Lutherweg – von Worms nach Osthofen
Manche wandern gern – warum auch immer. Den Lutherweg 1521 von Worms nach Eisenach kann man in 14 Tagen am Stück absolvieren. Oder auch in Tagesetappen mit jeweiliger An- und Abreise per Zug und Bus. Der Weg ist meist flach und berührt viele interessante Orte. In einer Serie beschreibt Landbote-Redakteur Klaus Nissen, was er auf dieser Strecke erlebt.Lutherweg – die erste Etappe
Wir sind uns nie begegnet – Martin Luther und ich. Und das ist auch gut so. Den 1483 geborenen Reformator und den Journalisten trennen mehr als 500 Jahre. Weltanschaulich ist die Distanz zwischen uns ungefähr genauso groß. Auch unsere Vorlieben und Gewohnheiten unterscheiden sich stark. Ich zum Beispiel laufe freiwillig und vergnügt von Worms nach Eisenach, während Luther eher unwillig und unter Lebensgefahr die 360 Kilometer lange und sechstägige Tour im Pferdewagen auf sich nahm.

Der Provinzialvikar der Augustiner-Eremiten hatte 1521 die Geldsammlung seines Vorgesetzten Albrecht von Brandenburg („Wenn die Münze in den Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“) angeprangert und wurde deshalb von Papst Leo X. exkommuniziert. Kaiser Karl V. musste entscheiden, ob er Luther unter Reichsacht stellte. Der aufmüpfige Noch-Katholik bekam für eine Disputation freies Geleit zugesichert. Also reiste er von Wittenberg nach Worms, um sich vor dem Reichstag zu rechtfertigen.
Der Lutherweg von 1521 ist gut markiert
Am 26. April 1521 bestieg er in Worms seinen Reisewagen für die Heimfahrt. 505 Jahre und vier Monate später mache ich mich daran, seinen Spuren zu folgen. Es ist ein trockener, milder Herbsttag. Es soll nur eine kurze Etappe werden. Also besichtige ich in Worms nach dem Dom auch noch den Heiligen Sand – den ältesten Judenfriedhof Deutschlands. Die ersten Gräber wurden um das Jahr 1040 angelegt, die immer noch aufragenden Grabsteine mit den hebräischen Inschriften sind also fast tausend Jahre alt. Eine Aufpasserin am Eingang ermahnt mich, das Haupt bedeckt zu halten. Und schimpft mit mir, weil ich mich nicht ausschließlich auf den Wegen aufhalte.

Und los! Im Telefon habe ich den gpx-Track des Lutherweges auf eine Navigationsapp geladen. Die brauche ich selbst in der Stadt nur manchmal. Immer wieder sind Aufkleber und Schildchen mit dem blauen L an Straßenlampen und Bäumen zu sehen. Diese Markierung hat der in Romrod bei Alsfeld ansässige Lutherweg-Verein organisiert. Sie sind auf der ganzen Strecke recht zuverlässig zu finden.
Durch den Schlosspark der Herren von Dalberg
Der Weg führt mich vom Wormser Hauptbahnhof über eine baumgesäumte Ausfallstraße zum Bächlein Pfrimm, an dessen Seite ich ein Stück nordostwärts dem Rhein zustrebe. In Neuhausen auf einer ehemaligen Bahntrasse durchs Grüne dann nach Nordwesten, bis das Dörfchen Herrnsheim erreicht ist. An dessen Rand steht das Schloss der Freiherren von Dalberg. Das Uradelsgeschlecht stellte einst die Kämmerer der Reichsstadt Worms. Sie waren Fürstbischöfe in Mainz, und Karl Theodor von Dalberg regierte zu Napoleons Zeiten die Stadt Frankfurt.
Heute ist das Schloss der Dalberger eine Eventlocation im Besitz der Wormser. Dahinter öffnet sich der große, mit Wiese, alten Bäumen und Teich ausgestattete Schlosspark auch für die Plebs. Ich stiefele quer über die Wiese nach Norden.
Jenseits des Parks beginnen die Weinfelder des Rheingaus. Meist eben, ausgedehnt und weitläufig ziehen sich die an Drahtzäune gefesselten Rebstockreihen. Ich wandere mal auf Schotter, mal auf Beton zwischen Grauburgunder, Riesling und Rotling. Nur an wenigen Stöcken hängen noch die Trauben. Sie sind in diesem Jahr ziemlich klein. Der Boden staubt. Er kann das Wasser nicht halten, das die wenigen Regenfälle der letzten Wochen brachten. Das wenige Gebüsch, das die Weinbauern hier dulden, lässt die Blätter hängen.
Beim ersten Schuss zucke ich noch zusammen. Drehe mich um und suche den Schützen. Will er mir ans Leder? Schon wieder ein Knall, und alle drei bis fünf Minuten wieder, irgendwo aus den Weinfeldern. Die Winzer vergrämen mit Gasexplosionen die Vögel.

Nach gut zehn Kilometern drehe ich mich um. Im Süden sind die Gewerbehallen und der Dom von Worms zu sehen. Links hinten drehen die Rotoren eines riesigen Windparks. Rechts, gegen Osten, fällt das Gelände nur wenige Meter entfernt gut zehn Meter tief ab. Ich laufe die ganze Zeit auf der Rheinterrasse. In der Eiszeit hat der Wind hier über Jahrtausende Staub seitlich des Rheins abgelagert. Auf diesem feinen Löß wächst nun der Wein.
Ein Abschluss-Döner in Osthofen
Ich biege rechts ab. Genau auf der Abbruchkante liegt über Osthofen die uralte Bergkirche hinter einer Mauer. Links daran vorbei steige ich in das Weindorf hinab, an dessen Rand die Nazis das Konzentrationslager Osthofen betrieben. Heute ist dort eine Gedenkstätte, an der man Genaues aus der grausigen Vergangenheit erfährt.
Ich muss mich aber sputen. Die 15 Kilometer von Worms habe ich an einem Nachmittag zurückgelegt. Die Rückfahrt via S-Bahn und Regionalexpress über Worms und Lorsch in die Wetterau dauert zweieinhalb Stunden. Vor dem Bahnhof in Osthofen bleiben mir gerade zehn Minuten, um bei Nazar am Fischmarkt einen Döner und ein Ayran zu erstehen. Wandern macht Hunger und Durst.
Martin Luther wird am ersten Reisetag (26. April 1521) deutlich weiter gekommen sein als ich. Vielleicht hat er in Bechtheim übernachtet. Dieses schöne Winzerdorf werde ich in der nächsten Wanderetappe erreichen.
