Vogelschutz

Ornithologie-Experte Wolfgang Wiltschko

Von Corinna Willführ

Ob beim Blick in den heimischen Garten oder bei der Auswertung wissenschaftlicher Studien: Wolfgang Wiltschko (Foto) stellt mit Sorge fest, dass sich die Zahl der Singvögel in Deutschland deutlich verringert hat. Dabei ist der Bad Nauheimer, Jahrgang 1938, kein Hobbybeobachter der Vogelwelt, sondern war bis zu seinem Ruhestand Professor für Zoologie mit Ornithologie als Spezialgebiet an der Johann Wolfgang Goethe-Uni in Frankfurt. Mehr noch: Wiltschko ist der erste Forscher, dem es Anfang der 1960er Jahre gelang, experimentell nachzuweisen, dass sich Vögel am Erdmagnetfeld orientieren.

In Sorge um die Artenvielfalt

Auch nach seiner Emeritierung gilt die Passion des vielfach ausgezeichneten „biologischen Urgesteins der ganz seltenen Art“, wie ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) zu seinem 70. Geburtstag ehrte, den Vögeln. Verschwinden unsere Singvögel? Sind sie „unschuldige Betroffene einer gesellschaftlichen Entwicklung“? Zwei Fragen, die der Wissenschaftler mit „Ja“ beantwortet.

st seit Jahrzehnten Experte in der Erforschung von Leben und Verhalten von Vögeln: Professor Wolfgang Wiltschko. (Foto: Corinna Willführ)

Da sind die Zahlen, Daten und Fakten, die für den Ornithologie-Experten ein „alarmierendes Zeichen“ sind. Wurden in 1998 noch 97,5 Millionen Vögel (eine nach regelmäßigen Beobachtungen von vielen ehrenamtlichen Vogelbeobachtern hochgerechnete Angabe für Deutschland) gezählt, waren es in 2013 nur mehr 84,4 Millionen. Insgesamt rund 330 Vogelarten sind hierzulande bekannt, 250 davon als Brüter, „der Rest als regelmäßige Besucher“. 54 Prozent der Brutpaare suchen ihre Nahrung am Boden, 70 Prozent der Tiere ernähren sich fleischlich, also von Insekten, kleinen Fröschen oder Spinnen. 40 Prozent bauen ihre Nester am Boden. 85 Arten brüten in Bäumen, nur 32 in Höhlen. Die Einwanderung der Vögel in hiesige Breiten begann zum Ende der letzten Eiszeit, vornehmlich aus dem Süden und östlichen Ländern – und ist bis heute nicht abgeschlossen. Wie der wachsende Bestand der Nilgänse zeigt.

Dem Lebensraum angepasst

Die Vielfalt der gefiederten Lebewesen ist der Klasse der Wirbeltiere ist dabei nicht gleichmäßig verteilt. Sie haben sich im Lauf der letzten zehn- bis zwölftausend Jahre spezialisiert, was ihr Balzverhalten angeht, ihren Nestbau, ihre Brutgebiete. Und den Bedingungen ihres Lebensraums angepasst. Der aber hat sich für Amsel, Drossel, Fink und Star mit Beginn der Industrialisierung und verstärkt in den letzten Jahrzehnten gravierend verändert. Die Flächen mit „armen Biotopen“ wie Fichtenwälder, exklusiv genutztes Grünland oder Monokultur-Äckern sind mehr geworden. Artenreiche Areale wie Streuobstwiesen dagegen gibt es immer weniger. „Reiche Biotope“, zu denen Wiltschko neben Auen auch Parks und Friedhöfe zählt („der Frankfurter Hauptfriedhof ist ein Eldorado für circa 150 Vogelarten“) gäbe es noch zahlreich. Nicht immer aber würden sie im Bewusstsein gepflegt, dass Unterholz auch mal liegen bleiben sollte, um den Federtieren Rückzugs- und Niststätten zu sichern.

