Georg Büchner

Unrecht bekämpft

von Jörg-Peter Schmidt

Es gibt Parallelen im politischen Leben von Georg Büchner (1813 – 1837) und  der linken Bewegung der 1960er und 1970er Jahre in Deutschland. Dies machte der Literaturwissenschaftler Hans Otto Rößer in einem Vortrag in Gießen deutlich.

Flucht wegen des „Landboten“

Der Einladung des Georg-Büchner-Clubs Gießen waren etwa 40 Zuhörerinnen und Zuhörer gefolgt. Aufgrund  der Vorbeugung vor Corona war diese Runde – in jeweils gebührendem Abstand zueinander – bewusst klein gehalten, was aber den Erfolg der von Reinhard Hamel moderierten Veranstaltung nicht schmälerte. Denn was der 1953 in Gießen-Wieseck geborene Pädagoge zu berichten hatte, war informativ und spannend. Rößer schilderte die Zeit, in der sich Büchner schriftstellerisch und gesellschaftlich engagierte und zeigte auf, wie folgenreich die Verfolgungen durch politisch Verantwortliche für den Verfasser von „Dantons Tod“ und für weitere sozial fortschrittlich denkende und handelnde Menschen in den Jahren des 1815 bis 1866 bestehenden Deutschen Bundes waren.

Der Literaturwissenschaftler Hans Otto Rößer (links) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem bewegten Leben und der politischen Einstellung von Georg Büchner. Neben ihm der Moderator der Veranstaltung, Reinhard Hamel. (Fotos: Jörg-Peter Schmidt)

Nachdem 1834 der von Büchner verfasste „Hessische Landbote“, in dem die soziale Unterdrückung  der armen Bevölkerung durch die Herrschenden verdeutlicht wurde, verteilt worden war, musste der Medizinstudent wegen der zu befürchtenden Verhaftung von Gießen (über einen längeren Aufenthalt in Darmstadt) nach Straßburg fliehen. Sein politischer Weggefährte Ludwig Friedrich Alexander Weidig, der den „Landboten“ redigiert hatte, wurde in Darmstadt inhaftiert, dort physisch und psychisch unter wesentlicher Mitwirkung des Gießener Universitätsrichters Konrad Georgi misshandelt. Die Umstände des Todes von Weidig in der Haft (offiziell Selbstmord) sind bis heute nicht geklärt.

Verbote der 1970er Jahre

Wo aber gibt es die eingangs erwähnten Überschneidungen des Schicksals von Georg Bücher sowie seinen politischen Weggefährten des 19. Jahrhunderts zu den Schicksalen links eingestellter kritischer Geister des 20. Jahrhunderts?  Da muss Otto Rößer, dessen neues  Buch über „Georgs Büchners politisches Vermächtnis“  soeben erschienen ist, nicht lange suchen. Denn er selbst war als junger Mann nach dem Abitur auf dem Landgraf-Ludwigs-Gymansium in Gießen und seinem Studium von seinem erwünschten Beruf als Lehrer in Deutschland ausgeschlossen. 1972 (in der Zeit der  SPD/FDP-Bunderegierung mit dem Sozialdemokraten Kanzler Willy Brandt an der Spitze) hatten Bund und Länder den unseligen „Radikalenerlass“ verabschiedet: Durch ihn wurden sogenannte Verfassungsfeinde vom Dienst im öffentliche Dienst ferngehalten.

Davon war auch der angehende Lehrer Otto Rößer, der Mitglied der nicht verbotenen Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) war, betroffen. Er entschied sich, im Rahmen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) als Lektor in Japan und China zu arbeiten. 1993 kehrte er nach Deutschland zurück und unterrichtete als Lehrer an einer Berufsschule, einer Abendschule und zum Schluss an einem Oberstufengymnasium Deutsch, Politik, Wirtschaft und Ethik. Der „Extremistenerlass“, den beispielsweise auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Post sowie der Bahn betrafen, war längst aufgehoben, was aber nichts daran änderte, dass bis heute viele der damals Ausgeschlossenen unter den finanziellen und psychischen Folgen dieser viel zu spät von Brandt bereuten Entscheidung von 1972 leiden. 

