Bad Vilbel hat jetzt ein Konzept
Von Klaus Nissen
In der 40. und letzten Sitzung dieser Wahlperiode stritten die Bad Vilbeler Stadtverordneten um den Klimaschutz. Dabei betonten alle außer der AfD, dass die Stadt noch mehr gegen die Folgen von Starkregen, Dürren und hohen Temperaturen tun muss. Die schwarz-rote Koalition beschloss 38 Maßnahmen – Grünen und FDP reichten die nicht aus.Streit um den besten Klimaschutz
Nicht viel mehr als eine Stunde dauerte das Treffen im Kultur- und Sportforum. Es gab am 10. Februar 2026 nur sechs Themen auf der Tagesordnung, und fünf davon hakten Christ- und Sozialdemokraten, Grüne, Liberale und AfD ohne Aussprache einstimmig ab. So heißt die Hermann-Gmeiner-Straße künftig „Waldblick“. Denn der Gründer der SOS-Kinderdörfer steht im Verdacht, Schutzbefohlene missbraucht zu haben.

Ohne Debatte wählten die Stadtverordnete auch zwei Schiedsleute. Dr. Carla Freiling wird in den nächsten fünf Jahren Konflikte unter Kernstadt-Bewohnern schlichten. Sie übernimmt die Funktion vom langjährigen Schiedsmann Karl-Ludwig Hengstermann, der aus Altersgründen nicht mehr antrat. Für die Stadtteile bestimmte das Parlament erneut Heike von Gotstedter zur Schiedsfrau.
„Fairer Umgangston“ über fünf Jahre
Es gab weitere Harmonie-Signale. „Wir haben viele wegweisende Beschlüsse gefasst“, lobte Bürgermeister Sebastian Wysocki sich und die Stadtverordneten. Man habe seit 2021 „einen „fairen und sachlichen Umgangston und kollegiales Miteinander gepflegt“. Im Lauf der Sitzung meinten das auch andere Redner.

Das neue Klimaschutzkonzept entzweite sie trotzdem. Klimaschutzmanager Andreas Frank hat es mit dem Stabsstellen-Leiter Christian Kühl auf fast 200 Seiten geschrieben. Das Konzept nennt neben Angaben zur Bevölkerung, Energieverbräuchen, Verkehr und Gebäuden 38 Maßnahmen. Bis 2045 sollen damit die jährlichen CO2-Emissionen der Stadt von 195 000 auf 12 000 Tonnen sinken, der Energieverbrauch von jetzt 634 000 auf 514 000 Megawattstunden, die dann aus erneuerbaren Quellen kommen sollen.
Mehr Nahwärme, mehr Energieberatung
Wie geht das? Die Stadt wird all ihre Energieverbräuche systematisch erfassen und noch mehr Fotovoltaik-Anlagen installieren, steht ganz vorn auf der To-do-Liste. Den Fuhrpark will man noch stärker elektrifizieren. In den Schulen und Kitas sollen die Nutzer Vorschläge liefern, wie man den Energieverbrauch verringert. Die Hälfte der Ersparnisse bekommen die Einrichtungen als zusätzliches Geld für ihren Betrieb.
Die Besitzer von Häusern bekommen es mit einer „aufsuchenden Energieberatung für Wohngebäude“ zu tun. Noch mehr als die bisher 800 angeschlossenen Wohnungen sollen Nahwärme bekommen. Die Stadt will prüfen, wie man das örtliche Stromnetz mit Batteriespeichern stabilisieren kann.
FDP und Grüne wollen noch mehr Klimaschutz
Der öffentliche Nahverkehr soll ausgebaut werden, als Anreiz für den Umstieg vom Auto plant Bad Vilbel nun mit hoher Priorität die „Überarbeitung der Parkgebührenordnung“. Die Streuobstwiesen in der Gemarkung will man erweitern und den Stadtwald besser vor den Folgen der Erwärmung schützen. Ob und wie das alles funktioniert, soll von nun an regelmäßig geprüft werden. Das Konzept benennt auch, wer für welche der 38 Maßnahmen zuständig ist.

Das Ganze sei eine „Analyse ohne Konsequenz“, rügte die FDP-Fraktionsvorsitzende Nina Kramer. Die Maßnahmen kämen „ohne messbare Priorisierung und messbare Zwischenziele“ daher. Die Grünen forderten Änderungen des Konzepts: Die Treibhausgasneutralität der Stadt solle schon 2035 erreicht werden. Bad Vilbel müsse in den Kreis der Klima-Kommunen einsteigen, um mehr Zuschüsse zu bekommen. Die Stadt solle ein Energieberatungszentrum öffnen, in dem man Hilfe für die Installation von Solaranlagen und Wärmepumpen bekommt. Auch der Bau der schon ad acta gelegten Straßenbahn über den Heilsberg nach Frankfurt sei zu prüfen, forderte Sabina Eberlein im Namen der 13-köpfigen Grünen-Fraktion.
CDU und SPD lehnten das ab. Bürgermeister Wysocki zeigte sich empört, dass die Kritiker die Klimaschutz-Bemühungen des Magistrats so kleinredeten. „Wir haben schon die meisten Ladesäulen im ganzen Wetteraukreis“, rief er. Die Stadt baue ihre Radwege massiv aus, beleuchte sie mit Solarlampen, ihr Personal fahre auf Diensträdern. In der Kläranlage mache man schon Ökostrom aus Faulgasen, und in der Ostsee erzeugten städtische Windkraftanlagen mehr Strom, als ganz Vilbel verbrauchen könne. Auch die CDU-Fraktionschefin Irene Utter und die SPD-Politiker Mirjam Fuhrmann und Bernd Hielscher lehnten das Grünen-Paket in Reden ab. Der Änderungsantrag scheiterte. Danach stimmten Grüne, FDP und AfD gegen das schwarz-rote Klimaschutzkonzept.