Steinzeitdorf gefunden

Reste von 28 Häusern bei Berstadt

Etwa so sahen die 28 Häuser des Steinzeitdorfes bei Berstadt aus. Das größte war über 60 Meter lang.

Die Reste einer bislang unbekannten Römerstraße und ein ganzes Dorf aus der Jungsteinzeit haben Archäologen bei der Sondierung des geplanten Rewe-Logistikzentrums bei Wölfersheim-Berstadt entdeckt. Bei einem Tag der offenen Grabung erläuterten sie Ende September 2019 ihre Entdeckungen. Der Pressedienst des Wetteraukreises berichtet darüber.

Steinzeitdorf bei Berstadt

Die Wetterau ist eine uralte Kulturlandschaft, die schon seit Jahrtausenden besiedelt wird. Bei Bauprojekten wird zunächst die obere Bodenschicht abgeräumt – und meistens finden die Archäologen Reste menschlicher Siedlungen. So auch auf dem 30 Hektar großen Acker, auf dem der Rewe-Konzern ein Logistikzentrum bauen will. Seit Monaten laufen dort Ausgrabungen, bei denen unter anderen ein komplettes Dorf aus der Jungsteinzeit ans Licht kam.

Hier lebten in der Jungsteinzeit wohl mehrere hunderte Menschen. Das Bild zeigt die Ausgrabungsfläche auf dem Gelände des geplanten Rewe-Logistikzentrums zwischen der A45 und der Bundesstraße 455 bei Wölfersheim-Berstadt. Foto: Archäologische Denkmalpflege Wetteraukreis.

Bei der Präsentation zeigte der Kreisarchäologe Jörg Lindenthal den Besuchern einen Grabenrest aus römischer Zeit. Mit Hilfe weiterer Reste von römischen Straßengräben konnte eine bisher unbekannte Straßenverbindung zum Kastell Inheiden nachgewiesen werden. Den zweiten Anlaufpunkt bildete der ehemalige Standort eines jungsteinzeitlichen Hauses der sogenannten „Rössenkultur“ um 4500 vor Christus.

Im Brunnen steckte ein Gefäß

Das damals in Lehmfachwerkbauweise errichtete Gebäude ließ sich noch anhand von Erdverfärbungen nachweisen. Die Spuren der Pfostenlöcher von wand- und dachtragenden Innenpfosten zeichnen auch nach 6500 Jahren den Grundriss der Häuser nach. Schon jetzt muss laut Lindenthal die große Anzahl der Hausgrundrisse – es konnten bereits 28 Gebäude dokumentiert werden – als Glücksfall für die archäologische Erforschung dieser Zeitstellung betrachtet werden. Mit Hilfe von Rekonstruktionen bekamen die Besucher die bisherigen Erkenntnisse über das Aussehen der Häuser gezeigt. Mit ihrer Schmalseite, die an einen Schiffsbug erinnert, waren die langgestreckten Gebäude zur Hauptwindrichtung Nordwest orientiert. Erstaunen erweckte die Bekanntgabe der Größe der Häuser: in Wölfersheim-Berstadt erreichte das größte eine Länge von weit über 60 Metern.

Direkt vor dem aktuell freiliegenden Hausgrundriss bestand die Gelegenheit der Ausgrabung eines jungsteinzeitlichen Hockergrabes „live“ zuzusehen. Insgesamt konnten bisher sechs Bestattungen im Bereich der Siedlung erfasst werden. Auch dies stellt für die Erforschung rössenzeitlicher Plätze ein Novum dar und kann laut Lindenthal nicht hoch genug bewertet werden.

Die Grabungsfunde werden den Besuchern erklärt. Vor den Containern stehen von links nach rechts Bürgermeister Eike See, Kreisarchäologe Jörg Lindenthal, Kreisbeigeordneter Matthias Walther, die stellvertretende Landesarchäologin Sabine Schade-Lindig. Foto: Gemeinde Wölfersheim.

Als dritter Befund wurde ein zugehöriger Brunnen besichtigt. Hier beeindruckte vor allem ein kunstvoll verziertes Gefäß, das komplett in die Verfüllung des Brunnens (vor etwa 6500 Jahren) gelangt war und gerade vor den Augen der Besucher geborgen wurde. Zum Abschluss gab es die Gelegenheit, eine Auswahl der bisher geborgenen Funde zu betrachten: Keramikscherben, Knochenreste, Werkzeuge aus Feuerstein und Mahlsteinfragmente.

Insgesamt nutzten über 200 interessierte Menschen den sonnigen Nachmittag, um sich über die Lebensweise der mittleren Jungsteinzeit in der Wetterau und die Methoden der Archäologie aus erster Hand zu informieren.

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