Regionalentwicklung

Den Lebensraum Dorf neu gestalten

Von Corinna Willführleader2

Was ist nötig, um die Menschen in kleinen Orten zu halten? Vor welche Herausforderung stellt der demographische Wandel die Kommunen? Fragen, die die Mitglieder des Arbeitskreises „Lebensraum Dorf“ des LEADER-Förderprogramms für 17 Kommunen in Wetterau und Oberhessen bewegen. Ihr nächstes öffentliches Treffen ist am 19. November 2015 in Rockenberg.

Einwohnerschwund

Blühende Geranien vor dem Fenster, ein gepflegter Vorgarten und ein Brünnlein, das unter der Dorflinde sprudelt. Was einst im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ – von 1961 bis 1997 durchgeführt – die Attraktivität von Kommunen mit weniger als 3000 Einwohnern steigern sollte, ist heute für Otfried Herling kein ausreichendes Kriterium, um den strukturschwachen Kommunen in der Wetterau und in Oberhessen zu Auftrieb zu verhelfen. Geben doch die aktuellen Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung in der Region vielerorts Anlass zur Sorge: Die Einwohnerzahlen gehen zurück. Die Grundversorgung durch Bäcker oder Metzger ist oft nicht mehr gesichert. Die Dorfkneipe macht dicht. Der Hausarzt kommt längst nicht mehr ins eigene Heim, ist oft nur per Auto zu erreichen. An vielen Gebäuden ist das Schild „Zu verkaufen“ zu lesen.

Zentrales Thema für die Zukunft der Region

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Klaus Karger, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung (links) mit Otfried Herling, Sprecher des Arbeitskreises „Lebensraum Dorf“. (Fotos: Willführ)

„Es genügt nicht mehr, dass Dörfer schön aussehen. Die Kommunen müssen Ideen entwickeln, wie sie ihre Attraktivität erhalten, wie sie sie neu gestalten, sie modellieren und der Zukunft anpassen wollen“, so Otfried Herling, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung/Bau Butzbach und Sprecher des LEADER-Arbeitskreises. Ein Statement, dem die Vertreterinnen und Vertreter – gut zwei Dutzend – aus der Verwaltung, von Vereinen und Initiativen der 17 LEADER-Kommunen Wetterau/Oberhessen, nur zustimmen konnten. Ebenso wie der Einschätzung von Klaus Karger, Regionalmanager und Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wetterau , „dass die Dorfentwicklung ein zentrales Thema der Zukunft in der Region ist.“

Innovative Ideen sind also gefragt. Zugleich Informationen über bestehende erfolgreiche Projekte, die in Gemeinde A bereits laufen, von denen Gemeinde B aber noch nichts gehört hat. Der Wunsch nach einem Austausch, was in den Kommunen bereits gemacht wird, um den Abwanderungstrend aus der Region zu stoppen, ist unter den Arbeitskreismitgliedern hoch.

Im Protokoll zum ersten Treffen des AK steht denn der Netzwerkgedanke ganz oben an – mit dem Wunsch nach einer Homepage Regionalentwicklung Wetterau /Oberhessen als Kommunikationsplattform. Immer wieder fallen die Begriffe „Netzwerk“ und „interkommunale Kooperation“. Denn es gibt sie, die guten Beispiele, die weitergegeben werden können. So kann sich Dieter Eckhardt, Sprecher der Bürgerhilfe Florstadt, vorstellen, dass die „Bürgerhilfe als Transferprojekt in andere Kommunen übertragen werden kann.“ In der Bürgerhilfe Florstadt – in Trägerschaft der Stadt – engagieren sich viele Ehrenamtliche als Lesepaten, in der Flüchtlingsbetreuung oder in der Nachbarschaftshilfe. Die Helfer üssen dabei nicht einem Verein angehören, sondern, so Eckhardt: „sie entscheiden selbst, wie oft, wann und wie lange sie helfen können.“

„Lösungskonzepte, von denen alle profitieren können“

In viel Eigenleistung der Bürgerinnen und Bürger ist in Wallernhausen ein kleines Schwimmbad entstanden. Über das sich Einheimische genauso freuen wie Besucher. Ebenso wie über den Dorfladen (mit Unterstützung aus dem LEADER-Programm für Oberhessen 2007 bis 2013 realisiert), der von Menschen mit Behinderung betrieben wird, so Wolfgang Clotz, Ortsvorsteher des Niddaer Stadtteils.

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Gustav Jung (links) arbeitet am Projekt der „Altbau-Lotsen“

Ein Projekt, das sowohl auf das Interesse von Kommunen wie Privatpersonen stoßen könnte, stellte Gustav Jung, Diplom-Ingenieur und Architekt vor: die Altbaulotsen. „Um Unsicherheiten von Eigentümern und Investoren zu beseitigen“, beraten diese „auf sehr niedrigem Kostenansatz“, was am besten mit einer „alten“ Mobilie geschehen könnte/sollte? Ein Abriss, eine Restaurierung, ein Umbau, eine neue Nutzungsidee?

Die Menschen im Dorf für die Zukunft ertüchtigen

Bis 2020 läuft das LEADER-Programm für die 17 Kommunen in der Wetterau und in Oberhessen: Ein Zeitraum, so hofft, Wolfgang Witzenberger, Bauamtsleiter der Gemeinde Rockenberg, in der „Lösungskonzepte entwickelt werden können, von denen alle profitieren.“ Für Werner Erk, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Glauberg ist es dazu nötig, „dass man die Menschen in einem Dorf ertüchtigen muss, wenn man ein lebenswertes Dorf haben will.“ Für Henrike Strauch, Hauptamtsleiterin der Gemeinde Glauburg, könnte ein Weg dahin sein, zu erkennen, dass „wir froh sein können, was wir in dieser kleinen Region alles zu bieten haben. Und wenn wir mehr voneinander wissen, können wir unsere Kräfte noch mehr stärken und bündeln.“ Beispielsweise durch die Weitergabe von positiven Erfahrungen aus den Projekten „Multipler Häuser“, die „Menschen im Dorf wieder näher zusammenbringen.“

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Wie man sich das Leben im Wetteraukreis schön machen kann: Blick ins Innere einer Hofreite in Butzbach-Ostheim.

Gute Aussichten können dafür mit der laufenden Bewerbung am Bundesforschungsprogramm „Kommunen Innovativ“ bestehen, an dem sich die Kommunen Butzbach, Nidda, Ortenberg, die Justus-Liebig-Universität Gießen mit dem Thema „Regionalstrategie Ortsinnenentwicklung“ beteiligen. Von 176 Bewerbungen, so Otfried Herling, sind in diesem nur 15 zur Förderung vorgesehen – darunter die Bewerbung, die von den Projektpartnern Bodenmanagement Büdingen, dem Regionalverband FrankfurtRheinMain und der Wirtschaftsförderung Wetterau unterstützt wird.

Die Treffen der LEADER-Arbeitskreise sind öffentlich. Der AK „Lebensraum Dorf“ tagt am 19. November 2011, 17 Uhr, im Sitzungssaal der Gemeinde Rockenberg, Obergasse 3a, 35519 Rockenberg.

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