Extensive Landwirtschaft zurückfahren

Was also bedroht konkret die Vielfalt der Vogelwelt hierzulande? Die Zeiten, als Wolfgang Wiltschko als Bub in der Schule animiert wurde, die Eier von Sperlingen zu sammeln, um diese anschließend gemeinsam zu entsorgen, sind vorbei. Ebenfalls das vor allem in England gepflegte Hobby, seltene Eierschalen zu sammeln. Beides sei deshalb „keine große Gefahr mehr für ihren Bestand.“ Wohl aber die Zerstörung ihres Lebensraums durch den Nutzungswandel in der Landwirtschaft (Stichwort Monokulturen), eine radikale Altholzvernichtung („ein Nachtigallen-Vermeidungsprogramm“) oder die Vernichtung von Rainen zugunsten immer breiterer Äcker, wie sie für den effektiven Einsatz riesiger Traktoren oder Mähdrescher nötig seien.

Windräder sind für den Rotmilan eine tödliche Gefahr
Der Rotmilan. (Foto: Thomas Kraft/Wikipedia)

Ein weiterer Punkt: der Einsatz von Neonicotinoiden. Die synthetisch hergestellten hochwirksamen Insektizide können bei Vögeln beispielsweise nach dem Aufpicken von behandelten Maiskörnern oder Rapssamen für Veränderungen im Nervensystem sorgen. Der Einsatz drei besonders giftiger Vertreter des Pflanzenschutzmittels – Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid – ist am 27. April von den EU-Mitgliedstaaten verboten worden. Wären da noch die Windkraftanlagen, deren Zahl im Rahmen der Energiewende noch zunehmen wird. Neben den „riesigen Flächen“, die sie beanspruchen, stellen sie eine im wahrsten Sinne tödliche Gefahr für Vögel dar. „Denn Vögel erwarten in der Luft nichts.“ Bedrohlich die Prognose, die Wiltschko für die Zukunft von Raubvögeln errechnet hat. „Allein durch die Windräder werden so viele Tiere getötet, dass es in 30 Jahren keine Bussarde und in 35 Jahren keinen Roten Milan mehr geben wird.“ Weitere Bedrohungen für die Fauna-Vielfalt am Himmel sind Viruserkrankungen, die Veränderungen durch den Klimawandel und – nicht zuletzt: freilaufende Hunde und Katzen sowie rücksichtslose menschliche Zeitgenossen.

„Mehr Unkraut und Brachland dulden“

Was gilt es also zu tun, um das Überleben von Kiebitz und Braunkehlchen, von Goldammer und Mauersegler zu sichern? Mit seinen Vorschlägen, will Professor Wiltschko „nicht dogmatisch verstanden werden“. Er plädiert für eine stärkere Kooperation von Natur- und Bauernverbänden, Kommunen und der Industrie. Für ein verbessertes Biotopmanagement. Möchte, „dass mehr Unkraut und Brachland geduldet wird“, Land- und Forstwirtschaft von einer extensiven Nutzung abkommen. Doch auch jeder Eigenheimbesitzer kann bei der Gestaltung seines Gartens einen Beitrag leisten: Indem er statt englischen Rasen anzulegen oder gar Flächen zu versiegeln, für Blumen- und Blütenvielfalt sorgt. Denn die lockt Insekten an und diese wiederum 70 Prozent der 250 Vogelarten, die sich fleischlich ernähren. Bei aller naturwissenschaftlichen Kompetenz ist der Erhalt der Vogelvielfalt eben auch eine „ethische Frage, wie wir mit den Geschöpfen umgehen.“

PS: Auf eine kleine Anfrage der Grünen hat die Bundesregierung im Mai 2017 eine „signifikante Bestandsabnahme“ der Singvögel in Deutschland und Europa vermeldet. So nahm die Zahl der Kiebitze von 1990 bis 2013 um 80 Prozent ab, die der Braunkehlchen um 63 Prozent und die der Feldlerchen um 35 Prozent.

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