Antifaschismus

Der Mut der einfachen Leute

von Ursula Wöllkellner

Wer war Friedrich Kellner, nach dem in Laubach eine Straße benannt ist? Er war ein mutiger Mensch, der von 1939 – 1945 Tagebuch schrieb. Er gab ihm den Titel „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“ und versteckte es im Geheimfach eines Schrankes in seiner Wohnung. Die lag im ersten Stock des Laubacher Amtsgerichtes. Friedrich Kellner war Justizinspektor und über ihm wohnte der Amtsrichter. Am 4. November 1970, vor 45 Jahren, starb Kellner im Krankenhaus Lich.

Eine Geschichte aus Laubach

Die Tagebücher des Dresdener Professors Viktor Klemperer wurden berühmt, die des Laubacher Justizangestellten Friedrich Kellner bisher weit weniger. Denn erst vor wenigen Jahren wurden die in Sütterlin beschriebenen zehn Bücher gedruckt und zwar in zwei Bänden des Wallstein-Verlags mit 1128 Seiten. Ediert wurden sie von der ‚Arbeitsstelle für Holocaust-Literatur‘, die bei den Germanisten der Giessener Uni angesiedelt ist und von Professor Sascha Feuchert geleitet wird. Selbst diese Stelle hatte lange keine Ahnung von der Existenz der zehn Tagebücher, von denen neun bei einem Enkel Kellners in Amerika gelandet waren. Der Enkel stellte sie zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, also erst nach dem Tod des Verfassers, dort in Texas aus, worüber der ‚Spiegel‘ eine Notiz brachte. Und die wurde auch in Giessen gelesen. So fanden die Texte ihren Weg zurück nach Hessen. Die Giessener Fachleute spürten sogar das verschollene zehnte Buch auf, es lag in Villingen, bei einem ehemaligen Auszubildenden und Vertrauten Friedrich Kellners.

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Das ehemalige Amtsgericht in Laubach.                                                                             (Fotos: Wöll)

Friedrich Kellner wie auch seine Frau Pauline waren zuvor in Mainz kellner1zuhause. Als Sozialdemokrat stand Kellner natürlich von Beginn an zu Hitler in Opposition. Vielleicht dachte er, dass im ländlichen Laubach die Hitlerei weniger ihr Unwesen trieb, jedenfalls ließ er sich an das dortige Amtsgericht versetzen und zog mit Frau und Kind in den ersten Stock des großen Gebäudes. Heute gibt es in Laubach kein Amtsgericht mehr, aber das grün gestrichene Gebäude steht noch, wenn auch nicht im besten Zustand. Nur der pompöse Eingang zeugt noch von seiner einstigen Funktion. Nachdem Justitia ausgezogen war, diente das Haus als Altersheim, jetzt sind Flüchtlinge in ihm untergebracht.

Innere Emigration

Auch in Laubach fiel Kellner bald auf.  Etwa, wenn er es ablehnte, Parteigenosse in der NSDAP zu werden, wenn seine Frau nur nach großem Drängen einer Frauenorganisation beitrat, wenn die Kellners bei den vielen Sammlungen die Tür nicht öffneten oder nur wenig gaben. Etliche Mal wurde er von Gutmeinenden gewarnt, es nicht zu weit zu treiben und im KZ zu landen. Auch wurde er zu seinem Vorgesetzten nach Giessen zitiert, der ihm seine passive Haltung dem Regime gegenüber vorwarf. Man hätte gern mehr gewusst über dieses jahrelange Versteckspiel und die davon erzeugten Ängste, aber damals war es noch nicht üblich, sich breit über seine Befindlichkeiten zu äußern. Am 23. November 1943 schreibt Kellner: „Es bedarf keiner besonderen Erläuterung, dass derartige Urteile (3 Todesurteile) Schrecken verbreiten. Erregung von Schrecken durch Gewaltmaßnahmen dient zur Einschüchterung des gesamten Volkes“.

Gelebter Antifaschismus

Die Tagebücher sprechen weniger von Angst, viel eher von einer großen Wut über den Krieg und die Verführbarkeit seiner MitbürgerInnen. Als Chronist wollte der Schreiber seinen Beitrag leisten, da er aktuell keine Möglichkeit des Widerstankellner3des sah. Er wollte künftige Generationen warnen. Dieses Ziel seiner säuberlichen Eintragungen in blauer Tinte nennt Friedrich Kellner gleich auf der ersten Seite. Er wolle der Nachwelt die ungeschminkte Wahrheit hinterlassen, damit eine spätere Generation daraus keine „heroische Zeit“ konstruiert. Fast täglich macht er seinem Hass auf die Nazis und seinem Zorn über die Mitmenschen Luft. „Volk ohne Hirn“ notiert er in Abwandlung der NS-Parole „Volk ohne Raum“. Aufmerksam notiert er, was die Leute in seiner Umgebung erzählen und wie sie der plumpen Propaganda auf den Leim gehen. Als ein Soldat auf Heimaturlaub von Massenerschießungen jüdischer Frauen und Männer berichtet und dann Juden aus Laubach (die Familien Strauß und Heinemann) deportiert werden, schreibt er am 16. September 1942: „Solche Schandtaten werden nie aus dem Buche der Menschheit getilgt werden können. Unsere Mörderregierung hat den Namen ‚Deutschland‘ für alle Zeiten besudelt.“

Wie die Kriegsbegeisterung schwindet

Auch das Kriegsgeschehen, das immer mehr Länder erfasst, verfolgt Friedrich Kellner intensiv und mit Abscheu. Er klebt etwa 700 Zeitungsartikel aus dem Völkischen Beobachter, der Hessischen Landeszeitung und dem Hamburger Fremdenblatt zwischen seine Zeilen und kommentiert sie, indem er hinter die Phrasen schaut. Akribisch zeigt er auf, wie die Propaganda die Tatsachen verdreht und den Führer verherrlicht. Er zeigt aber auch, dass die Kriegsbegeisterung schwindet, denn im Laufe der Zeit melden immer weniger der zahlreichen Todesanzeigen, dass der Soldat für seinen geliebten Führer gefallen ist.

Die beiden Bände sind relativ teuer, man findet sie jedoch in Stadtbibliotheken und mehrmals in der Universitätsbibliothek Giessen, die auch NichtstudentInnen kostenlos offensteht, wenn sie sich einen Leseausweis ausstellen lassen. Friedrich Kellner half nach Kriegsende beim Wiederaufbau der Laubacher SPD, zog dann mit Pauline für kurze Zeit zurück nach Mainz, lernte seinen Enkel Robert Scott Kellner kennen, der ihn mehrmals in Laubach besuchte. Ihm vertraute er die Originale an, die heute bei der ‚Arbeitsstelle Holocaustliteratur‘ liegen (holocaustliteratur.de). Unter library.fes.de kann man den Text „Chronist der Verblendung“ von Markus Roth herunterladen.

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