Entfesselter Kapitalismus

In der Zange von Terror und AfD

Von Bruno Riebeisenberg

Amokläufer, Terroristen, die AfD und viel Einblick ins Knastleben. „Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst“ heißt das neue Buch von Götz Eisenberg, der drei Jahrzehnte Psychologe im Butzbacher Gefängnis war. „Es ist die Zeit der Monster“, zitiert Eisenberg Antonio Gramsci, und zählt zu diesen Monstern die zeitgenössischen Rechtsextremen und Faschisten („von NSU über Pegida bis hin zu AfD“) und die Terroristen. „In einer eigenartigen Zangenbewegung schicken beide sich an, Rechtsstaat und Demokratie zu zerstören“, schreibt er.

Die Motive für Terror und Faschismus

Eisenberg befasst sich seit vielen Jahren mit den Motiven von Amokläufern. Die „Indikation für den jugendlichen Amok“ beschreibt er so: „Wenn du dich ausgegrenzt und nicht wahrgenommen fühlst, wenn sich in deinem Leben Kränkung an Kränkung reiht und du deswegen einen wachsenden Hass verspürst, dann kannst du einen Amoklauf in Erwägung ziehen.“

Wer es nicht schaffe, auf gesellschaftlich üblichem Wege Anerkennung zu finden, könne als Negativheld in die Geschichte eingehen: „Wer bei ‚Deutschland sucht den Superstar‘ nicht landen kann, kann sich für die bösartige Variante des medialen Narzissmus entscheiden und als Amokläufer Berühmtheit erlangen.“

Das ist die eine Seite der demokratiebedrohenden Zangenbewegung. Die andere ist eine alte, ist „ein bedrohliches, faschistoides, antidemokratisches Potential“, das den Wandel der politischen Systeme überdauert hat und „unter einem dünnen Firnis angepassten Verhaltens existiert“. Unter dem Druck von Angst und Panik würden Menschen auf primitive Mechanismen der psychischen Regulation zurückgreifen und sich nach einfachen Lösungen sehnen. Die Zeit „der Fanatiker und Scharlatane“ sei gekommen. „Ein hoher Angst- und Panikpegel ist auf Dauer der Tod der Demokratie. Deswegen braucht Demokratie den Sozialstaat, der den Menschen Existenzängste nimmt und Netze spannt, die verhindern, dass jemand, der vom Markt als überzählig ausgespuckt wird, aus der Welt fällt.“

Die Handys besser wegwerfen

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Götz Eisenberg

Eisenberg sieht sich in der Tradition der Kritische Theorie. Sein neues Buch ist wieder eine Textsammlung. Das Spektrum ist weit, reicht vom Umgang mit Griechenland über Terror, Amok, AfD und Pegida bis zum Attentat von Sarajevo bis zur Würdigung von Alexander Kluge und Georg Heym. Zwischen diese Aufsätze montiert Eisenberg wieder Alltagsbeobachtungen, die er „Ethnologie des Inlands“ nennt. Im Brennpunkt steht dabei das Handy, das er gar nicht leiden kann. Entsetzt ist er, als er eine Mutter dabei ertappt, wie sie beim Stillen aufs Display ihres Handys blickt. „Wenn man weiß, welche Bedeutung die allererste Kommunikation zwischen Mutter und Kind hat und dass diese vorwiegend über den Augenkontakt und den Blick beim Stillen vermittelt ist, kann einem Angst und Bange werden“, mahnt er. An anderer Stelle schreibt er: „Im günstigsten Fall wollen Eltern ihren Kindern zu Autonomie und kritischem Urteilsvermögen verhelfen und erleben dann, wie sie sich der digitalen Verblödungsmaschine an den Hals werfen und zu Anhängseln ihrer Tablets und Smartphones werden.“ Sein Traum ist: „Die Menschen werfen ihre Handys, Tablets und Laptops aus dem Fenster, sie verlassen ihre Häuser und entdecken das fast schon in Vergessenheit geratene Glück des leibhaftigen, direkten Begegnung.“

So ganz blöde scheint die digitale Maschine aber auch für Eisenberg nicht zu sein. Die meisten Texte des Buches sind zuerst digital erschienen: im Internet auf den „Nachdenkseiten“ oder im Online-Magazin „Auswege“. Als Grund, sie nun gedruckt vorzulegen, nennt er: „Veröffentlichungen im Internet sind durch eine große Flüchtigkeit gekennzeichnet: Sie schlagen manchmal ein paar Tage hohe Wellen, dann aber versinken sie ebenso schnell in den Tiefen des World Wide Web und in den Archiven des jeweiligen Blogs.“

