Streuobstwiese

Burenziegen als Pfleger

Von Michael Schlag

Östlich von Linden-Leihgestern im Landkreis Gießen erstreckt sich eine der typischen hessischen Kulturlandschaften: 45 Hektar Grünland mit lockeren Beständen von alten Apfel-, Zwetschgen- und Birnbäumen. Viele dieser Streuobstgürtel am Rand der Dörfer gingen in den vergangenen Jahrzehnten für neue Baugebiete verloren. Hier war es anders: Die „Streuobstbestände von Linden-Leihgestern“ wurden vor knapp 30 Jahren ein „Geschützter Landschaftsbestandteil“ nach dem hessischen Naturschutzgesetz. Doch Schutz vor Eingriffen bedeutet noch nicht Weiterleben der alten Kulturlandschaft. Damit sie ihre Funktionen für die Artenvielfalt behält, braucht sie auch die Bewirtschaftung, aus der sie einmal entstanden ist. Auf einem Teil der Flächen in Leihgestern übernimmt das heute eine Ziegenherde mit sorgfältiger Weideplanung.

Man fährt auf kleinen Wegen zwischen Obstbäumen im Wechsel mit Grünland, teils intensiv und tief gemäht, teils blühend hochgewachsen. Dazwischen immer wieder verbuschte Gehölze, fast undurchdringlich zugewuchert. Oberhalb des historischen Wasserspeichers von Leihgestern hält Thomas Lenhart an einem mobilen Ziegenstall, seine Frau Katharina Lenhart schüttet etwas von dem mitgebrachten Lockfutter in einen Trog auf der Weide. Die kleine Ziegenherde kommt lebhaft angerannt, die Leitziege bleibt wachsam mit aufgerichteten Rückenhaaren neben dem Besucher und weicht ihm nicht von der Seite.

Thomas und Katharina Lenhart mit ihrer Herde. (Fotos: Michael Schlag)

80 Jahre alte Obstwiese

Die Obstbäume auf dem Grünland wurden vor etwa 80 Jahren angelegt, doch zuletzt gab es kaum mehr Interesse an einer Nutzung. Auch die Wiesen im Familienbesitz verwilderten zusehends, und als Lenhart die Flächen übernahmen, war an Weidenutzung nicht zu denken. „Tagelang haben wir damit zugebracht, das mit der Motorsäge frei zu schneiden“, sagt Katharina Lenhart, dabei wurde aber schnell klar: „So kriegen wir das auf Dauer nicht offen gehalten“, sagt Thomas Lenhart. Schon länger gab es aber die Idee, dass hier doch ein paar Ziegen laufen könnten, erzählt Katharina Lenhart, alles Weitere leitete der Zufall: Ihr altes Pferd brauchte Gesellschaft auf der Weide, doch nur dafür ein zweites Pferd zu kaufen, kam nicht in Frage. Als Gesellschafter kam dann ein kastrierter Ziegenbock dazu, kurz vor Weihnachten war das, erinnert sich Katharina Lenhart, die Käufer für den Bock waren abgesprungen, nun sollte er geschlachtet werden. Der kleine Sohn fand aber Gefallen an dem Tier bei einem benachbarten Züchter, so kam die Nummer Eins auf den Betrieb, bis heute hat er Bleiberecht.

Die Streuobstwiese ist geschützter Landschaftsbestandteil.

Burenziegen kamen dazu, eine weit verbreitete Fleischrasse, teilweise gekreuzt mit anderen Rassen wie Weiße Deutsche Edelziege und Tauernschecken. „Die Ziegen liefen herum als Landschaftspfleger“, erinnert sich Thomas Lenhart. „Aber irgendwann habe ich gesagt: Wir müssen mit den Tieren auch was anfangen“, sagt der promovierte Agraringenieur. So wurde die reine Hobbyhaltung zum kleinen Nebenerwerb, die Tiere bekamen ein festes Winterquartier, die Obstbäume einen mobilen Schutz vor Verbiss. Heute pflegt und bewirtschaftet Familie Lenhart insgesamt acht Hektar Streuobstflächen, die Ziegenherde ist auf 28 Tiere angewachsen und mit seinen Burenziegen ist Lenhart heute ein anerkannter Zuchtbetrieb im Hessischen Ziegenzuchtverband. Auf Zuchtviehauktionen wurde aber noch kein Tier verkauft, denn „wir sind ja die ganze Zeit dabei, die Herde zu vergrößern, sodass wir einfach noch keine schönen Tiere abgeben wollten“, sagt Katharina Lenhart.

Vielfalt auf der Fläche kehrt zurück

Langsam kehrt die Vielfalt auf den Flächen zurück, zum Beispiel eine kleine gelbe Fläche Hopfenklee zwischen dem Gras. „Es ist eigentlich ein gutes Zeichen, wenn man den hat und wir sind immer froh, wenn wir Kräuter haben“, sagt Katharina Lenhart, im Hauptberuf Biologieprofessorin an der Hochschule Bingen. Im Frühjahr machten Studenten auf einigen Flächen in Leihgestern eine Biotopkartierung: Mit der Ziegenbeweidung kommen Arten wie Rot-Straußgras, Wiesen-Hainsimse und Rapunzel-Glockenblume wieder häufiger vor. Immer wieder melden sich indes auch Austriebe von Zwetschgen aus dem Boden zurück, doch auch hier „hoffen wir, dass die Ziegen es schaffen, die noch zu verbeißen“.

Blick auf die Streuobstwiese bei Linden-Leihgestern.

Die Familie nennt ihr Vorhaben „Streuobstziege“, das Logo hat den Untertitel „engineering environment“: Verbuschte Grundstücke werden zurückentwickelt zu nutzbarer Weide. Diese Umweltgestaltung erfolgt nach Plan: „Wir gehen jedes Jahr zu einem anderen Zeitpunkt in die Flächen“, erklärt Lenhart, „so bekommen im Wechsel spät Blühende und früh Blühende ihre Chance“. Bei einförmiger Weidenutzung dagegen würden die Ziegen immer die gleichen Pflanzen heraus fressen, und „irgendwann hätten wir diejenigen, die sie gerne fressen, nicht mehr drin“. Die unterschiedlichen Nutzungszeitpunkte lassen allen Pflanzen eine Chance, deshalb kann der Betrieb generell auf Nachsaat verzichten. „Das Entscheidende ist, dass ich unterschiedliche Bewirtschaftungsformen innerhalb dieser Streuobstwiesen habe“, sagt Biologin Katharina Lenhart, „die vielen Arten die Möglichkeit eröffnet, sich von hier aus wieder auszubreiten.“ Der geltende Naturschutz für die Streuobstbestände von Linden-Leihgestern stört die Bewirtschaftung mit den Ziegen in keiner Weise, sagt Thomas Lenhart, denn „genau das, wofür der Landschaftsbestandteil geschützt ist, das machen wir ja.“ Vor zwei Jahren erhielt die Familie dafür den Umweltpreis der Stadt Linden.

streuobstziege.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.