Er warf MTV 1846 zum Titel
Noch im Oktober des vergangenen Jahres, als sich die Alten Meister trafen, um sich für ihre Titel der Jahre 1965 und 1975 feiern zu lassen, hatte sich Ernie Butler nach Gießen aufgemacht. Freunde treffen, Erinnerungen auffrischen. Rund 2000 Menschen in der Osthalle ließen die Heroen von einst beim Karlsruhe-Match hochleben.
2025 Wiedersehen mit den Fans
Am Morgen erst noch in München zur Dialyse, dann im Auto von Holger Geschwindner an die Lahn und abends eine Zusammenkunft im VIP-Raum. Die Bürde des Alters war ihm anzumerken, ja anzusehen. Er nutzte einen Stock, um besser gehen zu können. Im Kopf aber frisch wie eh und je beantwortete er Fragen und ließ die großen Tage der Männerturner nochmals Revue passieren, schreibt die Pressestelle der Gießen 46ers.
1962 Basketball-„Geburt“
Denn in einer kalten Herbstnacht 1962, als einige MTV-Basketballer nach einer Niederlage beim EOSC Offenbach am Gießener Hauptbahnhof ankamen und ihren Ärger noch mit dem einen oder anderen Bierchen stillen wollten, landeten sie in der „Casanova-Bar“. An einem Tisch schlief ein US-Soldat seinen Rausch aus. „Wir glaubten, er hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass wir uns zu ihm gesetzt haben“, erinnert sich Ex-Mitspieler und Ex-Trainer Bernd Röder. Weit gefehlt. Denn schon am anderen Tag tauchte der Mann aus Übersee wieder im Amüsierbetrieb auf und erkundigte sich beim Barkeeper: „Gibt es hier in der Stadt einen Basketball-Club? Gestern Abend haben einige sehr große Männer bei mir am Tisch gesessen …“
Begegnung mit den MTV-Kumpels
Der Getränkemixer erklärte dem jungen Mann, in welcher Halle gespielt würde. Also packte der angebliche Soldat noch am gleichen Abend seine Sachen und tauchte in der Sporthalle der Pestalozzischule auf, wo die MTV-Cracks um Bernd Röder, Klaus Jungnickel und Hans-Georg Rupp trainierten. „Er hat einen ordentlichen Eindruck gemacht, und spielen konnte er richtig gut, also haben wir ihn mitmachen lassen.“
Und dann die erste Meisterschaft

Es sollte eine weise Entscheidung sein. Denn mit dem (was viele damals nicht wussten) als Lehrer an der Junior-High-School arbeitenden Mann aus den Staaten begann die bis heute erfolgreichste Zeit des MTV 1846, die schließlich in fünf Meisterschaften und drei Pokalsiegen mündete. Mit dem Pointguard, dem der Sport unter den Körben an der Lahn so unendlich viel zu verdanken hat, gelang dem Club einst der Aufstieg in die höchste deutsche Spielklasse. Und 1964 schickten sich die Männerturner dann sogar an, um die Meisterschaft mitzuspielen. Als schließlich auch noch Holger Geschwindner und der längst verstorbene „Pollo“ Urmitzer zum MTV stießen, gab es kein Halten mehr.
In dem unvergessenen Heidelberger Endspiel gegen den VfL Osnabrück sicherte Ernie Butler nach Pass von Holger Geschwindner („Ich weiß nicht, warum er mich angespielt hat, denn ich habe an diesem Tag nicht besonders gut getroffen …“) unmittelbar vor der Schlusssirene den 69:68-Sieg und sicherte Gießen damit den ersten deutschen Meistertitel. Als die Mannschaft zurück nach Gießen kam, war die Begeisterung riesig. „Uns wurde ein roter Teppich ausgerollt und die Fans schrien meinen Namen“, war Butler, wie er im Oktober noch erzählte, überwältigt.
