schützt mittlerweile vor ihrem Verbiss ein Maschendraht am Stammende.

Freilaufende Hunde gefährden Biber

Bevorzugte Nahrung sind dem Nager indes im Sommer Kräuter und Gräser, im Winter junge Rinden und zartes Grün von Baumkronen. Das ist auch der Grund, warum er deren Stämme fällt. „In einer Nacht kann ein Biber durchaus einen Stamm von 30 Zentimetern Durchmessern kräftig an- oder auch durchnagen“, sagt Dietmar Wäß. Nachzuvollziehen etwa an einer – allerdings längst abgestorbenen – Pappel. „Die Tiere legen sich jetzt ihre Vorräte für den Winter an.“

Dietmar Wäß, zweiter Vorsitzender der Nabu-Ortsgruppe an einem unvollendeten Biber- „Bauwerk“

Eine von mehreren Spaziergängern beobachtete Blutspur in der Nähe des Biber-„Wildwechsels“ an der Neumühle konnte nicht zweifelsfrei einem verletzten Nager zugeordnet werden. Ein totes Exemplar fanden die Naturschützer beim Hochwasser am 29. Januar an der steinernen Stadtbrücke unterhalb des Schlosses. „Wahrscheinlich ist der Biber, obwohl er über längere Strecken tauchen kann, damals ertrunken.“ Natürliche Feinde brauchen die Nager zwischen Ortenberg und Selters nicht zu fürchten. Wolf, Luchs und Bär gibt es an der Nidder nicht.

Freilaufende Hunde schon. Sie sind eine Gefahr für Castor fides, insbesondere, wenn die Biber-Weibchen im Frühjahr Nachwuchs erwarten. Dann besteht zugleich die Hoffnung, die streng geschützten Lebewesen einmal „live“ zu sehen. „Im April gehen sie schon mitunter schon in der frühen Abenddämmerung auf Nahrungssuche.“ Wobei: Die beiden Jungtiere der derzeitigen Familie könnten dann schon auf dem Weg sein, sich ein neues Revier zu suchen. Dietmar Wäß: „Denn zweijährige Jungtiere verbleiben nicht in der Familie, wenn neuer Nachwuchs da ist.“ Wäre dies anders, hätten die letztlich aus dem Spessart stammenden „bayerischen“ Biber nicht ihren Weg an die „oberhessische“ Nidder gefunden.

Titelbild: Biber im Naturschutzgebiet Nordufer Plauer See. (Foto: Wikipedia/Frank Liebig – Archiv Frank Liebig, CC BY-SA 3.0 de, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=105981107)

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