Wetterau ohne Wasserstoff-Autos
Von Klaus Nissen
Zusätzliche Windräder auf den Hügeln, Solarzellen auf jedes neue Dach – das ist vorbei. Auch die Mittelhessische Energiegenossenschaft (MiEG) spürt deutlich, dass sich neue Anlagen für Photovoltaik und Windkraft kaum noch rechnen. Die Genossen suchen neue Geschäftsfelder. Und zahlen sich erstmals Dividenden aus. Das ruft Geldanleger auf den Plan.
Energiegenossenschaft
„Wir sind dividendenfähig geworden“, sagte der ehrenamtliche Finanzvorstand Reinhold Friedrich Ende Juni 2016 bei der Hauptversammlung im Ortenberger Bürgerhaus. Zum ersten Mal seit der Genossenschafts-Gründung vor fünf Jahren bekommen die Mitglieder sechs Prozent Gewinn auf ihre Anteile. Das klingt gut – aber nur jeder zweite der rund 500 Freunde erneuerbarer Energien hat mehr als hundert Euro in die Genossenschaft investiert. So kommen abzüglich der Steuern nur etwas mehr als vier Euro Dividende je Hundert-Euro-Anteil auf dem Konto an. Insgesamt werden rund 17 000 Euro verteilt.

Trotzdem – dieser bescheidene Gewinn hat in Zeiten der Minus-Zinsen Leute angelockt, die der Genossenschaft Geld aufdrängen wollen. Kapitalanleger, die wohl mehr auf die Verzinsung als auf den ökologischen Nutzen des Unternehmens schauen. „Wir bekommen Anfragen von Leuten, die fünfstellige Beträge investieren wollen“, sagte Reinhold Friedrich und wirkte dabei gar nicht glücklich. Denn zusätzliches Geld braucht die Genossenschaft momentan nicht, weil der Ausbau klimaverträglicher Stromerzeugung stockt. 36 neue Genossen nahm man im vorigen Jahr auf – darunter auch die Stadt Karben.
Durch die vom Staat verordnete Kürzung der Einspeisevergütungen rechnen sich neue Solaranlagen nur mit Mühe: Gerade mal zwei Anlagen nahm die Genossenschaft seit vorigem Somnmer in Betrieb: eine Sechs-Kilowatt-Solaranlage auf einem Kita-Dach in Laubach-Ruppertsburg. Und gerade jetzt eine 64-Kilowatt-Anlage auf dem Dach der Erich-Kästner-Schule in Rodheim bei Rosbach. Sie bringt laut Vorstand Diethardt Stamm hauchdünne Gewinne für die Genossenschaft, indem sie den Solarstrom etwas billiger zum Eigenverbrauch an die Schule verkauft als ein regulärer Stromversorger. Möglichst wenig wolle man neuerdings ins Netz einspeisen. Dieses Geschäftsmodell tauge eigentlich nur für kleine Anlagen bis zehn Kilowatt Leistung, so Stamm, weil die keine Erneuerbare-Energie-Umlagen von rund sechs Cent je Kilowattstunde zahlen müssen. Sichtbare Gewinne macht die Genossenschaft jetzt deshalb, weil sie 36 Solaranlagen auf Kitas, Schulen und Bürgerhäusern besitzt, die 20 Jahre lang nach alten Regeln gut bezahlten Strom liefern. Auf der Rodheimer Sporthalle liefert zum Beispiel eine 122-Kilowatt-Anlage seit dreieinhalb Jahren klimaneutralen Strom.

Doch was kommt danach? Schon das laufende Jahr wird nach Friedrichs Prognose 2017 gut 20 Prozent weniger Einnahmen bringen, weil die Sonne so oft von Wolken verdunkelt ist. Man könne mit Beratung von Firmen und Privatleuten Geld verdienen, schlug die Energie-Genossin und frühere Grünen-Landtagsabgeordnete Ellen Enslin vor. Sie entwickelt in einem neuen Arbeitskreis der Genossenschaft Wege, wie man Fördergelder besorgen und die Kohlendioxid-Bilanz der Kunden verbessern kann. Die Genossen sollen in Wasserstoff- und Elektroautos investieren, meinte die Ortenberger Bürgermeisterin Ulrike Pfeiffer-Pantring. Auf dem Lande brauche man solche Vehikel als Zweit- und Drittwagen, weil es zu wenig Züge und Busse gebe. Auch das Car-Sharing sei hier ein ökologischer Zukunftsmarkt.
Die 76 Genossen im Saal nahmen es freundlich, aber ohne Begeisterung zur Kenntnis. Denn ein erstes Groß-Projekt in dieser Richtung ist gerade gescheitert: Die MiEG wollte mit Geld aus dem LEADER-Programm der Europäischen Union eine Viertelmillion in den dreijährigen Testbetrieb eines Wasserstoff-Autos investieren. Mit wissenschaftlicher Begleitung sollte es zwischen Hirzenhain und Butzbach pendeln – betankt mit Wasserstoff aus einem kleinen „Elektroliseur“. Diese neuen Geräte können den überschüssigen Solarstrom vom eigenen Dach in Auto-Treibstoff verwandeln, so der Öko-Pionier Diethardt Stamm. Er hält Wasserstoff-Wagen koreanischer oder französischer Herkunft wegen ihrer großen Reichweite für praktischer als Batterie-Autos. Doch die MiEG stoppte das Projekt vor wenigen Tagen, weil diverse technische, finanzielle und organisatorische Hindernisse aufgetaucht waren.
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