Freundschaft mit Holger Geschwindner
Unmittelbar nach dem größten Erfolg wechselte Butler zu Bayern München. Mit Holger Geschwindner, dem Mentor von Dirk Nowitzki, verband ihn bis zuletzt eine enge Freundschaft. Und vor allem die gleiche sportliche Philosophie. „Basketball ist Jazz“, sagte Butler einst. Und weilte mehrmals bei den von Holger Geschwindner veranstalteten Nachwuchs-Trainingslagern. Er zeigte den Spielern, dass jede Basketball-Bewegung „auch rhythmisch ausgeführt werden kann“. Butler spielte Melodien auf dem Saxofon, die Jugendlichen sollten dazu völlig losgelöst Basketball-Bewegungen machen. Butler, der Dirk Nowitzki die Anfänge des Saxofonspielens beibrachte, beschrieb die Verbindung zwischen Musik und dem Basketballsport mit den Worten: „Die Melodie geht dir in Fleisch und Blut über. Man lernt schneller.“
Basketball in der Millerhall

Doch zurück zu den Anfängen in Deutschland, wo der Sohn eines Priesters aus Connersville in Indiana einen Kulturschock erlebte. „Ich war Lehrer, ich wollte nach Berlin oder München. Am Frankfurter Flughafen haben sie mir dann gesagt, dass ich nach Gießen komme. Davon hatte ich noch nie gehört.“ Sein erster Eindruck von der Universitätsstadt war dann erwartungsgemäß. Hier bleibst du kein Jahr, dachte sich der junge Mann, musste aber sofort innerlich einlenken. Denn ein Abbruch der pädagogischen Mission vor Ablauf der vertraglichen Mindestzeit von 24 Monaten hätte bedeutet, dass Butler den Heimflug aus eigener Tasche hätte zahlen müssen. So arrangierte sich der Gestrandete mit den Umständen, tobte täglich mit dem Ball durch die Millerhall und ertränkte abends hin und wieder sein Heimweh in einschlägigen Kneipen.
In der Millerhall, für die Butler einen Schlüssel hatte, landeten schließlich auch Bernd Röder und Co. immer öfter. „Wir haben dort drei gegen drei gespielt und uns von Woche zu Woche verbessert. Der Basketballsport, den wir bis dato als Hobby ansahen, hat uns plötzlich mehr interessiert als alles andere“, so Röder, der weiß, dass der Ursprung aller Erfolge eng mit der Verbundenheit zu Ernie Butler und den Einheiten in der US-Sporthalle zusammenhängt.
Über 50 Teams gecoacht
Mit seiner Frau Heidi lebte Butler seit fast 35 Jahren in München-Straßlach. Bis vor wenigen Jahren trainierte er die Frauen und Mädchen des TSV Grünwald. Insgesamt hatte er in seinem Leben über 50 Teams gecoacht – in allen Alters- und Qualitätsstufen. Von Elementary School bis Bundesliga. Ein Leben voller Sport und Musik, aber auch voller Widerstände. Denn sein Wirken galt auch dem Kampf gegen die Demütigungen, Ungerechtigkeiten und Gefahren, denen die schwarze Bevölkerung ausgesetzt war und noch immer ist. „Als ich nach Deutschland kam, musste ich feststellen, dass es enttäuschend war, wie Afroamerikaner in Schulbüchern so erbärmlich dargestellt wurden. Dagegen habe ich immer protestiert“, erinnerte sich Butler einst im VIP-Raum der Osthalle an seine Anfänge als Lehrer in Deutschland.
Ernie Butler hat drei erwachsene Kinder, zwei Söhne und Tochter Naima, mit der er im „Naima-Butler-Trio“ Jazz-Musik machte. Seine sonore Stimme klang nach Louis Armstrong, dem größten Jazz-Musiker des 20. Jahrhunderts. Nun ist sie erloschen.
Titelfoto: Ernie Butler kam noch einmal nach Gießen (Foto: 46ers)