Christopher Kloeble

Reise in die Kolonialzeit Indiens

von Jörg-Peter Schmidt

Den Auftakt der Wiederkehr der kulturellen Veranstaltungen, zu denen die Stadt- und Schulmediothek der Clemens-Brentano-Europaschule Lollar (CBES) in diesen Wochen einlädt, kann man als gelungen bezeichnen. Der Kreis an Besucherinnen und Besuchern (es waren etwa 20) war klein, aber um so größer der Beifall nach der Lesung des deutschen Schriftstellers und Drehbuchautors Christopher Kloeble. Er stellte seinen neuen Roman „Das Museum der Welt“ vor.

Schon die Inhaltsangabe des Verlags dtv, in dem die Erzählung als gebundene Ausgabe und als Taschenbuch  2020/2021 erschienen ist, macht neugierig: „Bartholomäus ist ein Waisenjunge aus Bombay, mindestens zwölf Jahre alt und er spricht fast ebenso viele Sprachen. Daher engagieren ihn die deutschen Brüder Schlagintweit, die 1854 mit Unterstützung Humboldts zur größten Forschungsexpedition ihrer Zeit aufbrechen, als Übersetzer für ihre Reise durch Indien und den Himalaya. Bartholomäus folgt ihnen fasziniert, aber misstrauisch: Warum vermessen ausgerechnet drei Deutsche das Land, sammeln unzählige Objekte, wagen sich ins unbekannte Hochgebirge, riskieren ihr Leben? Es ist doch seine Heimat – und er will der Mann werden, der das erste Museum Indiens gründet.“

Autor lebt in Berlin und Neu-Delhi

Bevor man mehr von dieser Geschichte erfahren konnte, stellten Andrej Keller (Schulleiter) und Gerd Weitmann vom  pädagogischen Bereich der Schule, der auch dem Team der Mediothek angehört, Christopher Kloeble vor: Der Sohn des  Schauspielers, Produzenten und Hörspielsprechers Til Erwig las 2010 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbwerb in Klagenfurt  und schrieb das Drehbuch für die 2011 im Fernsehen  ausgestrahlte  Sendung  „Inklusion – gemeinsam anders“. Der für seine Sachbücher   und Romane mehrfach mit Auszeichnungen bedachte Schriftsteller, der mit einer  Inderin verheiratet ist, lebt abwechselnd in Berlin und Neu-Delhi, aus dem seine Frau stammt.

Forscher Schlagintweit waren sehr bekannt

Kloeble kennt sich also in Indien aufgrund eigener Erfahrungen aus und dort spielt auch seine Geschichte, die, wie bereits erwähnt,  zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts führt. Der junge Inder Bartholomäus, der auch Deutsch spricht und immer wieder Material für sein noch zur gründendes Museum sammelt, ist fiktiv, nicht aber die drei Brüder Adolf, Hermann und Robert Schlagintweit aus Bayern. Sie waren zu ihrer Zeit überregional bekannt und unternahmen zunächst  biologische Untersuchungen in den Alpen, erkletterten unter anderem den Großglockner. Der Empfehlung von Alexander von Humboldt folgten sie und reisten für die East India Company durch Indien und den Himalaya. Nur zwei der Brüder kehrten zurück – warum, erfährt man in dem Buch, das wenige Jahre vor dem ersten Unabhängigkeitsaufstand  gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien spielt.

Die Brüder Schlagintweit: von links:  Robert, Adolf und Hermann. (Fotoquelle:  Wikipedia)
Faszinierendes Land

Bereits bei der Lesung des Autors aus Anfangskapiteln war in der Mediothek die Spannung zu spüren, die den Roman auszeichnet. Der Schriftsteller hätte sicherlich noch weiter rezitiert, aber die Zuhörer stellten so viele interessante Fragen, dass sich das weitere Vorlesen  erübrigte. Christopher Kloeble berichtete über historische  Widerstände von Indern gegen die englischen Besatzer, über indische Bräuche, über die Sprachenvielfalt, über die Religion, über die  Kluft zwischen Arm und Reich und über die heutigen Corona-Probleme  in diesem  traditionsreichen, faszinierenden, weiten Land.

Vielfältige Natur erforscht

Auch sprach er über das Leben der Brüder Schlagintweit, die auch in Indien unter anderem die Natur  erforschten und darüber Werke publizierten, die beispielsweise Jules Verne interessierten. Dass sie auch „rassenkundliche“ Untersuchungen vornahmen, wird heute  mit Distanz gesehen.

Andrej Keller (Mitte) und Gerd Weitmann stellten den Autor vor. 
(Foto: Jörg-Peter Schmidt)

Mehr soll über die Abenteuer von Bartholomäus und den drei bayerischen Forschern nicht verraten werden.  Es macht Spaß, in diesem Buch zu lesen, bei dem man allerdings entweder auf nostalgische Art dicke Lexika zur Hand nehmen oder vielfach googeln sollte. In dem Text tauchen zahlreiche Begriffe aus dem Leben in Indien auf, die nicht erläutert werden, beispielsweise Begriffe, die von köstlichen Gerichten handeln.  Was ist also Handvo?  Es handelt sich um einen hervorragenden Gemüsekuchen.   Gleich mehrere  solcher  Köstlichkeiten werden in der Erzählung erwähnt. Man bekommt  also  nicht nur Lesehunger… 

„Das Museum der Welt“ gibt es bei dtv als gebundene Ausgabe (24 Euro) oder als Taschenbuch (14 Euro)   und als Hörbuch. 

     

Titelbild: Christopher Kloeble, Drehbuchautor und Schriftsteller. (Foto: Jörg-Peter Schmidt)

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