Antifaschismus

„Wir wollten frei sein“

Von Bruno Riebgoeb

Dreizehn Mitglieder der „Ehrenfelder Gruppe“ wurden am 10. November 1944 in Köln öffentlich hingerichtet – ohne Gerichtsverhandlung. Sechs der Getöteten waren zwischen 16 und 18 Jahre alt. Lange wurde der Gruppe nach dem Ende des Nazi-Regimes die Anerkennung als Widerstandskämpfer verweigert. Wie es dazu kam, zeichnet der in Frankfurt am Main lebende Autor Alexander Goeb in seinem Buch „Die verlorene Ehre des Bartholomäus Schink – Jugendwiderstand im NS-Staat und der Umgang mit den Verfolgten von 1945 bis heute“ nach.

Verbrecher oder Widerstandskämpfer

Die Ehrenfelder Gruppe ging mit Waffengewalt gegen Nazis vor, tötete mehrere NS-Funktionäre. Sie unterstützte Zwangsarbeiter und in den Trümmern versteckte Juden. Sie hatte Waffenlager und versorgte sich durch Einbrüche. Durch die Exekution der 13 Gruppenmitglieder wollte das Nazi-Regime in den letzten Kriegstagen Stärke beweisen und vom Widerstand abschrecken. Zwei der Hingerichteten waren Kommunisten, einer ein entflohener KZ-Häftling. Die sechs Jugendlichen gehörten den Edelweißpiraten an, einer oppositionellen Jugendgruppe, die sich immer wieder Scharmützel mit der Hitlerjugend lieferte.

Antifaschismus im Zwielicht

Trotzdem galten die Hingerichteten noch lange nach dem Ende des Nazi-Regimes als Verbrecher und Rowdys. Erst 2005 wurden sie als Widerstandskämpfer anerkannt. „Wie konnte es geschehen, dass 15-, 16-, 17-, 18-jährige Jugendliche sich bis an die Zähne bewaffneten und sich in einem regelrechten Krieg gegen die immer noch sehr präsente Nazi-Macht stürzten, gegen Trupps der Gestapo und der SS, ohne dass dies als politischer Widerstand bewertet wurde?“, fragt Goeb in seinem Buch. Und: „Wie war es möglich, dass das Verbrechen ihrer Ermordung über dreißig Jahre vor der Öffentlichkeit verborgen blieb, bis in den 1970er Jahren endlich unüberhörbar darüber gesprochen und gestritten wurde?“

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Alexander Goeb

Goeb selbst hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Ermordung der Mitglieder der Ehrenfelder Gruppe zu einem öffentlichen Thema wurde und er hat auch mit dafür gesorgt, dass sie als Widerstandskämpfer anerkannt wurden. Als Redakteur der linken Wochenzeitung „Deutsche Volkszeitung“ veröffentlichte er am 2. November 1978 die große Reportage „Widerstandskämpfer oder Verbrecher? Das kurze Leben des Bartholomäus Schink“. Schink war einer der hingerichteten Edelweißpiraten. Er wurde zur Symbolfigur des Widerstands der Jugend gegen das Nazi-Regime in Köln. Aus der Reportage wurde das Buch „Er war sechzehn, als man ihn hängte – Das kurze Leben des Widerstandskämpfers Bartholomäus Schink“. Das Buch erschien im Rowohlt-Verlag in der Taschenbuchreihe rororo „Panther“ und erlebte zahlreiche Auflagen, zuletzt 2012.

Wie Widerstand bewertet wird

Wie also konnte es geschehen, dass die Ehrenfelder Gruppe so lange als Verbrecherorganisation betrachtet wurde? „Das Bedürfnis, den schmählichen ‚Zusammenbruch‘ hinter sich , die Vergangenheit rasch zu ‚bewältigen‘ und von der ‚Stunde null‘ aus neu zu starten, war in weiten Teilen der Bevölkerung groß“, beschreibt Goeb in seinem neuen Buch „das politische Terrain, auf dem sich nach dem Kriege die Verunglimpfungen der jugendlichen Edelweißpiraten abspielte“. Und die alten Nazis hatten wieder Karriere gemacht. „Nach und nach rückten immer mehr NS-Funktionsträger in Politik, Justiz und Verwaltung ein. Gleichzeitig – und in direkter Konsequenz dieser auf ‚Normalisierung‘ und ‚Integration‘ zielenden Schlussstrichpolitik – sahen sich diejenigen, die die Zuchthäuser und KZs überlebt hatten oder aus dem Exil zurückgekehrt waren, erneuter Verfolgung ausgesetzt.“ Und es geht auch darum, wie Widerstand und Widerstandskämpfer bewertet werden. Goeb: „Im Kern ging und geht es um den Begriff des Widerstandes, der sowohl auf wissenschaftlicher Ebene als auch in der Bevölkerung äußerst unterschiedlich verstanden wird. Dabei entstand und entsteht der Eindruck, als müsse jemand, der Widerstand leistet, mindestens das A bitur mitbringen, um die Dimension seiner Handlungen erkennen zu können, oder das intellektuelle Potenzial besitzen, die Gründe für seinen Widerstand in wohlgesetzten Worten zu formulieren.“ Die Ideologie der Edelweißpiraten war ganz einfach: „Wir wollten frei sein von jedem Zwang und nennen uns deshalb Gruppe Edelweiß“, erzählte die Edelweißpiratin Gertrud Kühlem, spätere Koch, Alexander Goeb. Das Edelweiß wurde als Symbol gewählt, weil es hoch oben in Eis und Schnee blüht, naturgeschützt ist und es keiner pflücken darf.

Mehr als 70 Jahre nach ihrer Ermordung sei es an der Zeit, die Ehrenfelder Jugendlichen in gleicher Weise zu ehren wie die Geschwister Scholl, lautet Goebs Fazit.

Alexander Goeb: Die Verlorene Ehre des Bartholomäus Schink“, Brandes & Apsel 2016, 180 Seiten, Französische Broschur mit zahlreichen Abbildungen, 14 x 20,7 cm, 16,90 Euro, ISBN 978-3-95558-162-6

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