Das Ökostrom-Dilemma

Wenn die Einspeise-Vergütung ausläuftWindmast

Von Klaus Nissen

Es lohnt sich nicht mehr, mit neuer Anlage auf dem Dach eigenen Strom für das Netz zu produzieren.   Jetzt ist Eigenverbrauch angesagt. Und bald vielleicht die Produktion von Wasserstoff. Dazu taugt auch Windstrom.

Das Ökostrom-Dilemma

In den Neunzigern und den frühen Nuller Jahren schraubten die Hausbesitzer Solarstrom-Anlagen auf fast jedes neue Dach. Das lohnte sich, denn in der Anfangszeit garantierte der Gesetzgeber den Bauherren bis zu 63 Cent für jede ins Netz gedrückte Kilowattstunde Solarstrom – und das 20 Jahre lang. Das Geld kam und kommt durch eine Umlage von allen Strom-Kunden herein. Der garantierte Preis ist seitdem immer weiter gesunken – heute lohnt es sich nicht mehr, auf dem eigenen Dach für das Stromnetz Energie zu produzieren.

Doch nach 20 Jahren produzieren die längst abbezahlten alten Anlagen munter weiter Strom. Auf dem Markt bekommen die Besitzer dafür bestenfalls zwei Cent je Kilowattstunde, sagt der Sachkenner Diethardt Stamm. Der Vorstand der Mittelhessischen Energiegenossenschaft hat auf dem eigenen Dach in Münzenberg eine Solaranlage aus den Achtzigerjahren – die sei immer noch produktiv. Es wäre schade, sie abzumontieren und auf den Müll zu werfen.

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Mit überschüssigem Solar- oder Windstrom kann man Elektroautos betanken – wie hier in Friedberg. Oder Wasserstoff herstellen, der ebenfalls Autos antreibt. Die hätten eine größere Reichweite.

Am sinnvollsten wäre der Strom vom Dach für den Eigenverbrauch geeignet. Man muss ihn dafür in Batterien leiten, die irgendwo im Haus stehen und abends, wenn die tagsüber gesammelte Energie gebraucht wird, Strom abgibt. Bis zu 70 Prozent des eigenen Strombedarfs kann man so selbst befriedigen, heißt es auf der Webseite www.cleanthinking.de. Sie vermittelt den Kontakt zu den Verkäufern solcher Batterie-Systeme, die wie große Kühlschränke aussehen und offenbar noch so teuer sind, dass konkrete Preise nirgendwo angegeben werden.

Trotzdem gibt es in Deutschland laut cleanthinking.de bereits etwa 34 000 Haus-Speichersysteme. Der Markt verspricht Wachstum: Auf den Dächern liegen rund 1,4 Millionen Solarstrom-Anlagen, die jeweils nach 20 Jahren eine neue Verwendung brauchen.

Ähnlich verhält es sich mit den vielen teils privaten Windmasten auf dem Lande. Nach 20 Jahren laufen die erhöhten Einspeisevergütungen nach dem Erneuerbare Energien-Gesetz (EeG) aus. Der Strom kann dann nur noch zu Mini-Preisen ins Netz gedrückt werden – falls nicht gerade zuviel davon im Angebot ist und die Rotoren abgeschaltet werden müssen.

Stamm: Wasserstoff ist die Lösung

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Windmasten im Hintertaunus. Sobald sie überschüssigen Strom liefern, könnte man daraus Wasserstoff machen, findet Diethardt Stamm von der Mittelhessischen Energiegenossenschaft. Foto: Nissen

Was also tun? Mittelfristig sollte man überschüssigen Wind- und Solarstrom zur Wasserstoff-Produktion nutzen, findet Diethardt Stamm. Schon jetzt gibt es nach Auskunft von Martin Kopp (Hochschule Rhein-Main) Prototypen kleiner Elektroliseure mit fünf bis sieben Kilowatt Leistung, die man auch in Wohnhäusern installieren könnte. Der mit dem Überschuss-Strom produzierte Wasserstoff lässt sich sicher speichern. Man kann daraus wieder Strom oder  Wärme machen. Oder ihn als Treibstoff fürs Familienauto nutzen. Solche Vehikel gibt es bereits. Sie sind aber noch sehr teuer: Renault bietet den Kastenwagen Kangoo mit zusätzlichem Wasserstoff-Aggregat an und verlangt dafür insgesamt rund 59 000 Euro. Toyota will rund 79 000 Euro für das Wasserstoffauto Mirai haben. Solche Fahrzeuge findet Diethardt Stamm grundsätzlich besser als reine Elektro-Autos – denn Wasserstoff sorge für eine größere Reichweite. Und man könne ihn selbst produzieren, sobald es wirtschaftlich arbeitende Elektroliseure gibt.

Doch das ist Zukunftsmusik. Die teuren Wasserstoff-Autos von Renault, Hyundai, Honda und Toyota können momentan im Rhein-Main-Gebiet nur an einer einzigen Tankstelle betankt werden. So eine Abfüllstation kostet nach Recherchen der „Welt“ mehr als eine Million Euro. Die Bundesregierung habe zwar das Ziel, bis 2023 mindestens 400 Wasserstoff-Tankstellen in Deutschland anzubieten. Doch davon sei man noch weit entfernt.

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