Was geschieht, wenn wir tot sind
Von Klaus Nissen
Es trifft uns alle: Wir werden sterben. Jedes Jahr schließen in der Wetterau rund 3800 Menschen die Augen für immer – mehr als ein Prozent der Bevölkerung. Was geschieht mit den Toten? Der Wetterauer Verein „Lebensfluss Begleitung“ dokumentiert das in einer Serie auf dem Videoportal Youtube. Die erste Folge schauten sich gut zwei Dutzend Menschen bei einem Public Viewing in Friedberg an. Bestatter, ein Gerichtsmediziner, ein Arzt, ein Krematoriumsbetreiber und ein Friedhofs-Sachverständiger werden in der “Lebensfluss-Show“ sehr konkret. Hier einige Fragen und Anworten zu Dingen, die unausweichlich auf uns zukommen.Bestattungs-Sitten ändern sich
Die Abschiedskultur ist im Wandel. Das sieht jeder, der mit offenen Augen über einen Friedhof spaziert. Das klassisch Erdgrab wird immer seltener. Vier von fünf Verstorbenen werden inzwischen verbrannt und als Asche in der Urne beigesetzt. Dabei gibt es Alternativen außerhalb der Gottesacker: das Meer, der Wald, das Ausland.

In Rheinland-Pfalz ist neuerdings die Bestattung von Totenasche etwa in Rhein oder Mosel erlaubt. Und in Schleswig-Holstein ist es möglich, Verstorbene zu kompostieren die sogenannte Reerdigung.
Für solche Änderungen ist die Landespolitik in Wiesbaden nicht zu haben. Durch die Novellierung des Friedhofs- und Bestattungsgesetzes ist nun aber die Beisetzung aller tot geborenen „Sternenkinder“ unabhängig von Geburtsgewicht und -alter möglich.
Die FDP hatte größere Neuerungen vorgeschlagen. Etwa die Urnenbestattung von Haustieren auf speziell ausgewiesenen Feldern eines Friedhofs. Wie in Rheinland-Pfalz sollten auch Privatbestattungen, das Beisetzen im Tuch statt im Sarg und das Ausbringen der Asche außerhalb von Friedhöfen, beispielsweise in Flüssen, möglich sein. Der hessische Landtag lehnte das 2025 ab. Auch die im Nachbar-Bundesland mögliche „würdevollen Weiterverarbeitung“ von Totenasche zu künstlichen Diamanten oder Teilen eines Amuletts.
Was geschieht, wenn wir sterben?
„Der Körper bereitet sich auf das Sterben vor“, sagt Soraya Wolf von der Hospizhilfe Wetterau. „Ich höre auf, zu essen und zu trinken. Und es verändert sich etwas im Gesicht.“ Das Gesicht wird blass, die Nase spitz. Die Körpertemperatur sinkt ab; man schläft mehr und atmet unregelmäßiger. Die Atem-Aussetzer eines sterbenden Menschen können 30 bis 60 Sekunden dauern. Und weil sie nur noch mit dem Mund atmen, kann es rasselnde Geräusche geben.

