Mobile Wand

Versperrt Unfallgaffern Sicht

von Jörg-Peter Schmidt

Oft kommt es vor, dass sich nach einem schweren Unfall zahlreiche Menschen um den Ort des Geschehens versammeln, ihre Handy zücken und im schlimmsten Fall sogar die Rettungsgasse verhindern. Dies ist einer der Hintergründe, weshalb jetzt das Polizeipräsidium Mittelhessen eine mobile Sichtschutzwand vorstellte. Landbote-Autor Jörg-Peter Schmidt findet die Idee gut


Polizeipräsident Bernd Paul erläuterte im Polizeipräsidium in Gießen, warum man sich zu dieser – innerhalb deutscher Polizeibehörden bislang einzigartigen –  Investition entschieden hat. Da man im Kontext – insbesondere schwerwiegenderer – Verkehrsunfälle eine stete Zunahme vermeidbarer Beeinträchtigungen, allen voran durch Schaulustige verursacht, feststellen muss, war hier handeln angezeigt. Paul beschrieb verschiedene schlimme Situationen: Staus im Bereich einsehbarer Unfallstellen (auch auf der Gegenfahrbahn), langsam fahrende oder gar haltende Fahrzeuge, aus denen von Schaulustigen mittels Smartphone zum Teil sogar Bild- und Tonaufnahmen gefertigt würden. Die Folge seien nicht selten Folgeunfälle an Stauenden, wird in einer Pressemitteilung unterstrichen, 

Polizeipräsident Bernd Paul (Mitte) mit dem Leiter der Autobahnpolizei, Erster Polizeihauptkommissar Thorsten Haas (links), und dem Leiter der Direktion Verkehr und Sonderdienste, Polizeioberrat Gerhard Keller (rechts) bei der Vorstellung der Schutzvorrichtung. (Fotos: Polizeipräsidium Mittelhessen)

Sichtschutz baut sich schnell auf

Konstantin Becker, Leiter Einsatz und Organisation der mittelhessischen Autobahnpolizei und maßgeblich für die Umsetzung verantwortlich, erläuterte die Funktionsweise der mobilen Sichtschutzwand, die sich unproblematisch und schnell auf- und abbauen lässt.  Die 30,5 Meter  lange, 2,10 Meter hohe und mittels GFK-Rohren verstärkte Konstruktion besteht aus einem Tragskelett aus Nylon, das auf einer Plane aus hochfestem PVC-Gewebe gefestigt ist. Innerhalb des Tragskeletts werden luftdurchlässige Sichtschutzflächen angebracht. Der Aufbau  leuchtet, sobald Licht darauf trifft. Der Aufbau des etwa 45 Kilogramm schweren Einsatzmittels erfolgt innerhalb weniger Minuten via elektrisch oder mit Kraftstoff betriebenem Gebläse. Die mobile Sichtschutzwand steht der mittelhessischen Polizeiautobahnstation ab sofort zum Einsatz bereit.

Mahnende Worte des Polizeipräsidenten

Der Polizeipräsident mahnte abschließend: „Persönlich hoffe ich, dass der Einsatz der mobilen Sichtschutzwand des Polizeipräsidiums Mittelhessen niemals erforderlich sein wird. Mit Blick zurück auf die vergangenen Jahre befürchte ich jedoch, dass sich dieser nur schwerlich vermeiden lässt. Lassen Sie mich daran erinnern: Ein jeder von uns –  ein jeder, der sich hinter das Steuer eines Kraftfahrzeuges setzt – hat darauf Einfluss. Es liegt also in unserer aller Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass der Tag des erstmaligen Einsatzes in noch weiter Ferne liegen wird.“  Soweit die Pressemitteilung des Polizeipräsidiums.  

Warum ich diese mobile Sichtschutzwand als sehr sinnvoll empfinde, möchte ich anhand eines furchtbaren Geschehens verdeutlichen, bei dem ich vor einigen Jahren leider zufällig Augenzeuge war: Eine Frau war in Gießen am Marktplatz unter einen Bus geraten und äußerst schwer verletzt worden. Die Rettungskräfte waren schnell an Ort und Stelle. Damit Schaulustigen der Anblick bei der  Rettungsaktion verwehrt wurde, hatten die Hilfskräfte ein großes, dunkles Tuch gespannt.

Das reizte um so mehr die Gaffer, die sich inzwischen auf den Bürgersteigen an beiden Seiten der Straße zu Hunderten versammelt hatten, irgendwie doch zu Handy-Fotos oder -videos zu kommen. Einige von ihnen hatten sich auf Blumenkübel, Bänke oder sonstige Erhöhungen gestellt, um zu filmen, wie um ein Menschenlebens gekämpft wurde. Es gab aber auch Passanten, die  den Anblick dieser außer Kontrolle geratenen Menge nicht ertragen konnten und den Marktplatz schnell verließen – sie waren in Gedanken an die schwerst verletzte Frau und die unglücklichen weiteren Beteiligen an diesem Unfall.

Gaffer-Szenen wie die soeben geschilderte, die ich nur einige Minuten „ertrug“, spielen sich leider täglich ab. Man kann für diese „Neugierde“ keinerlei Verständnis haben. Niemand, aber auch wirklich niemand sollte sich an dem Anblick von solchen Rettungsaktionen ergötzen können.  

Titelbild: Die mobile Sichtschutzwand als Nahaufnahme. (Fotos: Polizeipräsidium Mittelhessen)

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