Heimatmuseum Schotten

Vom „Gold“ des Vogelsbergs

Von Elfriede Maresch

Das Heimatmuseum der Stadt Schotten ist neu gestaltet worden. Es fokussiert die Stadtgeschichte nun auf Schwerpunkte wie „Zu Gast im Haus von Staatsrat Weber“ und zeigt Holz, Wasser und Wald als „Gold“ des Vogelsbergs.
Jugendstiltür im Eingangsbereich, auch die Regenschirme von damals blieben erhalten.

Wie zeigt man das Charakteristische einer Stadt-, einer Landschaftsgeschichte? Wie macht man einen Museumsrundgang ebenso informativ wie unterhaltsam? Vor dieser Frage stand der Träger des Heimatmuseums Schotten, die Weber-Pröscher-Sauer-Stiftung, vor der Umgestaltung des Heimatmuseums Schotten nach neuem Konzept. Diese Frage beschäftigte aber auch die Aktiven des Vogelsberger Kultur- und Geschichtsvereins e. V., die das Haus führen. Hilfe und Unterstützung holten sich die Verantwortlichen beim Hessischen Museumsverband und fanden fachliche Begleitung bei den Museumsberatern Kirsten Hauer und Friedhelm Krause, beim Museumsgestalter Thomas Scheuermann.

Authentischer Wurstküchengeruch

Mit der Umgestaltung allein war es allerdings nicht getan. Die Zeit hatte dem schönen alten Gebäude sehr zugesetzt. Eine umfangreiche Sanierung stand an, schon allein deren Finanzierung war nicht einfach. Elke Schmidt, Gründungsmitglied und langjährige Vorsitzende des Vereins, hat mit großem Engagement immer wieder Lösungen gefunden. Heller, schöner, einladender – seit der Wiedereröffnung am 18. Juli 2021 zeigt sich das Museum von seiner besten Seite, fokussiert die Stadtgeschichte auf Schwerpunkte wie „Zu Gast im Haus von Staatsrat Weber“, zeigt Holz, Wasser, Wald als „Gold“ des Vogelsberges. In den nächsten Monaten werden weitere Themenräume zugänglich: der Arbeitsplatz der Wintermetzger samt authentischem Wurstküchengeruch, die Werkstatt des Marionettenschnitzers Friedrich Falkner, der Raum „Schotten – Pionierstadt des Rennsports“ samt Filmen aus den 1920-er bis 1950-er Jahren, historischen Motorrädern und anderem mehr. Jutta Kneißel, Vorsitzende des Vereins, will die Museumsentwicklung weiter treiben: „Abteilungen zur Stadtgeschichte, zu Lokalsagen und zu anderer auf den Vogelsberg bezogener Literatur sollen künftig entstehen.“

Einladende Sitzgruppe im Wohnzimmer. Kuratorin Kirsten Hauer freut sich an Dekorativem von damals. (Fotos: Elfriede Maresch)

Einen Jugendstilakzent in der Häuserreihe der Hauptstraße setzt schon die reizvolle Fassade des Hauses mit seinem Schmuckerker. 1806 wurde es aus drei schmalen, neben einander liegenden Fachwerkhäusern zusammengefasst. 1908 ließen es Karl Weber, seine Frau Ida und deren Schwester Anna im Jugendstil von Architekten Hans Meyer neu umgestalten.

So gibt es schon im Foyer Reizvolles zu bewundern: den Fußboden mit den Keramikfliesen im Geschmack jener Zeit, den grünen Kachelofen mit den Ornamenten auf der Tür, die Buntglasfenster des Treppenhauses mit floralen Elementen, das massive Treppengeländer mit geschnitzten Schmuckfeldern, ein Eichhörnchen und einen Hasen darstellend, Zeugnis der Jagdleidenschaft Webers.

Behagliche Wohnkultur

In mehreren Räumen des Museums stellen Hörstationen Persönlichkeiten aus der Stadt und dem Vogelsberg vor. Die drei Wohnräume des ersten Stocks zeigen behagliche Wohnkultur jener Zeit, Besucher lernen die „Gastgeberfamilie“ Weber-Pröscher näher kennen. Die beiden Schwestern Anna und Ida kamen aus der kleinen Schicht wohlhabenden Stadtbürgertums. Karl Weber (1864 – 1929), den Ida 1890 heiratete, war zunächst Forstamtsleiter in Konradsdorf, dann in Schotten, zudem Landtagsabgeordneter. Politisch stand er dem Hessischen Bauernbund nahe, einer Interessenvertretung der Landbevölkerung, die konservative und auch antisemitische Positionen vertrat. Er setzte sich für Strukturverbesserungen im Vogelsberg ein, gegen große Widerstände auch für den Bau von Wasserkraftwerken, für die Stromversorgung der Region. In seinem Haus ließ er unter den Stuckdecken bereits Leerrohre für Stromleitungen legen.

