Rikschafahrten

Radeln ohne Alter

von Ursula Wöll

Bewohner und Bewohnerinnen von immer mehr Altenheimen können Ausflüge in einer Fahrrad-Rikscha machen. So kommen etwa die Senioren und Seniorinnen des Frankfurter Aja-Textor-Goethe-Heims, des Wiesbadener Katharinenstifts oder des Hauses Nordwall in Korbach in diesen Genuss. Obwohl in ihrer Mobilität eingeschränkt, sehen sie etwas von der Umgebung ihrer neuen Heimat. Sie spüren wie früher den Wind in den Haaren, während ihre Beine mit einer Decke geschützt sind.

„Wir schenken Seniorinnen und Senioren sowie mobilitätseingeschränkten Personen Zeit, Lebensfreude, Teilhabe und gemeinsames Erleben“, so wirbt Korbach für die kostenlosen Ausflüge mit der Fahrrad-Rikscha. Die Idee, mittels elektrounterstützten Rikschas die Altengettos zu öffnen, stammt aus Dänemark. Sie fand bald begeisterte Aufnahme hierzulande. In Korbach erwarb die Stadt gemeinsam mit dem Senioren und Seniorinnenheim das ziemlich teure Gefährt. In Frankfurt war es die private Spende des Ehepaars Michaela und Rudolf Du Mesnil, die dem Aja-Textor-Goethe-Haus in der Hügelstraße zu einer Rikscha verhalf.

Die alten Menschen sind begeistert

Das Wiesbadener Katharinenstift gehört zur EVIM Gemeinnützige Altenhilfe GmbH, die erklärt: „In fast allen unseren 12 Seniorenzentren gibt es eine Senioren-Rikscha, die Angehörige oder Ehrenamtliche zu Ausflügen mit den Bewohnern nutzen.“ Und jüngst, am 31. 3. 2021, gab das Land Brandenburg bekannt, dass es die Anschaffung von Senioren-Rikschas mit bis zu 80 Prozent Zuschuss fördert.

Angesichts des Anklangs, den die Rikschas finden, könnte ich mir vorstellen, dass auch die Hessische Landesregierung oder weitere Städte in Hessen Rikscha-Projekte fördern, wenn man sie darauf anspräche. Frau Sigrid Holtorf-Hauptmann aus dem Frankfurter Aja-Heim beschreibt etwa ihren Fahrrad-Rikscha-Ausflug als einen „Lichtblick im ereignisarmen Corona-Sommer“. Auch die Senioren und Seniorinnen aus dem rheinlandpfälzischen Plaidt schwärmen auf dem Video von der herrlichen Abwechslung in ihrem gleichförmigen Alltag. Die Aufnahmen wurden vor Corona gemacht, deshalb trägt niemand einen Mundschutz.

Neue Eindrücke liefern Gesprächsstoff

Wenn man bedenkt, dass Gehbehinderte in den Heimen durch ihr Alter immer und rund um die Uhr am Ausgehen gehindert sind! Viele Jüngere murren ja schon, wenn sie nur nachts von 21 bis 5 Uhr zu Hause bleiben müssen. Aber auch die Alten wollen wenigstens ab und zu mal etwas anderes sehen, riechen, hören und fühlen. Wer zuvor in derselben Stadt wohnte, möchte vertraute Orte wiedersehen. Neue Eindrücke liefern Gesprächsstoff beim gemeinsamen Essen im Heim. Sie halten die Neugier wach und wirken dem Verfall der geistigen und emotionalen Kräfte entgegen. Sie machen schlicht gesagt glücklich. Offenbar aber auch die Radpiloten. Denn an ehrenamtlichen RadfahrerInnen scheint es nicht zu fehlen. Kein Wunder, sie treiben Gymnastik ohne dafür zu zahlen und das an der frischen Luft. Und sie erfahren die Freude, die so intensiv entsteht, wenn man anderen eine Freude macht. Kurzum, sie praktizieren eine Spielart jener Solidarität, welche die DGB-Gewerkschaften in diesem Jahr zu ihrem 1. Mai-Motto wählten.

radelnohnealter.de

2 Gedanken zu „Rikschafahrten“

  1. Frauenbüro giessen
    Das Giessener Frauenbüro teilt mit, dass die „Demenzinitiative IDfK“ und die „Frosch-Kultur im Alter“ ab 4. Juni 2021 leihweise eine Fahrrad-Rikscha vom Land Hessen erhalten. Seniorinnen und Senioren mit eingeschränkter Mobilität und Menschen mit Demenz erhalten damit die Möglichkeit eines besonderen Erlebnisses. Die Fahrten mit der Rikscha sind kostenlos und coronagerecht konzipiert. Geschulte ehrenamtliche FahrerInnen sorgen für entspannte, individuell gestaltete Touren. Anmelden kann man sich bei
    Frau Marion Bathe, Tel. 0176-43471729 oder per mail:
    m.bathe@demenzinitiative-giessen.de
    alternativ bei: froschprojekt@gmx.de

  2. Ende Juli sind die Rikschafahrten in Giessen vorerst einmal zuende. Frau Dagmar Hinterlang von der Demenzinitiative bestätigt, dass sie den SenorInnen sehr viel Freude brachten. Das kann man auf
    http://www.demenzinitiative.de/rikscha-aktion.html#currentpics
    selbst feststellen. Die Fotos zeigen auch den betagten Professor Reimer Gronemeier, der selbst über das Leben im Alter forscht und schon viele Bücher darüber schrieb. Gefahren von Abdul Kunze, genießt er mit seinem Sohn die Umrundung des Schwanenteichs in der Rikscha. Und Ingeborg Meier hat ein Gedicht mit acht Strophen gemacht, das so beginnt:
    Rikscha hat mich eingeladen
    Fahrtwind kühlte das Gesicht
    Und wir fuhren dann auf Pfaden
    die ich sah schon lange nicht.
    Ein solches Projekt sollte weiter laufen und Giessen nun eine eigene Rikscha anschaffen! Auch andere Kommunen sollten sehen, dass mit vergleichsweise wenig Geld den SeniorInnen große Freude gemacht werden kann.

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