Strom aus Biomüll

Essensreste sind wertvoll743 Unscheinbar wölbt sich der Biogasspeicher Foto Nissen

Von Klaus Nissen

Alter Kartoffelsalat, der im Kühlschrank vergessene Käse und schimmlige Wurst – solche Dinge sind im Humus- und Erdenwerk an der Landstraße zwischen Ilbenstadt und Stammheim im Wetteraukreis hoch willkommen. „Die bringen Energie“, lobt Abfallberaterin Birgit Simon die fettigen Essensreste aus den Wetterauer Biotonnen. Alle Kommunen außer Bad Vilbel liefern ihre Bio-Abfälle in die drei Hektar große Anlage des kreiseigenen Abfallwirtschaftsbetriebes. Dort macht man aus dem letzen Dreck Strom und Humus. Das Bild zeigt den neuen Biogas-Speicher der Anlage.

Strom aus Biomüll

Im Juli vor zwei Jahren produzierte die 2,2 Millionen Euro teure Biogasanlage die erste Kilowattstunde Bio-Strom. Bundesweit gibt es nur ein halbes Dutzend ähnlicher Anlagen, weiß Birgit Simon. Inzwischen wurden gut zehn Millionen Kilowattstunden Strom produziert. 3,4 Millionen Kilowattstunden werden für die Kompostierungsanlage verbraucht – der größere Rest geht bei Bedarf ins Netz.

766 Zwei Besucherinnen Foto Nissen
Zwei Damen aus der Nachbarschft besichtigen die offene Halle, in der der kompostierte Biomüll zum wertvollen Dünger reift. Foto: Nissen

Bei der Vergärung des Biomülls entsteht Methan – brennbares Gas. Früher wurde das einfach abgefackelt. Seit zwei Jahren kann es in der von Wäldern umgebenen Anlage gespeichert und gezielt zu Strom umgewandelt werden. Das Humuswerk hat einen Vertrag mit einer Strommakler-Firma an der Leipziger Energiebörse, berichtet Birgit Simon. Wenn viel Strom gebraucht wird, steigt der Preis – und dann werfen die Wetterauer Kompostmacher besonders gern die beiden Generatoren an. Vor allem am frühen Werktagmorgen, wenn Kaffemaschinen, Elektrorasierer und Toaster in Betrieb gehen, ist der Strom aus dem Humuswerk gefragt. Denn er kann gespeichert und gezielt abgerufen werden: Über einem großen Tank mit Flüssigdünger spannt sich eine hellgraue Kuppel. Darin lagern bis zu 2500 Kubikmeter Biogas. Weil die Energie so schnell mobilisiert werden kann, kassiert das Humuswerk auch eine „Flexibilitätsprämie“. Schön wäre es, so Birgit Simon, wenn man noch einen Abnehmer für die 800 000 überschüssigen Kilowattstunden Wärme hätte, die jedes Jahr an der Landstraße 3188 anfallen.

Nicht nur Wärme und Strom, sondern auch Flüssigdünger für die Wetterauer Felder und Humus für die Gärten der Wetterauer entstehen in der von nur acht Angestellten betriebenen Anlage. Der Rohstoff stammt aus den Grünschnitt-Sammlungen und den braunen Tonnen von rund 270 000 Wetterauern. Nur Bad Vilbel ist nicht in dieses System integriert. Schon seit 1993 sammelt man im Wetteraukreis die organischen Abfälle separat ein. Damit war man seiner Zeit weit voraus – in Bad Homburg gibt es zum Beispiel erst seit 2015 braune Tonnen.

In der riesigen Halle bei Ilbenstadt landen pro Tag bis zu 60 Tonnen organischer Abfälle. Ein gewaltiges Sieb trennt grobe von feineren Bestandteilen – was länger als sechs Zentimeter ist, gilt als „Störmaterial“ und wird in eine Verbrennungsanlage geschickt.

780 So sieht der Fertige Wetterau-Kompost aus Foto Nissen
So sieht der fertige Kompost aus. Zuvor wurden Faulgase abgefangen, damit sie Strom produzieren können. Foto: Nissen

Der zerkleinerte Inhalt aus den Biotonnen landet in einer intensiv nach Mist riechenden Halle nebenan für zwei Wochen in einen 3,5 Meter hohen und 15 Meter langen Fermenter aus Beton. Darin wird der Biomüll durchgerührt und bei 55 Grad Celsius unter Luftabschluss weiter vergoren. Das dabei anfallende Biogas landet in der neuen Vorratskuppel für die beiden Stromgeneratoren. Übrig bleibt ein  dunkelbrauner Matsch, dessen flüssiger Anteil als hochwertiger Dünger gilt.  Bis zu 2500 Kubikmeter davon lagert das Humuswerk in zwei Tanks, bis Landwirte es in der warmen Jahreszeit auf die Felder fahren dürfen. Sie bekommen dafür eine kleine Aufwandsentschädigung. Und sparen dabei Mineraldünger ein.

Große gelbe Radlader schaffen die festen Bestandteile des Biomülls schließlich gemeinsam mit dem zerkleinerten Grünschnitt in acht nebeneinander stehende Rottetunnel, die aussehen wie überdimensionale Garagen. Wenn so eine 15 Meter lange und vier Meter hohe Kammer voll ist, wird sie geschlossen und der Inhalt sechsmal am Tag mit Regenwasser begossen. Mikroben zersetzen das Material zehn Tage lang bei 70 Grad Hitze. Per Förderband landet das Substrat am Ende in einer fußballfeldgroßen offenen Halle. In mannshohen, etwa 40 Meter langen Mieten findet hier die Nachreife statt. Spezielle auf Raupenketten laufende Umsetzer durchmischen und belüften den Kompost ein- bis zweimal pro Woche. Nach sechs bis acht Wochen wird der Kompost dann noch einmal gesiebt – und am Ende  lose oder in Säcken als fruchtbare Gartenerde verkauft.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.