Florale Buntglasfenster, Holzgeländer mit Jagdmotiven, Kronleuchter: Staatsrat Weber wohnte standesgemäß.

Das Jagdzimmer mit den Waffen, den Pfeifen, den Tierpräparaten zeigt die Interessen des geselligen Mannes, des Pfeifen- und Militaria Sammlers. Aber in einer Vitrine des Wohnzimmers wird auch eine private Tragödie deutlich. Ein historisches Foto zeigt Karl Webers Sohn Ferdinand hoch zu Ross in Uniform. Auf die Rückseite hat der Vater am 6. Oktober 1914 „Zur Erinnerung an große, schwere Zeit“ geschrieben. Zwei Tage später bekam er die Todesnachricht dieses Sohnes. Es blieb nicht die einzige: 1917 fiel August, der zweite Weber-Sohn. Damit hatte der Krieg die Zukunftsperspektive der Familie, die Hoffnung auf die nächste und übernächste Generation zerstört. Das bewog die Eltern Weber wie auch Anna Pröscher dazu, eine Stiftung zu gründen und ihr Haus dieser zu übertragen. 1937 wurde in kleinen Anfängen das Museum im ersten Stock gegründet und im Lauf der Jahrzehnte weiterentwickelt. Auf diesem Stockwerk soll noch die Küche „wie bei Webers“ im historischen Stil eingerichtet werden.

Eine typische Auswandererregion

Ein Hungerbrötchen, ein kleines verhutzeltes Gebäck, ist ein Schlüsselexponat im zweiten Stockwerk. Im 18. und 19. Jahrhundert war der Vogelsberg ein verarmtes, strukturschwaches Gebiet, eine der typischen Auswanderungsregionen. Die Not der Region machte den jungen Schottener Rudolf Fendt (1826- 1877) zum Demokraten von 1848, zum damals einflussreichen Publizisten – und zu einem Mann, der teuer für seine Überzeugungen bezahlen musste. Mit einem Bild, einer Hörstation wird an ihn erinnert.

Hölzerne Skier, mit Kerzen eingewachst, waren im Vogelsberger Wintersport unverzichtbar

Es gab Versuche zur Strukturförderung, etwa die Gründung einer Schule für Holzschnitzer in Schotten, die allerdings nur wenige Jahre bestand. Alltagsgeräte, Dekoratives und Möbel aus dieser Zeit werden präsentiert. Als nachhaltiger erwies sich die Förderung der Touristik, des Wanderns samt der Gründung des Vogelsberger Höhenclubs und schließlich der Gastronomie. Touren- und Speisekarten, Stöcke, Fotos, eine Botanisiertrommel, ein sicher nicht bequemes eisenbereiftes Fahrrad von damals sind zu sehen. Nachdem im 19. Jahrhundert die Wiederaufforstung des kahlen Vogelsbergs gelungen war, wurden der Wald, das Holz zu wichtigen Wirtschaftsfaktoren. Auch das spiegelt sich in Exponaten. Eines der Erfolgsmodelle, für die sich Karl Weber entscheidend eingesetzt hatte, war die Gründung der Forstschule Schotten, die von 1922 bis 1982 bestand. Über 2000 junge Leute bekamen in dieser Zeit ihre Ausbildung, waren ein wirtschaftlicher wie ein sozialer Faktor, der die Stadt belebte. Auch sie lernen die Museumsbesucher in Bildern, Sammlungen, Publikationen kennen.

Die Öffnungszeiten des Museums in der Vogelsbergstraße 95 in 63679 Schotten sind mittwochs und sonntags von 14.30 bis 17.30 Uhr. Der Eintritt ist frei, Spenden zur Erhaltung und Weiterentwicklung der Sammlung sind erwünscht.

Titelbild: An Federung dachte noch niemand: Auch solche hölzernen Fahrräder wurden im Vogelsberg hergestellt.

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