Der Fall Assange

Die Chronik beim Dokumentarfilmtag

Von Michael Schlag

Prüfen von Informationen und Weitergabe an die Öffentlichkeit, das ist in Kürze die Berufsbeschreibung von Journalisten. Können Journalisten und ihre Informanten darüber zu Staatsfeinden werden mit Androhung jahrzehntelanger Haft? Ja, können sie, auch in der demokratischen Welt von Westeuropa und Nordamerika. Und so verlässt man das Kino nach dem Film „Der Fall Assange: Eine Chronik“ mit dem mulmigen Gefühl: Wie stabil ist eigentlich die Freiheit von Information und Presse und unter welchem Schutz stehen alle die, die sie brauchen, um ihren Beruf auszuüben?

„Der Fall Assange“ lief beim Hessischen Dokumentarfilmtag am 18. September im Frankfurter Arthouse Kino Harmonie. Der Film zeigt die Verfolgung von Julian Assange, Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, ab April 2010. Damals veröffentlichte Wikileaks ein wackliges schwarz-weiß Video mit dem Titel „Collateral Murder“. Gefilmt aus einem amerikanischen Militärhubschrauber zeigt es, wie US-Soldaten aus der Luft Zivilisten auf einer Straße in Bagdad erschießen. Wenig später wird Julian Assange in Schweden der Vergewaltigung beschuldigt. Assange befürchtet die Auslieferung in die USA, die ihn der Spionage und des Geheimnisverrats anklagen wollen, und findet Asyl in der Botschaft von Ecuador in London. Das Asyl dauert schließlich sieben Jahre. Die Vorwürfe wegen Vergewaltigung in Schweden wurden zwar längst fallen gelassen, dennoch kommt

Die ganze Geschichte

Assange bis heute nicht frei, sondern sitzt nach Entlassung aus der Botschaft Ecuadors in London in Haft. Die britische Regierung will ihn an die USA ausliefern, was ein Team von Anwälten immer wieder so gerade eben verhindern kann. Der Film erzählt die ganze Geschichte Jahr für Jahr aus Sicht seiner Anwälte und derer, die sich für ihn einsetzen. Wie sich die Schlinge um Assange immer weiter zusammenzieht, sich auch kurz einmal lockert, aber es wird auch klar: Die amerikanische Justiz will Assange nie mehr in Freiheit sehen. Im Original heißt der Film wesentlich ausdrucksstärker „Hacking Justice“ – wie Justiz und Geheimdienste die Pressefreiheit kriminalisieren. Der letzte Stand: Julian Assange bleibt in Haft in Großbritannien, wird aber aufgrund seiner ruinierten Gesundheit einstweilen nicht ausgeliefert. Eine Freilassung auf Kaution lehnt die britische Justiz wegen Fluchtgefahr ab.

Die Anwälte. Rechts: Baltasar Garzón.
Clara López Rubio. (Foto: Michael Schlag)

Der Ursprung des Films liegt in Spanien. Regisseurin Clara López Rubio erzählte beim Filmgespräch nach der Vorstellung in Frankfurt, man habe eigentlich einen Film über den Juristen Baltasar Garzón machen wollen. Er verfolgte als Richter in Spanien politische Korruption, Terrorismus, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und übernahm, nunmehr als Anwalt, die Leitung des juristischen Teams zur Verteidigung von Assange. Die Filmemacher schlossen sich ihm an und „wir dachten, wir begleiten den Fall ein Jahr, dann ist er gelöst“, sagt Rubio, doch es wurden zehn Jahre daraus.

Whistleblowing ist unbedingt Quellenschutz

Simon Gerdemann . (Foto: Michael Schlag)

Im Film geht es um mehr als eine Anklage wegen Geheimnisverrat und Spionage und um das internationale juristische Tauziehen um eine Person. Für Anwalt Baltasar Garzón zeigt der Fall den wachsenden Einfluss der Geheimdienste auf die Informationsfreiheit und letztlich die Gefährdung der Demokratie. Simon Gerdemann vom Projekt ‚Wirkungsanalyse des deutschen und europäischen Whistleblowing-Rechts‘ der Deutschen Forschungsgemeinschaft drückt es so aus: „Staatliche Stellen sind schnell nervös, wenn Interna nach außen dringen.“ Die Bedrohung schlägt am Ende durch auf jeden einzelnen Reporter, der irgendwo seine Arbeit macht. Denn Eins ist auch klar, sagt Peter Gerhardt vom Hessischen Rundfunk: „Am Ende stehen die Menschen alleine vor Gericht.“ Welche Unterstützung kann der Einzelne dann erfahren, was können zum Beispiel journalistische Organisationen tun? Die Antwort ist immer dieselbe: „Öffentlichkeit herstellen“ – es ist das Einzige was hilft, gegen diejenigen, die die Öffentlichkeit fürchten. Gerhardt: „Ohne öffentliche Unterstützung würde Assange im Gefängnis verrotten oder wäre schon tot.“

Ina Knobloch. (Foto: Michael Schlag)

Es bleibe aber unbedingte Aufgabe von Journalisten, „die Integrität der Dokumente zu prüfen,“ sagt Ina Knobloch, Frankfurter DJV-Vorsitzende. Die Daten würden schließlich unter journalistischem Schutz weitergegeben. Whistleblowing sei unbedingt Quellenschutz, denn „wer sich traut, ist seines Lebens nicht mehr sicher“. Die Dokumente, die Wikileaks veröffentlicht hat, haben sich immer als echt erwiesen, nie wurde die Wahrheit bezweifelt, sagt Julian Assange an einer Stelle im Film. Sind damit alle journalistischen Kriterien erfüllt? Für Peter Gerhardt vom HR gehört mehr dazu: Man solle nicht nur fragen, was ist wahrhaftig und richtig, sondern auch „was löse ich damit aus.“ Denn, „wenn es vor Gericht geht, ist der Quellenschutz nichts mehr wert.“

Die Diskussionsrunde im Frankfurter Kino Harmonie von links nach rechts: Die Frankfurter DJV-Vorsitzende Ina Knobloch, Regisseurin Clara López Rubio, Hannes Karnick von der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm, Simon Gerdemann von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Peter Gerhardt vom Hessischen Rundfunk. (Foto: Michael Schlag)

Der Film Hacking Justice / Der Fall Julian Assange zeigt die ganze Geschichte aus der Perspektive der Anwälte, man weiß immer, aus welcher Sicht berichtet wird. Und das ist Absicht, sagt Regisseurin Clara López Rubio: „Wir wollten keinen fachlichen Film mit Experten machen“ (mit den verschiedenen Positionen, ihrem Pro und Contra usw.). Es ist ein Film über die Freiheit der Information und in welche Mühlen jemand gerät, der sich hier partout nichts vorschreiben lässt. Rubio: „So ist alles dokumentiert und wir sind alle Zeitzeugen.“

Der Film ist am 14. Oktober 2022 um 02:10 Uhr noch einmal im Mitteldeutschen Rundfunk zu sehen mdr.de

und er läuft am 11. November um 20:15 Uhr im Kino CasaBlanca in Bad Soden / Taunus mit anschließendem Filmgespräch mit Regisseurin Clara López Rubio casablanca-badsoden.de

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