Oberhessische Songs

Neues Liederbuch von Monika Felsing

„Doch woas aach koom,/es liff vierbai oo inserm klenne Doaf./Die Zääd vergeang, mir woarn eller,/on als noch viel ze broav.“ („Doch was auch kam,/ es lief vorbei an unserem kleinen Dorf./Die Zeit verging, wir warn älter,/und immer noch viel zu brav.“) Diese Zeilen stehen im Lied „Insenn Hoop“ („Unser Hof“) nach der Melodie des Tom-Waits-Songs „I hope that I don‘t fall in love with you“. Es steht im neuen Band mit oberhessischen Coversongs von Monika Felsing „Mir“ („Wir“). Die Lieder drehen sich „um Fragen, die schon vor Corona wichtig waren: Wie wollen wir leben? Was garantieren uns die Grundrechte? Und was bedeutet uns Europa?“, erklärt Felsing.

Viele Ichs und ein Wir

Die Autorin aus Ober-Gleen im Vogelsbergkreis lebt in Bremen und schreibt seit 2015 den oberhessisch-hochdeutsch-englischen Blog Owenglie, aber auch Mundarttexte zu Melodien von Volksliedern und Klezmer, Jazz, Musical, Rock, Pop und Stücken aus anderen Musikrichtungen.

Ihr neues Liederbuch ist auch ein Kunstband. Sechzehn Gemälde von Bernhard Wald sind enthalten. Es sind Porträts in sehr unterschiedlichen Stilen und überwiegend starken Farben. Wald, Jahrgang 1959, stammt wie Felsing aus Ober-Gleen. Seine ersten Stunden hat er bei dem Grafiker Willi Weide in Alsfeld genommen, dann in Frankfurt am Main und Darmstadt studiert, bevor er nach Berlin ging, um dort als freischaffender Künstler zu arbeiten. Bernhard Wald, Künstlername Faldon, lebt seit 2004 in Marburg an der Lahn. Die Porträts, die in „Mir“ zu sehen sind, stammen allesamt aus seiner Zeit in Berlin. „Die Bandbreite ist beachtlich“, sagt Monika Felsing. „Viele Ichs – und ein Wir.“

Gemälde von Bernhard Wald ergänzen das Liederbuch.

Beitrag zum kollektiven Gedächtnis

Die Historikerin und Journalistin hat in ehrenamtlicher Arbeit eine Reihe von Sachbüchern mit Mundarttiteln über ihr Heimatdorf verfasst („Gliesbeurel inner sich“, „Naut wie Ärwed“, „Himmel un Höll“ und „Schbille gieh un feiern“). Die Liederbücher im Ober-Gleener Platt sind eine Ergänzung dazu und verbinden Lebensgeschichten mit dem Weltgeschehen. „Als Beitrag zum kollektiven Gedächtnis und zur Erzählkultur, aber auch zum Erhalt der Mundart“, wie die Autorin sagt. Ob Kalter Krieg oder Kochrezepte, ob die Flucht aus Deutschland oder nach Europa, ob die Demo gegen Neonazis oder der Einsatz von Friedrich Ludwig und Amalie Weidig für Menschenrechte im Großherzogtum Hessen-Darmstadt, ob Mobbing oder Mobilität – sehr viele unterschiedliche Themen sind vertreten. Aus dem Chanson „Non je ne regrette rien“ wird ein Protestlied gegen Autobahnbau, aus „All that bass“ eine Hymne auf die Hesselbachs. Und zur Melodie von „Moonlight Shadow“ werden Erinnerungen an das Jahr 1983 wach. Das Jahr, in dem beinahe der Dritte Weltkrieg ausgebrochen wäre. Das Jahr, in dem die Grünen in die Bundesregierung kamen, die Volkszählung scheiterte und Maggie Reilly in der Disco lief.

Mehr als 200 biografische, humorvolle, politische, nachdenkliche und nur leicht nostalgische Lieder gibt es inzwischen im Ober-Gleener Dialekt und ab und zu Gelegenheit, ein paar davon in Bremen oder Hessen gemeinsam mit dem Publikum zu proben. Die Buchpremiere, denkbar als Kombination aus Konzert und Ausstellung, muss warten, bis wieder Veranstaltungen möglich sind. Zum Lesen und Singen lädt das Buch jetzt schon ein.

„Mir“ ist bei Books on Demand (BOD) erschienen und kann im Buchhandel, beim Verlag oder beim Geschichtsverein Lastoria, dem Herausgeber, bestellt werden. Es hat 376 Seiten und kostet 24 Euro. Sämtliche Liedertexte sind zum besseren Verständnis ins Hochdeutsche übersetzt. Zu den ersten beiden Liederbüchern, dem „Owengliejer Lirrerbichelche“ und dem Band „Naue Lirrer“, hat der Lastoria e.V. 2019 die Begleit-CD „Läurer Lirrer“ veröffentlicht, die gegen eine Spende erhältlich ist. Nähere Informationen, auch über die anderen Ober-Gleen-Bände, Hörproben aus dem Oral-History-Projekt und von Liedern gibt es auf monikafelsing.de. Kontakt unter mail@lastoria-bremen.de.

Die Erlöse gehen an den Bremer Geschichtsverein Lastoria, teilt Felsing mit. Lastoria ist ein gemeinnütziger Verein in Bremen, der wissenschaftliche, künstlerische und literarische Aktivitäten zur Dokumentation bremischer Zeitgeschichte fördert, wie zum Beispiel die literarische Aufarbeitung bremischer Zeitgeschichte und die Information über die bremische Geschichte und der Menschen unterstützt, die bremische Zeitgeschichte dokumentieren und beschreiben. Der Verein fördert zudem den lokalen, regionalen und globalen Austausches über die bremische Zeitgeschichte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.