Das süchtig machende Aroma der Gefahr

In vielen Aufsätzen des Buches spiegelt sich Eisenbergs Arbeit als Gefängnispsychologe. Und diese gehören zu den besten. Die Lebensgeschichte des Arabers Mohammed aus Haifa etwa, der gebrochen im deutschen Gefängnis landet und um den sich ein Kollege Eisenbergs „aus dem allgemeinen Vollzug“ kümmert, „der sich seine Sensibilität und Mitleidsfähigkeit durch etliche Dienstjahre hindurch bewahrt hat“. Dieser Kollege macht mit Mohammed „eine Art Selbstbewusstseinstraining“. Oder der „Nachruf auf einen Räuber“, der nach einer beeindruckenden kriminellen Karriere von einem anderen Gangster erschossen wird. „Wer einmal das Aroma der Gefahr gekostet hat, will mehr, das ist wie bei anderen Drogen auch“, schreibt Eisenberg.

In der Stadt trifft Eisenberg „W., der sein halbes Leben im Gefängnis verbracht hat“, an einem Geldautomaten. Eisenberg: „Wie ich sehe, hat die Resozialisierung gegriffen: Sie heben Geld mit der EC-Karte ab und nicht wie früher mit dem 38er.“ W. legt ihm den Arm auf die Schulter und sagt: „Jetzt mal mal Spaß beiseite: Das Leben ist ganz schön hart. Wenn die Eltern nicht dafür sorgen, dass mer was Gescheites lernt in der Kindheit, hat man sein Leben lang die Arschlochkarte gezogen. Das kann ich dir sagen.“

Entzauberte Kriminelle

Als Eisenberg vor 30 Jahren seinen Job im Knast antrat, sah er in Kriminellen noch Helden. Er habe in raffinierten Eigentumsdelikten „verhinderte Staatsstreiche „ und in Verbrechern „missglückte Revolutionäre“ gesehen, ausgehend von Brechts berühmten Fragen aus der Dreigroschenoper: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Er habe dann begriffen: „Der Verbrecher ist nicht ein Feind dieser Gesellschaft, sondern jeder Gesellschaft. Ja mehr noch: Der erfolgreiche Parasit muss auf das Wohl seines Wirts bedacht sein, und so hat der Bankräuber keinerlei Interesse an der Abschaffung des Privateigentums, sondern lebt von ihm, wie die Made im Speck.“

Den Strafvollzug sieht Eisenberg dennoch kritisch: „Von oben verordnete ‚Behandlungsmaßnahmen‘, denen der Gefangene sich unterziehen muss, wenn er in den Genuss von Haftlockerungen und einer vorzeitigen Entlassung kommen will, erzeugen häufig nichts anderes als eine Knechtsgesinnung, eine Atmosphäre systematischer Heuchelei.“

Das Buch endet an der Gefängnispforte. Eisenberg fragt sich, welche Spuren der Schlüssel in der Seele des Schließenden hinterlässt: „Wie steht es nach dreißig Berufsjahren im Gefängnis und der jahrzehntelangen Teilnahme am Wegsperren anderer Menschen um meine Würde?“ Das Gefängnisleben mache das Herz eines Mannes zu Stein, hat der Dichter Oskar Wilde nach seiner Haft geschrieben. Eisenberg ergänzt: „Dieser Satz gilt nicht nur für die Häftlinge, denen es mitunter gelingt, dieser Versteinerung durch die Entwicklung von Brüderlichkeit und Solidarität zu entgehen, sondern vor allem für Menschen, die dort arbeiten und sich im Laufe der Jahre zur bloßen Negation des Gefangenen entwickeln, zum personifizierten Nein. Sie negieren den Gefangenen und indem sie ihn wegschließen, schließen sie immer aufs Neue den Teil der eigenen Person mit ein, der ihnen fremd und bedrohlich geworden ist.“

Götz Eisenberg: Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst – Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus Band 2, Gießen 2016, Kartoniert , Edition Georg-Büchner-Club im Verlag Wolfgang Polkowski, 320 Seiten,24,90 €, ISBN 978-3-9818195-1-9

Band 1 von Eisenbergs Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus ist 2015 im Verlag Brandes & Apsel erschienen. Unsere Besprechung steht hier www.wetterauer-landbote.de

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