Lucretia-OPer

Premiere nach langer Wartezeit

von Jörg-Peter Schmidt

Aufgrund der Pandemie bestand lange Unsicherheit, ob und wann das Gießener Stadttheater wieder sein Präsenz-Programm starten kann. Und dann kam die wunderbare Nachricht! Ab September 2021 füllt sich das Theater wieder mit Leben. In diesen Tagen werden die letzten Weichen für die erste große Premiere am Samstag, 4. September 2021, gestellt. Es geht um historischen Stoff aus der römischen Frühzeit, der Grundlage für die Kammeroper „The Rape of Lucretia“ von Benjamin Britten (Libretto von Ronald Duncan) ist.

Wie der Titel der modernen Oper bereits sagt, steht im Mittelpunkt des Geschehens eine Schande, die Vergewaltigung einer Frau namens Lucretia. Unter anderem Titus Livius (etwa 60 v. Chr. bis etwa 17 nach Chr.) berichtete über diese Vorkommnisse, von denen man nicht weiß, ob sie historisch verbürgt sind: 

Die Folgen der Gewalt

Lucretia, die Frau des römischen Generals Collatinus, soll sehr schön gewesen und zudem sehr tugendhaft gewesen sein. Tarquinius, Sohn des etruskischen Königs, der über Rom herrschte, begehrte diese außergewöhnliche Frau, die ihn abwies, worauf Tarquinius sie vergewaltigte.  Lucretia beging daraufhin Selbstmord. Die Rache ihrer Familie, die durch die Geschändete von der Vergewaltigung erfuhr, soll Auslöser für den Sturz eines unbeliebten Regimes gewesen sein, heißt es in den Überlieferungen.

Vorfreude auf die Premiere

Bei einer Pressekonferenz im Foyer des Stadttheaters waren Details über die Gießener Inszenierung dieser 1946 uraufgeführten Oper des britischen Komponisten und Dirigenten, der 1913 bis 1976 lebte, zu erfahren. Selbstverständlich wurde nicht „alles“ verraten, um die Spannung vor den Aufführungen nicht zu verraten – bis auf einen Aspekt:  In der Gießener Inszenierung ist Lucretia schwanger.

Die Fragen der Journalistinnen und Journalisten beantworten unter der Moderation des Pressesprechers des Stadttheaters,  Julian Wessel, Regisseur Christian von Götz, Florian Ludwig (Musikalischer Leiter am Stadttheater), Bühnenbildner Lukas Noll und  Samuel Christian Zinsli (Dramaturgie). Sie gehören zum verantwortlichen Team für die Aufführungen auf Englisch mit deutschen Untertiteln, bei denen das Philharmonische Orchester Gießen in einer kammermusikalischen Besetzung unter der Leitung von GMD Florian Ludwig spielen wird. 

Erniedrigung und Demütigung
Es gibt mehrere berühmte Gemälde, die sich mit der Schande gegen Lucretia beschäftigen. Auch Tizian hat  die Gewaltszene dargestellt. (Quelle: Wikipedia)

Auch in den  Gießener Aufführungen ist Lucretia  ohne Wenn und Aber Opfer. Im Laufe der Jahrhunderte hatte es allerdings Interpretationen der historischen Episode unter anderem durch den Kirchenlehrer Augustinus gegeben, wonach Lucretia wegen ihres Selbstmords eine Mitschuld an der Tragödie habe. Unter der Regie von Christian von Götz geht es (wie es auch die Absicht Brittens war) um die Frage, wie es  überhaupt zu solch furchtbarem Geschehen wie einer Vergewaltigung kommen kann und wie Menschen mit den Folgen umgehen. Es geht um  Gewalt, hier gegen eine Frau. Es geht um Machtmissbrauch, es geht um die Erniedrigung und Demütigung  eines unbescholtenen Menschen. Man kann sich vorstellen, dass Britten seine Oper unter dem Eindruck der millionenfachen Gewalt des gerade zu Ende gegangenen Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen komponiert hat. 

Fragen nach Ursachen von Traumata

In der Vorlage des Stadttheaters zur Pressekonferenz wird verdeutlicht: „In den schwarz-weißen Räumen von Bühnenbildner Lukas Noll werden die Fragen nach den Ursachen von Traumata und ihrer Bewältigung immer wieder aufgegriffen, und – aus der historischen Tragödie heraus – Antworten für unsere Zeit gesucht.“

Benjamin Britten (rechts), hier mit dem Musiker Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch im Jahr  1964. (Quelle, Wikipedia, Mikhail Ozerskiy)
Würdigung der Musik Brittens

Florian Ludwig  zollte bei dem Pressegespräch seinen Respekt für die kompositorische Leistung Benjamin Brittens, der für ihn ein perfekter Theatermusiker war.  Von daher dürfe sich das Publikum auch in dieser Hinsicht auf die Aufführungen freuen, auch wegen der renommierten Besetzung: Zum ersten Mal in Gießen zu erleben sind Evelyn Krahe in der Titelpartie, Anna Magdalena Rauer (Lucia), Anna Gabler (Female Chorus) sowie Kay Stiefermann (Junius). Bernhard Berchtold  gibt  den Male Chorus, Ensemblemitglied Grga Peroš den Tarquinius. Er ist in dieser Spielzeit in Gießen außerdem als Dr. Falke in „Die Fledermaus“  zu erleben. Christian Tschelebiew (Collatinus) ist dem Gießener Publikum noch aus „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ und der Operetten-Revue „Wer, wenn nicht wir“ bekannt. Sofie Pavone (Bianca) gastierte wiederholt am Stadttheater Gießen, unter anderem Ariadne auf Naxos“.

Lange musste man auf das 
Präsenz-Comeback des Gießener Stadttheaters warten. (Foto: Jörg-Peter Schmidt) 

Weitere Vorstellungen nach der Premiere Samstag, 4. September 2021 um 19.30 Uhr sind am 26. September, 7. und 24. Oktober, 4.und 27. November 2021 (jeweils um 19.30 Uhr). Weitere Termine sind in der Planung.  Nähere Informationen über den Kartenverkauf und auch die Hygieneregeln bei den Aufführungen findet man unter der Internet-Adresse stadttheater-giessen.de

Titelbild: Probenfoto von „The Rape of Lucretia“ mit Evelyn Krahe (Lucretia) und Grga Peroš (Tarquinius). Foto: Rolf K. Wegst

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