Stadtradeln

1505 Kilometer mit Muskelkraft

Beim Blick auf „Edda“ wandern die Augen fast schon automatisch am Rahmen entlang. Aber: Den Akku am Fahrrad von Nicole Wittig sucht der Gießener Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich vergebens. Umso mehr staunt Ullrich, als er hört, dass die Mitarbeiterin der Umweltabteilung des Regierungspräsidiums mit reiner Muskelkraft und natürlich manchmal auch ein wenig Rückenwind 1.505 Kilometer in nur drei Wochen zurückgelegt hat.

Hut ab, das ist eine stolze Leistung“, lobt er. Nicole Wittig war einer von fünf „Stadtradeln-Stars“ in Gießen und berichtete dem Behördenchef, Abteilungsleiterin Karin Ohm-Winter, dem stellvertretenden Dezernatsleiter Dr. Horst Schornstein und Kerstin Drescher, der Beauftragten für Gesundheitsmanagement beim RP, über ihre Erfahrungen – und was aus ihrer Überlegung geworden ist, sich ein Auto zu kaufen. Was die RP-Mitarbeiterin zu berichten hat, berichtet in einer Reportage die Pressestelle des Regierungspräsidiums.

„Velo“ aus dem Schuppen geholt

Um es gleich vorweg zu nehmen: Diese Idee hinsichtlich des Pkw hat die 30-Jährige ad acta gelegt. Sie war zu Beginn der Corona-Pandemie gereift, weil die Kleinlindenerin den vollen Stadtbussen entfliehen wollte. Doch dann holte sie lieber ihr altes, eingestaubtes und rostiges Stadtrad aus dem Schuppen und tritt seitdem in die Pedale, um zur Arbeit in die Umweltabteilung in der Marburger Straße in Gießen zu gelangen. Anfang 2021 ist noch ein modernes Gravelbike dazugekommen, mit dem sie sowohl im Gelände als auch auf der Straße fahren kann. Ohne „E“, wie Nicole Wittig lachend betont. „Es ist zwar gut, dass es diese Räder gibt, aber für mich ist das noch keine Option.“ Im Gegenteil. „Dadurch, dass ich so viel Rad fahre, bin ich fit wie nie.“

Nicole Wittig (2. v. r.) berichtete Karin Ohm-Winter, Dr. Christoph Ullrich, Dr. Horst Schornstein und Kerstin Drescher (v. l.) über ihre Erfahrungen als „Stadtradeln-Star“. (Foto: RP Gießen)

Ohne Auto auf der Kassel-Strecke

 Drehte sie vergangenes Jahr beim Stadtradeln noch kleinere Runden mit dem Stadtrad, sind mittlerweile ganz große Touren mit dem Gravelbike dabei. Während der drei Wochen schreckte die RP-Mitarbeiterin sogar nicht davor zurück, eine Freundin in Kassel zu besuchen – ohne Auto natürlich. Hin ging es mit dem Zug, zurück auf dem Rad. Fast 200 Kilometer hat Nicole Wittig so an einem einzigen Tag auf „Edda“, wie sie ihr Gravelbike liebevoll nennt, zurückgelegt. Außerdem fuhr sie nach Wetzlar zum Eisessen, hat den Lahnradweg nach Limburg erkundet, Weilburg entdeckt und war in Butzbach, Grünberg und an vielen anderen Orten.

Gespräche mit anderen Radlern

 „In den drei Wochen habe ich dank des guten Wetters eine Menge erleben können“, lautet Nicole Wittigs Fazit. „Ich kam immer wieder ins Gespräch mit anderen Radelnden, habe Ecken entdeckt, an die man mit dem Auto nur sehr schwierig kommt.“ Alles in allem hat die Zeit sie motiviert, noch mehr erfahren zu wollen. „Ich habe gelernt, wie viel man mit dem Fahrrad erleben kann und vor allem, was der eigene Körper leisten kann. Es gehört manchmal ein wenig Mut dazu, sich eine lange Fahrradtour zuzutrauen – aber wenn man es nicht macht, wird man nie herausfinden, ob man es geschafft hätte.“

Es gibt auch Ausnahmen

 Dass sie als „Stadtradeln-Star“ drei Wochen lang kein Auto von innen sehen durfte, war keine große Herausforderung. „Ich habe bisher schon alles mit dem Fahrrad erledigt und das wird auch so bleiben.“ Lediglich beim Handballtraining zu später Abendstunde überlegt sie, ihre Mitfahrgelegenheit im Auto zu nutzen. Der Weg zum Training und zurück samt großer Tasche war mit dem Fahrrad etwas umständlich, wie sie festgestellt hat.

Und natürlich wird sie an der Arbeit jetzt wieder mit dem Dienstwagen fahren, sollten Termine außerhalb des Büros anstehen. Auch wenn es in der Zeit des Stadtradelns keinen Außentermin gab, hat sich die 30-Jährige gleichwohl Gedanken gemacht, ob das mit dem Fahrrad möglich wäre. „Innerhalb der Gießener Stadtgrenzen hätte ich sicherlich alles super erledigen können. Aber bei allem, was darüber hinaus geht, wird es eher schwierig mit ÖPNV und Fahrrad und vor allem zu zeitintensiv“, sagt sie.

Die Kollegen motiviert

Rückblickend freut sich Nicole Wittig, dass sie sogar Kolleginnen und Kollegen motivieren konnte, das Auto stehen zu lassen und stattdessen in die Pedale zu treten. Das machen übrigens viele Beschäftige des Regierungspräsidiums – auch unabhängig vom Stadtradeln, an dem sich aus der Behörde diesmal 36 Frauen und Männer beteiligten und am Ende rund 9.900 Kilometer auf dem Tacho hatten. 

Titelbild: Radfahren ist in den vergangenen Monaten noch populärer geworden – auch in Mittelhessen wie hier in Gießen. (Foto: Jörg-Peter Schmidt)

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