Was ist zu tun, wenn ein Angehöriger tot wirkt?
Knapp die Hälfte der Menschen stirbt im Krankenhaus, so die Statistik. Jeder dritte beendet in einem Pflegeheim sein Erdendasein. Wenn aber jemand plötzlich zu Hause stirbt, muss man die 112 wählen und selber sofort mit der Reanimation beginnen, sagt der Arzt Michael Körfgen. Bei Menschen, die schon seit einer Weile auf den Tod zugegangen sind, ruft man den Hausarzt oder die Bereitschaftsnummer 116 117 an. Also nicht zuerst einen Bestatter. Denn ein Mediziner muss vorher zur Leichenschau kommen.
Warum die Leichenschau?
Der Arzt sucht die Todesursache und schaut, ob der Mensch wirklich tot ist. Das sieht er an Flecken und der Leichenstarre. Wenn der Tod in der Nacht eingetreten ist, kann man nach Erfahrung des Steinfurther Bestatters Bernhard Laux damit auch ein paar Stunden warten. Die Leichenschau müssen die Hinterbliebenen später selber bezahlen – Krankenkassen übernehmen sie nicht. Sie kostet zwischen 150 und 300 Euro.
Bei etwa fünf Prozent der Todesfälle wird eine Obduktion angeordnet. Auch nach Unfällen und Suiziden. Warum?
Wenn der Arzt keine Todesursache findet, muss die Leiche in der Rechtsmedizin genauer untersucht werden, um ein Tötungsdelikt auszuschließen.
Was geschieht nach der Leichenschau?
Ein toter Mensch darf noch 36 Stunden im Hause bleiben. Der Bestatter kann ihn abholen, waschen und zur Aufbahrung daheim vorbereiten. Die Angehörigen bestimmen die Prozedur. Überhaupt seien die Bestatter „nur“ Helfende, so Bernhard Laux. Wer eine Abschiedsphase möchte, schaltet im Totenzimmer die Heizung aus, öffnet das Fenster – und, ganz wichtig: „Man lässt einen Toten zu Hause nicht allein“.
Was geschieht mit mir, nachdem ich im Sarg beerdigt bin?
Die Mikroben, die schon zu Lebzeiten Teil unseres Körpers waren, fressen uns auf. Es tritt Grün- dann Schwarzfäulnis auf, sagt der Gießener Gerichtsmediziner Elmar Hoffmann. „Man wird dann wirklich flüssig“. 90 Prozent unserer Körpermasse ist Wasser, das abfließt.
Wie lange dauert das?
Wer in einem Wald vergehen dürfte, wäre innerhalb von sechs Wochen nur noch ein Skelett. Doch in Deutschland müssen Leichen mindestens 1,80 Meter tief beigesetzt werden, so Michael Albrecht vom Verband deutscher Friedhofsverwaltungen. Das sei ungünstig, denn in dieser Tiefe gebe es wenig Sauerstoff für Lebewesen, die eine Leiche zersetzen. Ein kompakter Sarg und die Totenkleidung blockierten die Belüftung weiter. So komme die Zersetzung manchmal zum Erliegen, so Albrecht, der schon mehr als 800 Graböffnungen erlebt hat. Man finde dann Leichen, deren Körperfett eine wachsähnliche Struktur hat.
Was geschieht mit Toten, die sich nach Ablauf der Ruhefrist noch nicht ganz zersetzt haben?
Sie werden beiseite gelegt und nach der Beisetzung der nächsten Toten-Generation wieder ins Grab gelegt. Laut KI-Recherche beträgt die Ruhefrist in Griechenland nur drei Jahre, in den Niederlanden zehn bis 25 Jahre, in Deutschland 15 bis 30 und in Großbritannien mindestens 75 Jahre. Wenn sich Menschen muslimischen Glaubens auf einem deutschen Friedhof beerdigen lassen, kaufen die Hinterbliebenen immer wieder eine Verlängerung der Ruhefrist.
Muslime wollen nicht in einem geschlossenen Sarg begraben sein. Aber in Deutschland gilt die Sargpflicht. Wie passt das zusammen?
Die Toten werden ohne Sargdeckel bestattet, so Bernhard Laux. Niemand darf in Hessen nur in ein Tuch gehüllt begraben werden.
Seit Juni ist in Schleswig-Holstein die „Reerdigung“ legal. Tote werden dabei 40 Tage lang zusammen mit Heu in einem luftdichten Kokon bei etwa 40 Grad gewiegt. Übrig bleiben einige Kilo Humus, die zusammen mit den zermahlten Knochen beerdigt werden. Geht das auch in Hessen?
Man kann sich mit Hilfe eines Bestatters reerdigen lassen, so Bernhard Laux. Allerdings verteuere diese aufwändige, mit Transportfahrten verbundene Prozedur die manchmal schon mehr als 10 000 Euro kostende Beerdigung noch weiter. Und der zu Humus gewordene Mensch darf laut Kirchen-Portal evangelisch.de nur auf Friedhöfen in Schleswig-Holstein, Hamburg oder Mecklenburg-Vorpommern im Sarg die Ewigkeit abwarten.
Vier von fünf Menschen werden verbrannt und als Asche in der Urne beigesetzt. Warum?
Es kostet viel weniger. Eine Einäscherung und anonyme Bestattung ohne Grabpflege und Trauerfeier ist ab etwa 2000 Euro machbar, meldet die Sparkassen-Finanzberatung. Die oft weit entfernt lebenden Nachkommen müssen sich dann nicht mehr um das Grab kümmern.

Wie funktioniert eine Einäscherung?
Die Stadt Friedberg betreibt in Fauerbach ein Krematorium. Bernhard Laux bringt die ihm anvertrauten Toten zum Krematorium in Siegen. Der dortige Krematoriums-Mitarbeiter Jan-Peter Kniep berichtet von einem dreistufigen Verbrennungsprozess. Entzündet von 850 Grad heißen Schamott-Steinen, verbrennt die Leiche im Sarg binnen 45 Minuten. Dann folgt ebenfalls in einer Dreiviertelstunde das „Mineralbrennen“; bei 1300 Grad zerbröseln die Knochen. Nach der gleich langen Abkühlphase wiegt die Asche eines Menschen ungefähr so viel wie bei seiner Geburt.
Am Ende die Frage: Warum redet ausgerechnet der Verein „Lebensfluss Begleitung“ so viel über Sterben und Tod? Das Leben ist doch die Hauptsache.
Über Jahrtausende war der Tod allgegenwärtig. Die meisten Menschen starben jung. Heute können viele sehr alt werden. Die Sängerin und Vereins-Aktive Pauli (Paulina …): „Der Tod wird garantiert schrecklich, wenn wir uns ihm verweigern. Unser Ziel ist es, über das Ende des Lebens zu informieren und ihm so den Schrecken zu nehmen.“