Verbote zu Büchners Zeiten

 Und wie war es zu Georg Büchners Zeiten? Auch damals gab es es in gewisser Weise eine Art „Radikalenerlass“. Rößer wies auf die zwei Jahren nach dem Hambacher Fest erfolgten Beschlüsse der Wiener Konferenz vom 12. Juni 1834 hin: Die Universitäten und andere „Lehr- und Erziehungs-Anstalten Deutschlands“ wurden zu Strafmaßnahmen gegen Studenten, die an politischen Verbindungen  mitgewirkt hatten, verpflichtet. Die von ihrer jeweiligen Universität „entfernten“ Studenten hatten jetzt keine Chancen mehr, an anderen Universitäten studieren zu können. Sie durften beispielsweise auch nicht mehr Staatsdiener oder Arzt werden. 

1832 fand das Hambacher Fest statt. (Quelle: Wikipedia, Urheber: Erhard Joseph Brenzinger)

Dieser fatale Beschluss war für die Betroffenen um so härter, weil es zuvor für fortschrittlich denkende Menschen  Hoffnung auf Veränderungen gab. In Frankreich fand 1830 die Juli-Revolution statt. Georg Büchner studierte nicht wenig später (1831 bis 1833) in Frankreich: in Straßburg. Rößer geht davon, dass der spätere Schriftsteller auch durch seine Kontakte mit der Studentenverbindung Eugenia Verbindungen zu Frühkommunisten hatte und ihre Ideale übernommen hat.

 Nach seiner Straßburg-Zeit wechselte der angehende Schriftsteller nach Gießen, um dort Medizin zu studieren und dort wesentlich  zur Gründung der oberhessischen Sektion der „Gesellschaft für Menschenrechte“ beizutragen. Aufgrund der Verfolgung nach dem Erscheinen des „Hessischen Landboten“ folgte, wie erwähnt,  seine Flucht nach Straßburg und später seine letzte Lebenszeit in Zürich, wo er 1837 an den Folgen von Typhus starb – als ein hochbegabter junger Mann, der heute durch seine Werke wie „Dantons Tod“ , „Lenz“ oder „Woyzeck“ weltweit anerkannt ist.

Ein politischer Mensch
Über Büchners politisches Vermächtnis hat Hans Otto Rößer ein Buch geschrieben, das soeben erschienen ist. 

War er ein politischer Mensch? Diese Frage bejaht Otto Rößer auch in seinem im Gießener Verlag Polkowski erschienenen Buch „Georg Büchners politisches Vermächtnis“. In dem Buch wird unter anderem erwähnt, dass Büchner nicht den Schriftstellern der sogenannten „Jungdeutschen“ angehörte und dies auch nicht wollte. Hierbei handelte es sich um liberal eingestellte Autoren, zu denen auch Karl Gutzkow gehörte, durch dessen Förderung und Vermittlung die Weichen gestellt wurden, dass „Dantons Tod“ erscheinen konnte.

 Büchners politische Einstellung ging offensichtlich über liberales Ansinnen hinaus, da er sich beispielsweise von den Gewalt-Auswirkungen des  „Sturms auf die Polizeiwachen in Frankfurt/Main“ von 1833 nicht klar distanzierte (Aufständische wollten damals durch diese  Aktion eine Revolution ins Leben rufen; sie wurden durch einen Spitzel verraten. Es gab neun Tote und 24 Verletzte). Der Verfasser des „Woyzeck“ rechtfertigte den Versuch, die bestehenden Verhältnisse gewaltsam zu verändern, verdeutlichte Rößer die Tatsache, dass Büchner nicht ausschließlich idealistisch pazifistisch eingestellt war, auch wenn er selbst in seinem kurzen Leben keine Gewalt ausübte.

Weiter gegen Unrecht kämpfen

Der Referent beendete seinen Vortrag mit der Überlegung, was man auch als Rentner oder älterer Mensch heute unternehmen kann, um sich gegen soziale Missstände zu engagieren.  Dies sei beispielsweise durch die Teilnahme an Demos durchaus möglich. Er würdigte den Einsatz der „Omas gegen Rechts“, die sich öffentlich gegen Unrecht einsetzen. Für den Vortrag gab es sehr langen Applaus an einem Abend, der mit einer Diskussion zum Vortrag ausklang und der rundum gelungen war. 

Titelbild: Dieses Denkmal Büchners steht vor dem Alten Schloss in Gießen. In der oberhessischen Stadt studierte der Schriftsteller Medizin.

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