Jüdische Gemeinde

de Vries  Vorsitzender in Bad Nauheim

Von Petra Ihm-Fahlejg4

Manfred de Vries (Foto) ist der neue Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim. Der 65-jährige aus Neu-Anspach tritt damit in die Fußstapfen von Monik Mlynarski, der Anfang Februar mit 92 Jahren überraschend starb.

Nicht die Einsamkeit gesucht

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Mit bewegenden Worten gedenkt Daniel Neumann vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden des verstorbenen Monik Mlynarski. (Fotos: Ihm-Fahle)

Der Gebetsraum der Synagoge in der Karlstraße ist fast voll besetzt. In der Mitgliederversammlung soll der neue Vorstand der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim gewählt werden, auch die Nachfolge des verstorbenen Vorsitzenden Monik Mlynarski. Manfred de Vries, der schon viele Jahre als zweiter Mann in der Gemeinde fungiert hat und gleich zu deren Chef ernannt werden wird, begrüßt das Auditorium. Anschließend gedenkt Daniel Neumann vom Landesverband mit bewegenden Worten                                         Mlynarskis. „Meine Oma hatte einen guten Kontakt zu ihm. Er rief sie einmal pro Woche an und gab ihr das Gefühl, dass sie wichtig für ihn sei.“ Dieses Empfinden habe Mlynarski vielen Personen vermittelt, er habe Liebe und Zärtlichkeit für andere Menschen gehabt. „Er hat so viel Leid in seine Leben erfahren müssen, und das Besondere war, dass er daraus nicht verbittert hervorgegangen ist, sich zurückzog und das Leben in seinen eigenen vier Wänden verbrachte und haderte.“ Mlynarski habe einen anderen Weg gefunden, der ein sehr jüdischer Weg sei: Nicht die Einsamkeit zu suchen. Dieses Prinzip stamme aus der Thora: Sich von der Welt zurückzuziehen und nur auf sich selber zu gucken, sei eine Sünde. „Monik Mlynarski hat nicht nur auf sich geguckt. Er war jeden Tag hier, um den Menschen zu helfen, für Sie zu arbeiten und ein klein bisschen Jüdischkeit in Ihre Herzen zu bringen“, sagt Neumann. Irgendwann komme aber der Tag, an dem auch solche Menschen ihren letzten Atemzug tun, doch die Erinnerung bleibe an eine wunderbare Persönlichkeit, die ihr Leben mit großer Energie lebte und ein Vorbild sei. „Sie können stolz auf ihn sein“, unterstreicht Neumann, ehe er der Gemeinde wünscht, eine gute Wahl zu treffen, um Mlynarskis Erbe zu erhalten.

Ende einer Ära der Nachkriegsgemeinden

Wie de Vries unterstreicht, war der Tod des langjährigen Vorstehers ein Schock, „da ist eine Ära der Nachkriegsgemeinden zu Ende gegangen“. Für den Verstorbenen sei die Gemeindearbeit dreißig Jahre lang Lebensinhalt gewesen, seine privaten Bedürfnisse habe er hintenan gestellt. Mlynarski war Überlebender von KZs und habe das Judentum hochgehalten. „Es ist mein Ziel, sein Lebenswerk weiterzuführen und dieser Gemeinde in seinem Sinne eine Zukunft zu geben“, betont der 65-jährige. Wie er erläutert, muss der Vorstand aus drei Personen bestehen. Sechzehn Jahre lang war Mihail Finckelstein neben Mlynarski und de Vries Dritter im Bunde, doch wolle er aus persönlichen Gründen nicht noch einmal antreten. „Mischa, wir haben allen Grund, dir für deine aufopfernde Arbeit aus ganzem Herzen zu danken.“

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Feliks Zabolovsky, Manfred de Vries und Yehuda Ariel Azulay (von links) stellen den neuen Vorstand der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim.

Nachdem der Vorstand entlastet wird, stellen sich außer de Vries der 58-jährige Yehuda Ariel Azulay und der 80-jährige Feliks Zabolovsky (beide Friedberg) zur Wahl. Azulay berichtet, in Israel geboren zu sein. „Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder und ein bisschen Zeit für die Gemeinde“, sagt er. Die NS-Zeit sei unmenschlich gewesen, doch heute seien die Juden frei. Manche vergäßen ihre Wurzeln aber auch, weshalb eine starke, attraktive Gemeinde wichtig sei. Zabolovsky stellt sich auf Russisch vor, anschließend auf Deutsch. Als Vorstandsmitglied wolle er die Verbindung zwischen Russen und Deutschen sein. Die Versammlung schreitet zur Urne, Neumann verkündet das Ergebnis. Alle Kandidaten wurden gewählt, de Vries mit leichtem Vorsprung. Er ist neuer Vorsitzender.

Kurse und koschere Küche

Die Jüdische Gemeinde Bad Nauheim bietet ihren Mitgliedern Gottesdienste, Religions-, Kunst- und Deutschunterricht, Schachturniere, eine Bibliothek und einen Chor an. Die Festtage werden gemeinsam begangen, die Küche ist koscher. Zwischen 2012 und 2015 wurde die Synagoge saniert, die zwischen 1927 und 1929 im Bauhausstil entstand. ihm

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