Lutherweg: Osthofen bis Oppenheim
Hier geht es um weite Ausblicke, um Wein und uralte Orte am Westufer des Rheins. Der Weg, den Martin Luther im Frühjahr 1521 von Worms nach Eisenach zurücklegte, berührt viele interessante Plätze. In einer Serie beschreibt Landbote-Redakteur Klaus Nissen, was er auf dieser Strecke erlebt.
Lutherweg – die zweite Etappe
Der Reformator wusste gutes Essen und Trinken zu schätzen – Martin Luther wird auf dem Rückweg von Wormser Reichstag also sicher den Wein der Region gekostet haben, der schon damals aus den Rebstöcken auf der Lössterrasse westlich des Rheins gewonnen wurde. Noch heute reichen die Rebfelder über den Horizont hinaus. Das macht die Wanderung manchmal ein wenig eintönig – doch auf den Anhöhen lohnt es, in die Ferne zu spähen.
Da sieht man in Süden bei klarem Wetter hinter dem Wormser Kirchturm die Schornsteine der BASF bei Ludwigshaufen rauchen. Weiter links, jenseits des Rheins, begleitet mich die ganze Zeit der Höhenzug des Odenwaldes. Und später auf dieser Etappe, kurz vor Oppenheim, sehe ich im Nordosten schon die Wolkenkratzer der Frankfurter City.
So weit ist es aber noch nicht. Nach dem Start am Bahnhof von Osthofen passiere ich am nördlichen Ortsausgang die Miniatur-Burg „Leckzapfen“. Sie wurde 1891 nach dem Vorbild des Schlosses Lichtenstein auf der Schwäbischen Alb erbaut. Warum auch immer.
Bechtheim: Alte Kirche, leckere Trauben
Nach gut einer Stunde im Zickzack der Weinfeld-Wege taucht in der Senke des Riederbachs das Dorf Bechtheim auf – die interessanteste Ortschaft dieser Lutherweg-Etappe. Sie hat gerade mal 1800 Einwohner, aber mit mehr als 600 Hektar das größte Wein-Anbaugebiet in Rheinhessen. Aus Bechtheim stammen Leute wie Peter Bender, der glaubte, die Menschheit lebe auf dem Innenrand der hohlen Erde. Und der Satiriker Bernd Fritz, der bei einer Wetten dass-Show nachwies, dass er durch Lutschen an Buntstiften deren Farbe erschmecken könne.

Deutlich solider ist im Ortskern die tief gelegende Waschanstalt erhalten, die heuer gottseidank niemand mehr braucht. Durch einen kleinen Park erreiche ich die tausendjährige Lambertus-Basilika. Der große romanische Bau war vermutlich eine Pilgerkirche mit einer Reliquie, die ihr mittlerweile abhanden gekommen ist.
In Alsheim an die Heidenkirche
Durch Bechtheim nach Norden geht es dann wieder bergauf in die Weinfelder. Dort rechts ab stehen dann gut 30 Rebstöcke, von denen jeder einen aus Film und Fernsehen bekannten Paten und vor allem eine andere Traubensorte hat. Diese Traubensammlung scheint jedes Jahr etwas größer zu werden, und im Herbst hat der Wanderer die schöne Gelegenheit, davon zu naschen. Mir erschien dabei die Scheurebe als besonders sauer und die Muskatellertraube extrem lecker.
An Mettenheim vorbei führt der Lutherweg nach Alsheim. Mit etwas Glück kann man dort im Alten Kelterhaus rasten und schmausen. Auf jeden Fall geöffnet ist der alte, schöne Friedhofspark an der 800jährigen Heidenkirche. Kreuzfahrer sollen um das Jahr 1200 den Turm nach orientalischem Vorbild erbaut haben.
Noch weiter nördlich könnte ich nach 21 Wander-Kilometern in Guntersblum einlaufen, das in Claus-Günter Franks Rother-Wanderführer als Zielort der zweiten Etappe angegeben ist. Doch ich bin erst mittags in Osthofen losgelaufen und nach knapp fünf Stunden noch nicht müde. Also noch noch acht weitere Kilometer nordwärts durch Weinfelder mit grandioser Aussicht, bis das alte Wein-Städtchen Oppenheim erreicht ist. Dort kann ich im Zug nach Worms oder Mainz auf der Heimreise die Beine lang machen. Oppenheim ist zugleich der Endpunkt des Rheinterrassen-Weges am rheinland-pfälzischen Westufer des großen Flusses. Die nächste Etappe wird am Ostufer im Hessischen beginnen.

