Störche

Faszinierender Blick ins Nest

von Ursula Wöll

Landbote-Autorin Ursula Wöll hat über die Storchenkamera in Lindheim den dreiköpfigen Storchennachwuchs beobachtet, vom Schlüpfen an. Das Trio ist ihr ans Herz gewachsen. Und sie fiebert mit, denn irgendwann müssen die jungen Vögel runter vom Nest, hinein ins Unbekannte. Hier ihr Bericht:

Dank der Storchenkamera in Lindheim konnte ich die drei Jungstörche oder -störchinnen vom Schlüpfen bis zur heutigen Größe beobachten. Ich kann sie von ihren Eltern nun nur noch durch die blassere Bein- und Schnabelfarbe unterscheiden. Sie sind mir sehr ans Herz gewachsen, schon im Babyalter.

Sie sind schnell herangewachsen

Vor wenigen Wochen waren ihre Formen noch rundlicher, und auf dieses ‚Kindchenschema‘ reagiert der Mensch, vielleicht auch das Tier emotional besonders positiv. Was aber bei ‚meinen‘ Storch-Teenagern mit Sicherheit vorkommt, das ist die uns Menschen wohlbekannte „Übersprungshandlung“. Laut Wikipedia bezieht die Verhaltensforschung auch Tiere in dieses Phänomen ein, und untrüglich bestätigt das mein Blick durch das Kameraauge ins Wohn- und Schlafzimmer der Lindheimer Storchfamilie. Der oder die Älteste ist am 2. Mai geboren, pardon geschlüpft. Da das Heranwachsen sehr schnell ging, war er (oder sie?) der erste, der immer sicherer auf seinen langen Beinen stand und immer häufiger bei kleinen Hüpfern mit den Flügeln übte. Als Trockenübung sozusagen. Denn das Abheben vom sicheren Nest war eine so neue, erstmalige Handlung, dass sie offensichtlich auch einem Vogel Angst verursacht und ich mit dem Jungtier dessen Ängste durchlitt.

Die Geschwister kümmerte das wenig, der/die Erstgeborene war ganz auf sich gestellt. Immer wieder tigerte der Vogel aufgeregt hin und her auf der begrenzten Fläche und klapperte dabei in meiner Phantasie mit dem Schnabel: Hab Dich nicht so, alle Störche haben das bislang geschafft, ohne sich den Hals zu brechen. Das alles auf Deutsch, warum auch immer. Denn die Eltern waren ja winters über mindestens in Spanien gewesen und sprachen sicher auch spanisch. Immer wieder blickte der Vogel also mit langem Hals über den Nestrand in die unbekannte und furchteinflößende Tiefe. Um sich an sie zu gewöhnen und sie theoretisch gut kennenzulernen. Doch solch gute Vorbereitung half wenig gegen die Angst vor dem Neuen. Also hob der Vogel immer wieder mit dem Schnabel Stöckchen vom Nestrand auf, um sie gleich darauf fallen zu lassen. Eine offensichtliche Übersprungshandlung, da sie völlig sinnlos war und mit der eigentlichen Aufgabe in keinem Zusammenhang stand. Diese Aufgabe hieß und heißt immer noch: Wage Dich ins Unbekannte, da es eh unvermeidbar ist. Denn früher oder später musst Du vom hohen Nest runter. Jede neue Erfahrung beginnt mit einem ersten Mal. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.

Die Eltern wurden vom Futterschleppen mager

Wenn dieser Text im Netz steht, wird der Storch hoffentlich seine erste Runde endlich gedreht haben. Damit wäre er ein Beispiel für seine Geschwister und würde die geplagten Eltern entlasten, die vom Futter- und Wasseranschleppen selbst ziemlich mager wurden. Er wird dann jubeln: Das war gar nicht so wild, sondern eine schöne Erfahrung, zunächst noch nicht perfekt, das kommt mit der Übung. Und ich könnte meine Identifizierung mit dem bangen Inneren des Storches beenden und mir vielleicht selbst ein neues aufregendes und sinnvolles Ziel ausdenken. Eines, dessen Realisierung natürlich zunächst viel Herzklopfen kostet. Dem/der Mutigen gehört die Welt!

Ein Gedanke zu „Störche“

  1. Nun sind seit dem 8. Juli gleich zwei der jungen StörchInnen flügge. Störche führen ein entschleunigtes Leben, denn lange hat der/die Älteste gezögert. Oder aber gewartet auf sein Geschwister, weil es immer einfacher ist, etwas mit anderen gemeinsam zu unternehmen. Meine Sympathie konzentriert sich nun auf das jüngste der drei, das so ganz allein im Nest hutcht. Wenn die beiden anderen zurückkehren, paradieren sie mit stolzgeschwellter Brust vor ihm auf und ab. Hoffentlich wird es von seinen Eltern weitergefüttert, bis es bald auch flügge sein wird. Das Drama des Erwachsenwerdens kann man in seinem letzten Akt miterleben unter
    http://www.vogelschutz-lindheim.de/storchenkamera

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